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LITERATUR: «Viele Verlage scheuen den Aufwand»

Die Autorin und Social-Media-Expertin Kathrin Passig hat sich von ihren ­Bücherregalen getrennt. Und lebt papierlos. Fast zumindest.
«Wenn ich mein Handy für Notizen rausziehe, meint man, ich schaue auf die Uhr», sagt Kathrin Passig (45). (Bild: PD / Susanne Schleyer)

«Wenn ich mein Handy für Notizen rausziehe, meint man, ich schaue auf die Uhr», sagt Kathrin Passig (45). (Bild: PD / Susanne Schleyer)

Interview Julia Stephan

Kathrin Passig, wie überzeuge ich meine Oma, auch mal ein E-Book zu lesen?

Kathrin Passig: Gegen das Ausprobieren gibt es keine guten Argumente. Sogar die konservative Glaubensgemeinschaft der Amish probiert neue Dinge mit ­50-jähriger Verspätung akzeptiert man Neuerungen auch dort.

Sie behaupten, vieles, was wir wissen, ist unserem Denken hinderlich. Wie das?

Passig: Mir fiel das zum ersten Mal beim Übersetzen auf. Mitte 30 habe ich Untertitel für die Teenager-Sitcom «Dawson’s Creek» übersetzt. Da stehst du vor Fragen wie: Sagen die Leute noch cool? Was sie sagen, konnte ich googlen. Aber wie willst du herausfinden, was nicht mehr gesagt wird? Dazu brauchst du erst mal einen Anfangsverdacht.

Leben Sie komplett ohne Papier?

Passig: Bei Veranstaltungen notiere ich manchmal noch handschriftlich. Wenn du als Einzige mit Computer im Plenum sitzt, wirkt das wie Wichtigtuerei.

Höflichkeit hindert Sie am Fortschritt?

Passig: Viele Leute sind konservativer als ich. Wenn ich mein Handy für Notizen rausziehe, meint man, ich schaue auf die Uhr. Ein iPad wäre da sozial unproblematischer. Weil es dem handschriftlichen Notieren ähnlicher sieht.

Sind Ledereinbände bei E-Book-­Readern deshalb so beliebt?

Passig: Ja, so ein lederner Umschlag ist wie ein Adapter: Dank ihm muss ich nicht fordern, dass Schweizer deutsche Steckdosen einführen. Auch die eben angesprochene Form der iPad-Nutzung ist eine Art sozialer Adapter. Für die einen ist es schriftliches Notieren, für die anderen Computernutzung. Jeder ist zufrieden.

Sie haben sich von Ihren Büchern getrennt. Gabs Ablösungsschmerz?

Passig: Ja. Hat man aber mal angefangen, das Bücherregal kritisch zu betrachten, geht das ganz schnell. Ich habe noch vier einreihig bestückte Billy-Regale. Und selbst die betrachte ich nicht mehr mit derselben Liebe wie früher.

Heute markiert man Textstellen digital, früher gabs die kleinen bunten Zettel. Vermissen Sie die?

Passig: Oh ja! Die gab es erst am Ende meiner Buchlesekarriere. Ich habe die mit Enthusiasmus eingeklebt. Beim Betrachten des Buchschnitts konntest du sehen, welche Stellen dich im Guten wie im Schlechten beschäftigt haben, und wo kein Hauch des Markierungsbedürfnisses aufgekommen ist.

Eröffnet das digitale Zeitalter die Chance, wieder an vergriffene Bücher heranzukommen? Der Aufwand wäre ja nicht gross ...

Passig: Das sagen Sie! Früher schloss man mit dem Autor für E-Books einen separaten Vertrag ab, heute ist der im Hauptvertrag integriert. Viele Verlage scheuen den Aufwand, die Erlaubnis bei den Autoren einzuholen. Ausserdem fehlt ihnen immer noch die Kompetenz zum Erzeugen von E-Books. Schwer ist das nicht, aber man hält das immer noch für Raketenwissenschaft. Kommt hinzu, dass die Bücher nicht sinnvoll abgespeichert sind und oft auf irgendeiner alten Festplatte vergammeln.

Ist das bei Neuerscheinungen immer noch so?

Passig: Jürg Sundermeier vom Berliner Verbrecher Verlag hat kürzlich eines seiner Bücher, dessen Daten verschollen waren, auf einer File-Sharing-Plattform wiedergefunden. Er hat es sich heruntergeladen und es war besser als das Original! Jemand hatte sogar Fehler aus dem Buch entfernt.

Sind Verlagsmenschen Technikphobiker?

Passig: Wenn man im Hauptberuf mit Textdateien arbeitet, müsste man mit solchen Dateien umgehen können. Mich machen diese Zustände immer fassungslos.

Schreibt und denkt die Generation Internet eigentlich anders?

Passig: Als Pessimist könnte man sagen: Früher hat man vor dem Schreiben mehr nachgedacht. Als Optimist: Heute wird nach dem Hinschreiben nochmals geändert, weil das möglich ist. Wenn ich heute etwas in einem Blog veröffentliche, ist das die Rohfassung. In den nächsten Stunden und Tagen werde ich viel ändern. Ich finde das gut, die Textqualität wird besser.

Früher war das komplizierter.

Passig: Mein verstorbener Agent Uwe Heldt hat mir erzählt, wie man früher Änderungen mit der Schreibmaschine getippt und dann über die alte Stelle geklebt hat. ­Irgendwann waren die Seiten so gebirgig, dass sie nicht mehr in den Kopierer eingezogen werden konnten. Allein beim Zuhören habe ich Gänsehaut bekommen.

Arbeiten Sie an Texten, die gedruckt werden, länger?

Passig: Ich habe gemerkt, dass ich bei gedruckten Texten noch weniger als sonst gewillt bin, auf Kritik einzugehen. Bei Blogs bin ich offener.

Welche neuen literarischen Formen wären im Internetzeitalter denkbar?

Passig: Ein Remix-Recht für Bücher wäre toll! Oft denke ich mir, dieses Buch ist vom Konzept her toll, aber Autor X ­könnte das besser umsetzen. Oder in jeder Hinsicht super, es bräuchte nur weniger Adjektive. Bis jetzt steht dieser Idee noch das Urheberrecht im Weg. Die literarischen Formen im Internet hingegen haben mich noch nicht überzeugt. Entweder sind sie gar nicht so neu, oder sie sind derart anders, dass man sie gar nicht als literarische Formen wahrnimmt.

Können Sie ein Beispiel geben?

Passig: Man nehme diese riesigen Onlinespiele wie «World of Warcraft»: Da arbeiten Hunderttausende Menschen an einer riesigen Erzählung. Da schaut die Literaturwissenschaft kaum hin. Wenn man immer nur auf die Form schielt, ignoriert man die Veränderungen bei den Rahmenbedingungen des Schreibens. Heute kann man mühelos mit mehreren Menschen an einem Text schreiben.

Wenn Leser selbst entscheiden, was sie interessant finden, hat der Literaturkanon ausgedient. Welche Chancen eröffnen sich da für die Zukunft?

Passig: Ich glaube nicht mehr an das individualisierte Leseverhalten ohne Kanonbildung. Die Frage ist, ob man das überhaupt will. Es ist ja auch schön, sich mit Freunden über Serien wie «Breaking Bad» zu unterhalten. Seit ich die Leserplattform goodreads.com verwende, sehe ich, was andere Leute gerade lesen. Wenn wir uns treffen, unterhalten wir uns über Bücher eine schöne Entwicklung.

Hinweis

Kathrin Passig (45) ist Autorin und Social-Media-Expertin. Die Autorin von «Lexikon des Unwissens» ist Trägerin des Ingeborg-Bachmann-Preises.

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