Literatur-Trend
Vergangenheit ist en vogue: Warum greifen wir nach historischen Romanen, wenn wir Antworten auf unsere Gegenwart suchen?

Der in Zürich lebende Romancier Markus Gasser begab sich auf die Spuren des Erfinders von Robinson Crusoe und entdeckte einen Begründer der Fake News. Damit passt sein neues Buch perfekt in unsere Zeit.

Julian Schütt
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London um 1700 besteht aus drei Welten, jene der Deklassierten und Verbrecher, jene der Höflinge und Aristokraten. Und über allem das Reich der Krähen.

London um 1700 besteht aus drei Welten, jene der Deklassierten und Verbrecher, jene der Höflinge und Aristokraten. Und über allem das Reich der Krähen.

Bild: Getty

London um 1700: Das ist eine Stadt über einer Stadt. Unten liegt «Romeville», wie die Unterwelt ihr Revier nennt. Da befindet sich ein unterirdisches Tunnelsystem, das als Ort für vielerlei Verrichtungen dient. Vor allem kämpfen da Verbrecherbanden um die Vorherrschaft. Darüber das London der Queen Anne Stuart, um deren Gunst Minister und Höflinge buhlen. Man ist in dieser russigen Kloake London schneller zum Staatsfeind erklärt, als dass man atmen kann. Dann landet man im berüchtigten Kerker Newgate Prison. Zwischen Unter- und Oberwelt bewegt sich Daniel de Foe, Unternehmer, Journalist, Spion wider Willen und Autor des klassischsten aller Abenteuerromane: «Robinson Crusoe».

Über diesen beiden Londons gibt es noch eine Sphäre: jene der Krähen. Auch sie können sich konspirativ verhalten. Womit wir bei Markus Gassers Roman «Die Verschwörung der Krähen» sind. Markus Gasser? Geboren 1967 in Bregenz, also formal Österreicher, aber irgendwie auch Schweizer, zumal er seit langem in der Nähe von Zürich lebt. Bekannt ist er als leidenschaftlicher Literaturvermittler mit gefeierten Werken wie: «Eine Weltgeschichte in 33 Romanen», «Das Buch der Bücher für die Insel» oder zuletzt «Die Launen der Liebe». Sein Youtube-Kanal «Literatur ist alles» hat stattliche 16600 Follower.

Gassers Porträts bedeutender Autorinnen und Autoren lesen sich ihrerseits schon wie Literatur – nun aber ist er vollends unter die Romanciers gegangen, wählt sich als Held einen Giganten der Weltliteratur, Daniel de Foe, dessen Name heute Defoe geschrieben wird, weil das nach mehr klingt. Es ist keine Romanbiografie, eher ein historisches Gesellschaftspanorama oder Sittengemälde, das Gasser entwirft.

Analog zu Daniel de Foe nennt er sein Unterfangen einen historischen Abenteuerroman, aber der Schiffbrüchige ist nicht Robinson Crusoe. Eher ist es Daniel de Foe selbst, der sich in jenem gesetzlosen, korrupten London durchschlagen muss. Und auch uns Lesende setzt Gasser diesem unwirtlichen Ort aus, jagt uns von einer Intrige zur nächsten.

Daniel de Foe Schriftsteller aus der Zeit der frühen Aufklärung

Daniel de Foe
Schriftsteller aus der Zeit der frühen Aufklärung

Bild: PD

Der historische Roman – eine Antwort auf die Erzählmüdigkeit

Historische Romane sind alles andere als passé. Autorinnen und Autoren wie Hilary Mantel, Daniel Kehlmann oder Eric Vuillard haben dem Genre zu neuem Glanz verholfen und es abgegrenzt von seichten Mittelalter-Schmökern wie «Die Wanderhure», die nur historische Kulissen herumschieben.

Daniel Kehlmann: Der 1975 in München geborene Autor hat in seinem grandiosen Bestseller «Die Vermessung der Welt» (Rowohlt-Verlag, 304 Seiten) bewiesen, dass Fiktion und historischer Roman keine Gegensätze sein müssen.
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Hilary Mantel: Die 1952 geborene Britin hat den historischen Roman zu ungeahnten Höhen geführt. Man beginne die Lektüre mit «Wölfe» aus der Cromwell-Trilogie (DuMont-Verlag, 767 Seiten), und man wird aufheulen vor Vergnügen.
Eric Vuillard: Der 1968 geborene Franzose brilliert mit Romanen, in denen er von zentralen historischen Momenten ausgeht. In «Der Krieg der Armen» (Matthes und Seitz, 64 Seiten) erzählt er prägnant über Thomas Müntzer und die Zeit der Bauernkriege.
Markus Gasser: Der Roman «Die Verschwörung der Krähen» des Zürcher Autors führt uns vor, wie ein staatskritischer, aber vogelfreier Journalist wie Daniel de Foe sich im gesetzlosen London um 1700 bewegen kann. Verlag C.H. Beck, 238 Seiten.

Daniel Kehlmann:
Der 1975 in München geborene Autor hat in seinem grandiosen Bestseller «Die Vermessung der Welt» (Rowohlt-Verlag, 304 Seiten) bewiesen, dass Fiktion und historischer Roman keine Gegensätze sein müssen.

Bild: zvg

Das Gespräch mit Markus Gasser findet passend im Restaurant des geschichtsträchtigen Landesmuseums Zürich statt. Er sagt, es sei in der deutschen Literatur der Sechziger- und Siebzigerjahre eine «Erzählmüdigkeit» entstanden. Autoren wie Daniel Kehlmann mit seinen Bestsellern «Die Vermessung der Welt» oder «Tyll» hätten dann wieder überzeugend Gegensteuer gegeben. Wer den historischen Roman als zweitklassig einstufe, so Gasser, gebe mehr als die Hälfte der Weltliteratur preis. «Kein Charles Dickens, kein Victor Hugo, kein Theodor Fontane, kein Günter Grass, kein Gabriel García Márquez, auch keine Hilary Mantel – das wäre lächerlich.» Wer Romane schreibe, brauche Material.

«Eine Autorin oder ein Autor kann sich selbst als Ausgangspunkt nehmen oder seine unmittelbare Gegenwart oder eben eine mehr oder weniger genau ausgeleuchtete historische Situation.»

Markus Gassers «Die Verschwörung der Krähen» zeigt exemplarisch, was der historische Roman vermag. Die allzu vertraute Gegenwart ist uns oft zu nah, um darin alle Abgründe zu erkennen. Wenn wir eine Gesellschaft aus zeitlicher Entfernung verfolgen, durchschauen wir plötzlich Machtstrukturen, Gewaltverhältnisse oder Intrigen und erschrecken, weil wir plötzlich unsere eigene Zeit wie durch ein Brennglas entdecken.

Was aber macht Daniel de Foe und sein London um 1700 so brisant? Wie in unserer Zeit die kritische Bloggerin Zhang Zhan in China oder der Journalist Deniz Yücel in der Türkei durch Haft zum Schweigen gebracht werden sollten, habe auch Daniel de Foe im höllischen Newgate Prison geschmort, sagt Gasser. «Die Queen sieht in ihm einen Staatsfeind und Verschwörer, stellt ihn vor die Wahl, im Kerker zu verrotten oder aber für die Krone zu schreiben und zu agitieren.» Daniel de Foe muss fortan ein doppeltes Spiel treiben und seine Spuren gut verwischen.

«So kommt es, dass Daniel de Foe zwar der Begründer des investigativen Journalismus ist. Zugleich ist er aber auch Begründer der Fake News, die er für die Krone verbreitet.»
Markus Gasser Autor, Essayist, Youtuber

Markus Gasser
Autor, Essayist, Youtuber

Bild: zvg

Eine wahnwitzige Doppelrolle, die er mit viel schauspielerischem Geschick spielen muss, «wie ein Hamlet», so Gasser, «der irgendwann nicht mehr zwischen Bühne und Realität unterscheiden kann.» De Foe benutzt 187 Pseudonyme, unter denen er mal scharf gegen Kirche und Krone schreibt, mal im Dienst der Queen Falschmeldungen verbreitet.

«Die Literatur kann die Wahrheit über eine Zeit präzis erfassen.»

«Die Literatur liefert oft bessere Fakten als die Wirklichkeit», meint Gasser. Droht da aber nicht wieder die Gefahr, literarische Fake News zu verbreiten? «Nein», sagt er, «es gibt die Wahrheit über einen Menschen und eine Zeit, und die erfasst die Literatur oft am präzisesten.» Der gute historische Roman erfinde Figuren und Situationen nur, um die Wirklichkeit einer Epoche umso klarer herauszuarbeiten. Oft kam es Gasser beim Schreiben so vor, als seien wir noch nicht viel weiter als vor 300 Jahren.

«Noch immer verbreiten wir gerade in dieser Pandemiezeit krudesten Aberglauben und absurdeste Fake News und tun so, als gebe es die Wahrheit nicht. Auch die Überwachungsphobie oder Autoritätsverdrossenheit verbindet uns mit jener Epoche.» Daniel de Foe hat übrigens ebenfalls eine Seuche überlebt und darüber 1722 seine noch immer lesenswerten Erinnerungen «Die Pest zu London» verfasst.

Wenn erschreckend vieles im Verlauf der Zeit gleich bleibt, warum lesen wir dennoch vergnügt historische Romane wie «Die Verschwörung der Krähen»? Zum einen, weil Markus Gasser uns die bittere Wahrheit mit grösstmöglicher Spannung und bösem Humor erzählt. Zum anderen, weil er uns virtuos an allerlei Kanten führt, die Aufklärung von Fake, Unschuld von Schuld, Populäres von Populistischem, Freiheit von Vogelfreiheit trennt.