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LITERATUR: Romanheldin: Verloren zwischen Literatur und Leben

Die türkischstämmige Amerikanerin Elif Batuman hat nach einem Erfolgsbuch über Literatur ihren ersten Roman «Die Idiotin» geschrieben. Die Heldin erlebt sich als dramatisch weltunerfahren.
Buchcover des Romans «Die Idiotin» von Elif Batuman. (Bild: PD)

Buchcover des Romans «Die Idiotin» von Elif Batuman. (Bild: PD)

Die 19-jährige Selin hat gerade ihr Studium in Harvard, der renommierten Universität an der Ostküste, begonnen. Als Ich-Erzählerin erzählt sie ihren Alltag – von den kleinen Reibereien auf dem Campus, wenn sich drei junge Frauen einigen sollen, wer das Einzel- und wer das Doppelzimmer bekommt, bis hin zu den Abenden mit Fellini- oder Bu­nuel-Filmen. Als obsessive Leserin berichtet sie von ihren Kursen. Da ist «Konstruierte Welten», ein Kunstkurs, in dem der Dozent die Studierenden auffordert, in Museen nach den archivierten, versteckten Objekten zu fragen. Vor allem ist da aber «Russisch für Anfänger», wo im Unterricht eine fiktive Geschichte entwickelt wird, die sich mitunter fast mit Selins Leben vermischt. Dies führt zurück zu Elif Batumans erstem Buch «The Possessed», auf Deutsch: «Die Besessenen. Abenteuer mit russischen Büchern und ihren Lesern», mit dem sie 2011 grossen Erfolg hatte. Als Essayistin und Journalistin für den «New Yorker» hat sie in Amerika mit diesem auf Literatur bezogenen fiktionalen Schreiben gerade eine Nische gefunden. Nun versucht sie mit dem Roman eine Art Fortführung.

Sie bleibt stets die unbeholfene Beobachterin

Selin, ihre Heldin, ist fasziniert von der Erfahrung, dass man in verschiedenen Sprachen auch ein jeweils verschiedener Mensch ist. Sie ist wie die Autorin selbst eine türkischstämmige Amerikanerin, und in einer der schönsten Passagen des Romans beschreibt sie, dass sie auf Türkisch anders denkt als auf Englisch, weil jede Sprache zu anderen Gedanken auffordert und auch zu einer anderen Weltsicht, «weil man durch unterschiedliche Sprachen gezwungen wurde, über unterschiedliche Dinge nachzudenken». Im Türkischen gäbe es zum Beispiel das Suffix -mis, das man an Verben anhänge, wenn man das Beschriebene nicht selbst miterlebt hatte. «Für dieses -mis gab es keine direkte Entsprechung.» Man konnte es als «es soll» oder «ich habe gehört» oder «angeblich» übersetzen. Sie habe dieses -mis immer mit Dilek, ihrem Cousin väterlicherseits, verbunden – winzig, dünn, dunkler Teint, in ihrem Alter, aber viel kleiner. «‹Du hast dich bei deiner Mutter beschwert-mis›, sagte Dilek etwa mit seiner leisen präzisen Stimme. ‹Du hattest-mis Angst vor dem Hund.›»

Im Russischkurs gibt es Ivan, einen ungarischen Studenten, mit dem Selin eine komplizierte Mail-Beziehung beginnt – in der Wirklichkeit aber ist Selin dann so gehemmt und gebremst, dass sich keine wirkliche Beziehung, keine Geschichte entwickeln kann. Auch als sie mit einer Freundin nach Paris reist und dann mit Ivan nach Ungarn, kommt sie nirgends aus der Rolle der passiven Beobachterin heraus. «Ich wusste nicht, wie man in eine andere Stadt zog oder Sex hatte oder einen richtigen Job oder wie ich jemanden dazu bringen sollte, sich in mich zu verlieben, oder wie ich etwas lernen sollte, das nicht nur meiner persönlichen Weiterentwicklung diente.» Unter Anspielung auf Dostojewskis Roman – dessen englischer Titel «The Idiot» ja der gleiche ist wie der Originaltitel von Batumans Roman – meint Selin mit der «Idiotin» nun sich selbst, die sich bei diesem Eintritt ins Erwachsenenleben als dramatisch unbeholfen und weltunerfahren erlebt. Aber wie schon bei Dostojewski wird auch eine andere, viel positivere Implikation des Wortes angespielt: der «Idiot» als ein naiver, ursprünglicher Mensch im Status kindlicher Unschuld.

Schade, dass es Elif Batuman nicht gelingt, aus den interessanten, um Sprache und Literatur kreisenden Fragen spannende Figuren und eine konsistente Geschichte zu entwickeln. Stattdessen geht man als Leserin verloren in hundert Alltagsgeschichten, die wie lose Fäden herumhängen und nicht vernäht werden. Es fehlt an einer starken Dramaturgie, die den Weg zum Thema dieses «lost in translation» gebahnt hätte; des jungen Menschen, der mitsamt seiner Innerlichkeit von den Überforderungen des Erwachsenwerdens mitgerissen und hinweggespült wird.

Bernadette Conrad

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