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LITERATUR: Strafverteidiger Ferdinand von Schirach: «Jeder kann zum Mörder werden»

Im dritten Band mit Erzählungen grässlicher Kriminalfälle fokussiert der Strafverteidiger Ferdinand von Schirach auf die düsteren Seiten menschlicher Einsamkeit und die engen Fesseln der Justiz.
Hansruedi Kugler
Nutzt seinen Beruf als Strafverteidiger für die Schriftstellerei: Ferdinand von Schirach. (Bild: Jörg Carstensen/DPA (Berln, 12. März 2018))

Nutzt seinen Beruf als Strafverteidiger für die Schriftstellerei: Ferdinand von Schirach. (Bild: Jörg Carstensen/DPA (Berln, 12. März 2018))

Hansruedi Kugler

Vereinsamte, Verhöhnte, Geschundene – sie morden aus Eifersucht, Verzweiflung, Rache oder schlicht aus Dummheit. Ein hartgesottener Autor muss das sein, denkt man bei der Lektüre des neuen Erzählbandes «Strafe» von Ferdinand von Schirach. Nach «Verbrechen» (2009) und «Schuld» (2010) ist es der dritte Band mit schwer verdaulichen Kurzgeschichten aus den menschlichen Abgründen. Literarisch sind diese noch besser als die Vorgänger. Schirach drängt sich nicht mehr als Ich-Erzähler auf, zu dem die Mörder, Verzweifelten und Einsamen in die Anwaltspraxis kommen. Sein Erzählen ist zugleich distanzierter, intimer und variantenreicher. Die Geschichten fokussieren auf die Einsamkeit der Mörder und Opfer, auf die Machtlosigkeit von Richter und Verteidiger. Schirach führt einem die Grenzen der ­Justiz in nüchterner Präzision vor. Man merkt sofort: Als Straf­verteidiger weiss er, wovon er spricht. Zum Beispiel ist das Schweigen des Angeklagten die zweckmässigste Verteidigungstaktik. Legt das Gericht keine stichfesten Beweise vor oder wurden Zeugen umgebracht, geht am Ende selbst ein brutaler Frauenhändler grinsend aus dem Gerichtssaal – als freier Mann. Ein schwer erträglicher Zynismus.

Man fühlt die Beklemmung des Laienrichters

Ferdinand von Schirach bleibt seinen Themen treu. Sein Gerichtsdrama «Terror» hat man in fast jedem Stadttheater sehen können. Das Erfolgsstück führte die Dilemmas von Moral, Gerechtigkeitsempfinden und Rechtsprechung auf intellektuell scharfe, atemberaubende Weise vor und stellte Theaterbesucher vor die Wahl: Wir würden Sie urteilen? Man war in die Rolle von Laienrichtern versetzt und ahnte, wie schockierend unangenehm das sein kann.

Auch im neuen Band fühlt man die Beklemmung eines Laienrichters. Allerdings streut Schirach auch einzelne Glücksfälle ein: So findet ein versoffener Verteidiger mit Akribie die Unschuld einer Witwe heraus (die Patrone des Revolvers lag auf der falschen Seite: Also Selbstmord statt Mord). Ein Dummkopf kommt absurderweise ungeschoren aus einem Drogentransport heraus, weil er für den Unfall während dieses Transports bereits bestraft worden ist (beides gehört als Tat zusammen, er darf nicht zwei Mal für dieselbe Tat bestraft werden!).

Einsamer Tod im Fetischsex-Anzug

Vor den Kurzgeschichten müsste man ein Warnschild aufstellen: Vorsicht, dies könnte Ihnen den Schlaf rauben! Dann nämlich, wenn eine depressive Laienrichterin sich in einem Opfer wiedererkennt; eine Frau den Mord an ihrem Baby auf sich nimmt und sich später am tatsächlichen Mörder rächt; ein Mann im Fetischsex-Anzug erstickt; eine junge Anwältin einen brutalen Frauenhändler verteidigt; ein verzweifelter Bankrotteur den Selbstmord als Mord inszeniert, um seiner Frau die Lebensversicherung zu verschaffen. Dass Ferdinand von Schirachs Gerichtsfälle Millionenauflagen erreichen, liegt wohl an der Kombination von lustvollem Schaudern und ernüchternder Aufklärung über die Grenzen der Justiz. Vor allem aber ahnt der Leser, dass die Einsamkeit der mordenden Figuren ihm selbst nicht so fremd ist. Die Mischung aus nüchternem Lebensprotokoll, destruktiver Leidenschaft und entsetzlichen Morden lässt einen beunruhigt zurück: «Jeder kann zum Mörder werden», sagt Schirach.

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