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LITERATUR: Michael Kumpfmüller – aufrichtiger Blick in die Seele eines Mannes

Das Vatersein findet den Weg in die Literatur. Gutes Beispiel: Michael Kumpfmüllers «Die Erziehung des Mannes» erzählt das Liebes- und Vaterleben eines modernen Mannes.
Hansruedi Kugler
Michael Kumpfmüller überrascht positiv. (Bild: PD/Joachim Gern)

Michael Kumpfmüller überrascht positiv. (Bild: PD/Joachim Gern)

Er mache gute Erfahrungen als «weiblicher Mann», gab Michael Kumpfmüller kürzlich im Radio zu Protokoll – also weich und emotional. Als Vater von Kindern aus zwei Ehen kenne er die möglichen Abgründe von Partnerwechsel, Scheidungsdramen und Kindergezerre. Ob man aus diesem alltäglichen Material einen packenden Roman schreiben kann? Kumpfmüller gelingt dies über weite Strecken souverän. Nicht zuletzt, weil er den Geschlechterkampf mit nüchterner Sprache als männliche Emanzipationsgeschichte beschreibt. Selten bekommt man einen so aufrichtigen Blick in eine Männerseele zu lesen und eine letztlich so gelassene Vaterliebe. Das ist bemerkenswert als willkommene Ergänzung zur literarisch weit öfter beschriebenen weiblichen Perspektive.

Mal Mutter-, mal Vaterrolle

Fünfzig Jahre, vier Frauen, drei Kinder – so die knappste Zusammenfassung von Georgs Leben. Eines war ihm schon früh klar: Ich werde Komponist. In Liebesdingen erweist er sich als unstet. Seine Jugendliebe Therese vergisst er schnell, lebt sieben Jahre ohne Sex mit der depressiven Katrin zusammen, verlässt sie für die muntere, aber jähzornige Lehrerin Jule, mit der er drei Kinder hat, bleibt danach zwölf Jahre mit der Musikerin Sonja zusammen.

Als ihn diese erschöpft vom Patchwork-Familien-Stress verlässt, bleibt er lange allein und tut sich mit 65 wieder mit Therese zusammen. Kumpfmüller springt zwischen den Zeiten hin und her und spielt psychoanalytisch geschult Beziehungsmuster durch: Mal übernimmt Georg die Mutter-, dann die Vaterrolle.

Zu den stärksten Passagen gehören jene, in denen Georg seine Kinder beobachtet und präzise beschreibt: die verstockte Greta, die jüngeren Zwillinge Felix und Lotte, die kaum voneinander lassen können. Dass er seine Kinder liebt und genau kennt, steht ausser Frage. Sie werden zur Lebenskonstante.

Literarisches Neuland

Über das Vatersein schwiegen sich Generationen von Schriftstellern aus. Ihre Helden waren Söhne, Liebhaber, Ehemänner, Abenteurer – aber kaum je Väter. Noch bei Max Frisch fand das Vatersein nur in Halb- und Nebensätzen statt. Das hat sich gründlich geändert: Kabarettisten und Kolumnisten haben das Thema entdeckt und bringen ihre Erfahrungen meist mit ironischem bis sarkastischem Ton unter die Leute. Deshalb geht man mit ambivalenter Erwartung an den Roman, wird aber positiv überrascht.

Michael Kumpfmüller ist ohnehin einer der interessantesten Gegenwartsautoren. Zudem ist er einer der wandlungsfähigsten. Mit «Durst» schrieb er 2003 einen beunruhigenden Roman über eine überforderte Mutter, die ihre beiden Buben im Kinderzimmer einsperrt und sie verdursten lässt. Das Erschreckende: Die Frau ist nur ein bisschen neben den Schuhen – kein Wrack, sondern ein Durchschnittsmensch. Der nüchterne Bericht ist ein atemberaubendes Lehrstück, wie Überforderung zur Apathie führen kann.

In «Die Erziehung des Mannes» fährt er fort in seiner Erkundung des Menschseins. Manchmal fühlt sich Georg wie ein unterwürfiges Hündchen, handelt aus schlechtem Gewissen, der sich schuldbereit unterwirft. Später wird er zum selbstgerechten Kerl, der seine geschiedene Exfrau nur noch als hasserfüllte Furie beschreiben kann.

Einfühlsame Stütze

Michael Kumpfmüller präsentiert uns also ein ganzes Liebes- und Vaterleben. Man muss hinzufügen: Es ist ein deutsches Leben, geprägt vom militaristischen Oberschicht-Vater, der das rup­pige Vaterbild der Nachkriegsgeneration etwas gar schablonenhaft verkörpert: Die Ehefrau wird wie eine Magd behandelt, seine Liebhaberinnen gehen ein und aus, die Kinder werden abgekanzelt und gedemütigt. Also definitiv kein Vorbild als Mann und Vater.

Doch kann man das als Sohn überleben und trotzdem seinen eigenen Kindern eine einfühlsame Stütze sein? Kumpfmüllers optimistische Antwort: ja. Auch Georgs Kinder überstehen das zermürbende Scheidungsgezerre der Eltern. Kumpfmüller braucht keine Suizide, keine Eifersuchtsmorde, keine Drogenabstürze zu erfinden. In diesem Sinne ist sein Roman unspektakulär, aber gerade deshalb umso zugänglicher.

Hansruedi Kugler

Michael Kumpfmüller: Die Erziehung des Mannes. Kiepenheuer & Witsch. 317 S., zirka Fr. 28.–.

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