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LITERATUR: Ramita Navai: «In Teheran ist alles etwas intensiver»

Ramita Navai gibt in «Stadt der Lügen» span­nende Einblicke in den Iran. Ein Gespräch über Vorurteile, sozialen Wandel und Sex in der Islamischen Republik.
Interview Benno Tuchschmid
Eine Strasse in der Teheraner Innenstadt, wo vieles anders ist, als es scheint. (Bild: Getty)

Eine Strasse in der Teheraner Innenstadt, wo vieles anders ist, als es scheint. (Bild: Getty)

Interview Benno Tuchschmid

Ramita Navai, «Stadt der Lügen» ­(siehe Box) zeigt Teheran von einer unerwarteten Seite. Sie kamen dort zur Welt und haben später als Journalistin dort gearbeitet. Was hat Sie am meisten überrascht?

Ramita Navai (Bild): Die Menschen Teherans überraschen einen dauernd. Im Westen kann man die politischen Ansichten einer Person gut danach beurteilen, was sie lesen, wo sie ausgehen, wie sie sich kleiden. Im Iran ist das praktisch unmöglich. Sie können mit einem sehr frommen Iraner sprechen, der stark an die Trennung von Religion und Staat glaubt, obwohl seine Frau einen Tschador trägt. Andererseits können Sie auf einen reichen, im Westen ausgebildeten, vermeintlich urbanen jungen Mann treffen, der darauf besteht, eine Jungfrau zu heiraten.

Sie meinen, wir machen es uns zu einfach mit dem Iran?

Navai: Im Westen hält man den Iran und Teheran meist für zweigeteilt. Auf der einen Seite islamische Fundamentalisten, auf der anderen Seite eine westlich orientierte Oberschicht. Aber Teheran ist nicht zweigeteilt, sondern unglaublich vielschichtig.

Einen gemeinsamen Nenner gibt es zumindest in Ihrem Buch: In Teheran lügen alle ständig. Sie auch?

Navai: Natürlich. Man kann nicht in der iranischen Gesellschaft leben, ohne zu lügen. Wenn Sie mit einem Mann im Auto zu einer Party fahren und nachts von Sicherheitskräften angehalten werden, dann muss jede einzelne Antwort eine Lüge sein. Weil man sonst ernsthafte Probleme bekommt. Auch um gesellschaftlichen Vorstellungen zu entsprechen, sind Iraner gezwungen, permanent zu lügen. Zum Beispiel zu ihrem Sexualleben. Aber es ändert sich gerade viel.

Was genau?

Navai: Gerade die Mittelklasse befindet sich in einem starken sozialen Wandel. Ein Beispiel: Seit einigen Jahren explodiert in Teheran die Zahl der sogenannten «weissen Heirat». So nennt man Paare, die unverheiratet zusammenleben. Dafür riskieren sie schwerste Strafen. Und trotzdem nimmt das Phänomen stark zu. Aber auch hier sind die Paare gezwungen, zu lügen.

Der soziale Wandel spiegelt sich in Ihren Protagonistinnen. Etwa in Somayeh, einer konservativen Frau aus Teheran, die sich scheiden lässt.

Navai: Somayeh ist kein Einzelfall. In Teheran hat sich die Scheidungsrate in den letzten zehn Jahren verdreifacht. Das sind fundamentale Verschiebungen. Somayeh verehrt den obersten Rechtsgelehrten Ali Khamenei und unterstützt das Regime. Aber ich konnte mit ihr auch sehr offen über Sex sprechen. Sie versteht, dass sich die Welt um sie herum verändert. Und sie weiss, dass es Menschen mit anderen Ansichten gibt. Somayehs Mutter hat das Wort «Scheidung» ihr Leben lang nur geflüstert. Der Iran öffnet sich gesellschaftlich gerade enorm. Je offener die Gesellschaft, desto grösser wird die Chance für politischen Wandel.

Alkohol und Sex sind omnipräsent in Ihrem Buch. Ist Teheran eine Stadt von Alkoholikern und Sex-Maniacs?

Navai: (lacht) Urbane Zentren sind auf der ganzen Welt voller Schnaps und Sex. Aber in Teheran ist einfach alles etwas intensiver. Sexuell unterdrückte Gesellschaften entwickeln eine Obsession für Sex. Teheran hat ein grosses Prostitutionsproblem. Alkohol findet man in jedem Quartier Teherans. Und in kaum einem anderen Land gibt es eine ähnlich hohe Zahl Drogenabhängiger. Es gibt Soziologen, die sagen, dass die Zahl der Abhängigen so hoch ist, weil es eben nicht viel zu tun gibt. Drogen sind eine Flucht aus der Langeweile.

Von aussen betrachtet, ist der Iran in einer Phase des Fortschritts. Es gibt das Nuklear-Abkommen, mit Rohani einen liberalen Präsidenten. Änderte sich das Leben der Bürger dadurch?

Navai: Nein. Ich war in Teheran, als Rohani und Obama ihr berühmtes Telefongespräch hatten. Alle meine Freunde, im Speziellen Iraner, die im Ausland leben, waren begeistert und sprachen von einer Zeitenwende. Die meisten Menschen in meiner Teheraner Nachbarschaft wussten dagegen nicht einmal etwas von dem historischen Gespräch. Und wenn sie davon erfuhren, interessierte es sie nicht, weil sie wussten, dass für sie nichts ändert. Und so war es dann auch. Es passierte eher das Gegenteil.

Sie litten als Journalistin in Teheran unter Repressionen. Hatten Sie nie Angst, dieses Buch zu schreiben?

Navai: Es war keine komfortable Erfahrung, als Journalistin im Iran zu arbeiten. Aber ob ich Angst hatte, das Buch zu schreiben? Na ja, das Buch ist nicht per se politisch, auch wenn ich natürlich weiss, dass alles im Iran politisch ist (lacht).

Hinweis

Ramita Navai (1971) war von 2003 bis 2006 «Times»-Korrespondentin in Teheran. «Stadt der Lügen» wurde bei den Political Book Awards 2015 ausgezeichnet. Für ihre Undercover-Reportage aus Syrien wurde ihr ein Emmy verliehen. Heute lebt sie in London.

Feine Nuancen im Horrorregime

Buch bt.Die Valiasr-Strasse ist das Rückgrat Teherans. 19,3 Kilometer lang zieht sie sich durch die Hauptstadt der Islamischen Republik. Der von Platanen gesäumte Boulevard verbindet das Unverbindbare: die wohlhabenden Quartiere in Teherans Norden mit dem armen Süden, die Profiteure der Islamischen Republik mit den Verlierern, die Unterwelt mit den Ordnungshütern.

Permanentes Lügen

«Die Valiasr mit den unzähligen Strassen, die von ihr abzweigen, ist ein Mikrokosmos der Stadt», schreibt Ramita Navai in ihrem Buch «Stadt der Lügen». Die preisgekrönte britisch-persische Journalistin zeichnet acht Teheraner-Biografien mikroskopisch nach. Aus ihnen entsteht das Bild einer Stadt, in der niemand ist, was er vorgibt, und alle eines gemein haben: permanentes Lügen.

Vieles in «Stadt der Lügen» kontrastiert mit dem, was wir über Teheran zu wissen glauben. Ja, der düstere, aggressive Gottesstaat zeigt sich auch in Navais Geschichten. Doch sie zeigt in der Geschichte auch auf, wie viele gerade ärmere Teheraner ihre Kinder nicht aus ideologischer Überzeugung zu den «Basidsch» schicken, sondern weil sie auf vergünstigte Ferienlager und Schwimmbadeintritte schielen. Diese feinen Nuancen lassen das Regime der Ajatollahs nicht weniger schrecklich erscheinen. Mit erbarmungsloser Unverhältnismässigkeit vernichtet der Sicherheitsapparat selbst bedeutungslose Kritiker.


Strasse des Wandels

Derzeit deutet wenig auf ein baldiges Ende der Islamischen Republik hin. Doch die Valiasr-Strasse, das Rückgrat Teherans, lehrt eines: Irgendwann kommt der Wandel immer. Der Boulevard wechselte seinen Namen mit jeder neuen Machtergreifung. Erbaut von Schah Reza Pahlevi, hiess sie zuerst Pahlevi-Strasse. Unter Premierminister Mossadegh hiess die Strasse Anfang der 50er-Jahre Mossadegh-Strasse. Erst seit der Islamischen Revolution 1979 ist sie nach einem schiitischen Imam benannt. Aber auch das wird sich irgendwann ändern.


Ramita Navai: Stadt der Lügen.
Kein & Aber. 352 Seiten, ca. Fr. 28.--.

Ramita Navai: «In Teheran ist alles etwas intensiver» (Bild: Getty)

Ramita Navai: «In Teheran ist alles etwas intensiver» (Bild: Getty)

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