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LITERATUR: Tücken der digitalen Buchkunst

Schweizer Verlage tun sich angeblich schwer mit dem E-Book. Stimmt das? Und wenn ja: warum? Ein Klärungsversuch in der heimischen Branche.
E-Books zu machen stellt Schweizer Verlage oft noch vor grössere Schwierigkeiten. (Bild: Getty)

E-Books zu machen stellt Schweizer Verlage oft noch vor grössere Schwierigkeiten. (Bild: Getty)

Anne-Sophie Scholl, sda

Es liess aufhorchen: «Die Technologie hinter dem E-Book ist bis heute ein gigantischer, gedankenloser Pfusch», schrieb Lucien Leitess im Editorial des Kataloges, der die Herbstbücher des Unionsverlages ankündigt. Aber: Der Verleger will das keineswegs als grundsätzliches Votum gegen E-Books verstanden wissen. Ihm geht es ums Handwerk, dem in dem neuen Medium zu wenig Beachtung geschenkt werde.

Und vielleicht ist es auch ein kleiner Marketingcoup. Denn Leitess ist alles andere als ein Technikmuffel: Gemeinsam mit einem Technikdienstleister hat er eine eigene Software entwickelt. Diese soll Schluss machen mit typografischen Fehlern wie zerrissenen Satzspiegeln, falschen Trennungen oder Problemen beim Inhaltsverzeichnis.

Der eigentliche Clou jedoch: Die neue Software soll alle Daten aus einer Hand liefern. Ändert sich etwas an einem Buch etwa eine nachträgliche Korrektur in den Druckdaten, ein neues Cover oder eine wichtige Auszeichnung für die Autoren, die in die Kurzbiografie einfliessen soll –, wird das zentral erfasst. Neu soll auch das E-Book sofort mit den Neuerungen aktualisiert heruntergeladen werden können. Im September will Leitess mit den ersten ­E-Books auf den Markt.

Agile Annäherung

«Das E-Book ist technisch noch nicht ausgereift», bestätigt Laurent Gachnang. Mit seiner Firma mbassador, die letztes Jahr vom Basler Verlagshaus Schwabe aufgekauft wurde, bietet er modular aufgebaut Dienstleistungen für E-Book, Apps und Musik an, sowohl in der Aufbereitung wie im Vertrieb.

Daneben gibt Gachnang beim Schweizerischen Buchhändler- und Verlegerverband Kurse. Für die Verlage in der Schweiz sei der Einstieg in das E-Book-Geschäft ein «agiles Vorgehen», sagt Gachnang. Sie nähern sich Schritt für Schritt an und spielen die Herstellung eines E-Books zunächst durch.

So macht es beispielsweise der Limmat Verlag. Seit 2012 hat der Zürcher Verlag für Belletristik, aufwendig gestaltete Sachbücher und Fotobände rund 50 Titel als E-Book herausgegeben, darunter verschiedene Bücher, auch solche mit Erweiterungen.

Hinten anstellen

Anfangs konvertierte er die Druckdateien mit externer Unterstützung, mittlerweile macht es der Verlag selber. Gestalterische Probleme kennt Co-Verlagsleiter Erwin Künzli selbst bei reinen Textbüchern: «Man muss ausprobieren, was machbar ist, und man muss bei der Gestaltung abspecken.»

Wie bei den meisten Verlagen ist bei Limmat die Produktion der E-Books der Printproduktion nachgestellt. Selbst Diogenes, der mit Abstand grösste Schweizer Verlag für Belletristik, produziert E-Books noch nicht in einem integrierten Prozess. «Wir haben aber gerade ein Projekt für die Einführung eines auf Diogenes-Bedürfnisse abgestimmten Workflows gestartet», sagt Stefan Fritsch von der Diogenes-Geschäftsleitung.

Ausgehend von neutralen Inhaltsdaten sollen dann alle digitalen Formate und auch die Druckvorlagen für Bücher erzeugt werden. So liesse sich insbesondere die Umwandlung von Titeln, die in vergangenen Jahren erschienen sind, die «Backlist», beschleunigen.

Neben der Technik ist der Zusatzaufwand für die neuen Formate für die Verlage ein Problem. «Der Absatz der E-Books geht wohl auf Kosten der gedruckten Bücher», sagt Künzli vom Limmat Verlag.

Abgesehen von wenigen Affektkäufen, wenn ein Buch etwa im Fernsehen Thema ist und zeitgleich als E-Book heruntergeladen wird, werde durch das neue Medium kaum ein neuer Markt erschlossen.

Unausgereifte Technik

Daher kann der mittelgrosse Verlag auch keine zusätzlichen Experten für digitale Medien anstellen. Warum der Limmat Verlag trotzdem mit E-Books experimentiert? «Als Service für die Leserschaft, um Erfahrungen zu sammeln und um dabei zu sein, wenn der Markt wächst», so Künzli.

Euphorischer klingt Laurent Gachnang. In gewissen Bereichen, etwa bei Kunstbüchern, werde das E-Book nie relevant sein, sagt er. In anderen Bereichen, vorab bei Buchserien im Unterhaltungsbereich, würden heute schon bis zu 40% als E-Book verkauft. Die Herausforderung liegt für ihn in den verschiedenen Plattformen, über die E-Books verkauft und gelesen werden, sowie in der kontinuierlichen Weiterentwicklung von mobilen Endgeräten und Software für E-Books. «Sie sind untereinander nur bedingt kompatibel. Deswegen muss man sich in den Möglichkeiten auf den kleinsten gemeinsamen Nenner beschränken.»

Die Zukunft des E-Books sieht Gachnang in browserbasierten elektronischen Büchern, die ähnlich wie Websites gebaut sind und ohne Einbussen auf verschiedenen Endgeräten nutzbar wären. Das gedruckte Buch bleibt, das E-Book entwickelt sich weiter, Lesen wird vielfältiger. Darin sind sich die Leute der Branche einig.

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