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LITERATUR: Stillleben, die starke Bilder zurücklassen

Judith Hermanns Band «Lettipark» dreht sich um die Dramen in Beziehungen. Vieles bleibt in der Schwebe. Für den Leser ist das ein Gewinn.
Judith Hermann (46) wirft grosse Fragen auf und verleitet dazu, die Antworten selber zu suchen. (Bild: Keystone)

Judith Hermann (46) wirft grosse Fragen auf und verleitet dazu, die Antworten selber zu suchen. (Bild: Keystone)

Viel passiert nicht in den Kurzgeschichten im Band «Lettipark» von Judith Hermann. Es sind manchmal fast Stillleben. Eine Frau sitzt an einem Feuer. Dabei realisiert sie langsam, dass ihr Mann nicht zurückkommen wird. Zwei Freundinnen streichen die Wände ihrer gemeinsamen Studentenwohnung. Die eine trägt einen Papierhut und raucht. Eine alte Frau sitzt zwischen Bücherregalen und Pflanzen auf ihrer Chaiselongue und lässt sich von ihrer Untermieterin vorlesen.

Die Figuren sind älter geworden

Trotz dieser Ereignislosigkeit bleiben von diesen Szenen starke Bilder im Kopf. Man wird sich noch lange daran erinnern, wie die Frau am Feuer sitzt, wie die Freundinnen die Wohnung streichen. Und irgendwo dazwischen macht die Autorin in den 17 knappen Erzählungen die Schwierigkeiten zwischenmenschlicher Beziehungen sichtbar.

Die Figuren der Berlinerin sind mit ihr älter geworden. Sie sind mittlerweile um die 40, haben Kinder oder eben keine, zerbrochene Beziehungen oder eine, die gerade in die Brüche zu gehen droht.

Sehr lange Sätze

Der Erzählband ist Hermanns vierter. Bekannt wurde die 46-Jährige 1998 mit ihrem Debüt «Sommerhaus, später» – ein Bestseller wie der folgende Band «Nichts als Gespenster», aus dem einzelne Geschichten verfilmt wurden. Zuletzt hatte Hermann einen Roman veröffentlicht: «Aller Liebe Anfang». Es war ihr erster und bisher einziger Roman, die Kritik fiel eher schlecht aus.

Hermanns Sätze in den Kurzgeschichten sind übrigens nicht kurz. Sie waren auch nie kurz. Auch in «Sommerhaus, später» nicht. Irgendwo muss da ein Missverständnis entstanden sein, kurze Sätze gelten nämlich fast schon als Markenzeichen der Autorin. Hermanns Sätze sind sogar sehr lang, manchmal ziehen sie sich über einen ganzen Absatz. Sie sind eine Aneinanderreihung von kurzen Sätzen, Halbsätzen oder nur Satzfetzen.

Die meisten Erzählungen in «Lettipark» sind zeit- und ortlos. In der ersten Geschichte beispielsweise wird eine Kohlelieferung aufgeräumt – das kann ebenso heute wie vor 50 Jahren sein. Der titelgebende Lettipark könnte ein Park in Berlin sein – oder doch woanders.

Das Meiste bleibt im Ungefähren

Diese gewisse Ankerlosigkeit zwingt dazu, aufmerksam zu lesen. Man kann sich nicht an Bildern aus der eigenen Erinnerung festhalten, kann die Geschichten nicht in einen (zeit)geschichtlichen Kontext einordnen. Man bleibt vielmehr Hermanns Beschreibungen ausgesetzt – aber das funktioniert gut.

Unbeantwortet bleiben auch die existenziellen Fragen, die Hermann aufwirft: Was geschieht, wenn wir jemandem begegnen? Wie nah können wir den Menschen sein, die wir lieben?

Die Geschichten bleiben im Ungefähren. Der Leser kann selbst überlegen, ob die Ehe von Philipp und Deborah nach der Adoption von Alexej wohl zerbricht und warum die Mutter aus der letzten Erzählung eine Anzeige zum Tod eines ihr fast fremden Mannes geschickt bekommt. Hermann schreibt dazu in einer der Geschichten: «Es ging um all das, und darunter ging es sicher noch um etwas ganz anderes.»

Claudia Kornmeier, dpa

Judith Hermann: «Lettipark», S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2016, 192 Seiten, zirka Fr. 29.90

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