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LITERATUR: Schweizer Autorin rockt Klagenfurt

Die Schweiz ist am Bachmann-Wettlesen voll auf Kurs. Nora Gomringer weiss, wie man die Audienz mit Worten kitzelt.
Nora Gomringer (35) hat das Dichten im Blut und den Schalk in den Augen. (Bild: PD)

Nora Gomringer (35) hat das Dichten im Blut und den Schalk in den Augen. (Bild: PD)

Anna Kardos

Sie ist: gut. Sie spricht: laut. Sie weiss: viel. Und sie fährt: Achterbahn, verbal. Also bitte anschnallen, denn hier kommt Nora Gomringer. Gestern hat sie als erste der fünf Autorinnen und Autoren mit Schweizer Wurzeln am Ingeborg-Bachmann-Wettlesen gelesen. Und die Jury war hingerissen, als Gomringer ihren Text «Recherche» vortrug.

Er handelt von einer Autorin namens Nora Bossong. Die recherchiert in einem Mietshaus, in dem ein Junge vom Balkon gefallen ist, für ein Buch. Mit ihrem Tonbandgerät zieht sie von Wohnung zu Wohnung, und allmählich realisiert sie: Der Teenager hat sich umgebracht, weil er wegen seiner angeblichen Homosexualität gemobbt wurde.

Umwerfende Bühnenpräsenz

Die 35-jährige Gomringer eine Lyrikerin zu nennen, ist, als würde man Janis Joplin als Lied-Sängerin, Andy Warhol als Grafiker oder Donald Duck als Quietschente bezeichnen. Wenn Nora Gomringer auf der Bühne steht, rockt das Wort – geflüstert, gefaucht, gejault oder gesungen von der Wortkünstlerin, Dichterin und Rezitatorin, die ihre umwerfende Bühnenpräsenz langjährigen Ausflügen in den Bereich des Spoken Word verdankt. Dort hat sie ihre Bandagen an grossen Poetry-Slams gehärtet, ihre Stimme am Echo eines hautnah reagierenden Publikums geschliffen.

Noch langjähriger allerdings ist Nora Gomringers Beziehung zum Dichten. Sie schreibt, seit sie 18 ist. Ihre literarischen Wurzeln reichen sogar weiter zurück – bis in die «Bauchjurte», wie sie den Mutterbauch in einem ihrer Gedichte nennt. Denn Noras literarische Begabung ist sozusagen genetisch, ihr Vater Eugen Gomringer gilt als Begründer der konkreten Poesie (eine Literatur, die mit Worten nicht abbilden will, sondern die Worte und Laute selbst zur Kunst erhebt).

Und während Nora Gomringer selbst mit beiden Beinen auf dem Boden – und der Bühne – steht, sich ihre hinters Ohr gesteckten Locken den eigenen Weg ins Rampenlicht bahnen und die Augen öfters so spöttisch aufblitzen, dass es im Raum gleich ein paar Grad wärmer wird, sind ihre Gedichte rätselhaft und keineswegs nur zufällig nahe der Schmerzgrenze angesiedelt.

Lyrik mit Gruselfaktor

«Ich habe eine Vorliebe fürs Gruseln», sagt die Wortkünstlerin in ihrem Porträtfilm für das Ingeborg-Bachmann-Wettlesen. Kein Wunder. Ist Gomringer doch als jüngste Schwester von insgesamt sieben Halbbrüdern aufgewachsen. Dass diese sich gerne Horrorfilme angeschaut haben, ist das eine – dass die kleine Nora durchs Schlüsselloch gleich mitgeschaut hat, das andere. Das führt zum unheimlichen Unterton in vielen ihrer Texte.

Etwa der Lyrik-Trilogie «Monster» – «Morbus» – «Mode». In den «Monster-Poems» ballert Rotkäppchen – peng, peng – den bösen Wolf gleich selbst nieder. Nosferatu changiert zwischen Schauspieler und bissigem Verführer, und Riesenameisen erklären den Menschen: «Das müsst ihr verstehen. Je schneller ihr euch bewegt ... Wir fressen euch, weil wir euch sehen.» Was ist Instinkt, und wer ist hier furchterregender: Mensch oder Monster?

Auch der zweite Band der Trilogie, «Morbus», ist das Gegenteil von heiler Welt, bringt er doch die Klaviatur der Pathologie virtuos zum Klingen – und macht einen zum Lese-Hypochonder: Was lauert da zwischen den Zeilen? «Die Reichen bluten, die Armen verbrennen zur Besserung der Lage» – tönt das nicht irgendwie nach Pest? Und «das Kleid aus Blei / die Nacht im Gefieder» sieht verdächtig nach Depression aus. Man horcht also mal mit wehem, mal mit wohligem Schauer auf die Zeichen, die sich mehren – auf Worte, die Symptom werden.

Denn Nora Gomringers Texte sind immer auch lustvolle verbale Durchrüttelungen, in denen die griechische Mythologie auf trashige Horrorfilme trifft, die menschlichen Urängste mit Comic-Augen zwinkern und Hollywood mit Shakespeare Limbo tanzt. Es sind künstlerische Knacknüsse, die vieles andeuten. Und es sind auch künstlerische Kopfnüsse, wenn man sich inmitten eines Gedicht-Szenarios quasi selbst auftauchen sieht und handeln, agieren, funktionieren muss, wie die Autorin das beschreibt.

Hinweis

39. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt. Noch bis Sonntag.

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