LITERATUR: Musik und Tanz lösen selbstkritische Erinnerungen aus

Eine Frau zieht in der Mitte des Lebens Bilanz. Die Hauptfigur in «Swing Time», dem neuen Roman der Britin Zadie Smith, kann von einem aufregenden Leben berichten, das sie mit vielen Teilen moderner Popkultur in Kontakt bringt.

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Zadie Smith (42) lässt eine Frau erzählen, die stets im Licht anderer Leute steht. (Bild: PD)

Zadie Smith (42) lässt eine Frau erzählen, die stets im Licht anderer Leute steht. (Bild: PD)

Zu Beginn des Romans befindet sich die Erzählerin in vollständiger Isolation, heimgeschickt nach London, in einer Übergangswohnung untergebracht, das Handy ausgestellt. Sie weiss nicht, wie es weitergehen soll, aber die Entscheidung darüber liegt offenbar nicht in den Händen der namenlosen Ich-Erzählerin.

Um etwas Abwechslung zu bekommen, streift sie durch die Stadt und landet zufällig in einem Vortrag, in dem ein Clip aus einem Tanzfilm mit dem legendären Fred Astaire gezeigt wird. Und auf einmal ist die Lethargie verschwunden: «Ich sah all meine Lebensjahre auf einmal, allerdings nicht ordentlich gestapelt, Erfahrung auf Erfahrung, sodass ein tragfähiges Etwas daraus entstand – im Gegenteil. Mir wurde eine Wahrheit offenbar: dass ich immer versucht hatte, mich an das Licht anderer anzuschliessen, dass ich selber nie ein Licht in mir gehabt hatte. Ich erlebte mich als eine Art Schatten.»

Kinderfreundschaft endet mit radikalem Bruch

«Swing Time», der Tanzfilm mit Fred Astaire, bringt die Erzählerin sofort zurück ins Jahr 1982. In einer Tanzschule trifft die Zehnjährige die gleichaltrige Tracey. Die beiden fühlen sich gleich zueinander hingezogen, sind sie doch die einzigen mit brauner Haut. Beide sind begeistert vom Tanzen, aber nur Tracey ist talentiert. Aber sie ist auch undiszipliniert, selbstsüchtig, manipulativ.

Eine Weile bleiben sie Freundinnen, dann kommt es zum radikalen Bruch. Tracey bleibt in ihrer Londoner Sozialbausiedlung und wiederholt das Schicksal ihrer Mutter, gefangen in familiären und wirtschaftlichen Problemen. Ohne die helfende Hand ihrer Freundin scheint sie nichts erreichen zu können.

Die Erzählerin dagegen baut sich eine eigenständige Existenz auf und bekommt dann eine ganz besondere Anstellung. Ein aus Australien stammender Popstar engagiert sie als persönliche Mitarbeiterin, die ihr alles abnimmt. Wieder einmal scheint die Er­zählerin Erfüllung als Anhängsel eines anderen Menschen zu finden.

Aimee, so heisst der Popstar, trägt viele Züge von Madonna, einschliesslich deren Faszination für Afrika und des Wunschs, den Kindern dort zu helfen. Als Vertreterin ihrer Chefin reist die Erzählerin nach Westafrika und sieht sich mit einem Teil ihres persönlichen Erbes konfrontiert. Hier zeigen sich Risse im Arrangement der Erzählerin, sich hinter anderen zu verstecken und sich durch sie zu definieren. Und es kommt ein Prozess in Gang.

Täuschende Einfachheit

All dies erzählt Zadie Smith nicht chronologisch, sondern in einem bunten Durcheinander, das zusätzlich dazu beiträgt, die verschiedenen Nuancen ihres Lebens durch Kontrast zu betonen. Dabei ist die Erzählerin die einzige Quelle für alle Informationen im Buch. So wird zum Beispiel Traceys mit Mängeln behafteter Charakter ausschliesslich so dargestellt, wie die Erzählerin ihn viele Jahre später erinnert. Auch für alles andere sind die Leser auf eine einzige Quelle angewiesen, die nicht als objektiv gelten kann.

Die 42-jährige Zadie Smith hat mit «Swing Time» einen anspruchsvollen Roman vorgelegt, der eine ganze Reihe von Themen in einer täuschend einfachen Erzählung unterbringt. Der Roman ist für den Man Booker Prize nominiert, den wichtigsten britischen Literaturpreis, der im Oktober vergeben wird.

 

Axel Knöhnagel (DPA)

kultur@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Zadie Smith: Swing Time. Kiepenheuer & Witsch. 640 S., Fr. 36.–.