LITERATUR: Was geschah damals mit den zwei Mädchen?

Maggie Mitchells Debüt «The Other Girl» ist ein raffiniertes Psychospiel, in dem zwei Mädchen mit den Folgen einer Entführung zu kämpfen haben. Zum Showdown kommts 20 Jahre später.

Drucken
Teilen
US-Autorin Maggie Mitchell spielt gekonnt mit Gegenwart und Vergangenheit. (Bild: PD)

US-Autorin Maggie Mitchell spielt gekonnt mit Gegenwart und Vergangenheit. (Bild: PD)

Frauke Kaberka, dpa

Lois und Carly May sind klug, hübsch und gerade mal zwölf Jahre alt, als sie entführt werden. Wobei die beiden Mädchen freiwillig zu dem gut aussehenden Mann ins Auto steigen. Irgendwie, so spüren sie unabhängig voneinander, verheisst der Fremde Abwechslung und Abenteuer in ihrem eher tristen Leben.

Doch nicht das Augenfällige bestimmt den weiteren Verlauf. Der wird geprägt von Ängsten – diffusen wie ganz realen. Lois und Carly May kennen sich nicht. Wie auch, wenn die eine in Connecticut und die andere im weit entfernten Nebraska aufwächst. Erst ihr Entführer, fortan von ihnen Zed genannt, bringt die beiden zusammen, in einer abgelegenen Hütte im Wald, wo sie fast zwei Monate mit ihm leben werden.

Getrennt und wieder zusammen

Zed lässt ihnen viele Freiheiten. Selbst eine Flucht wäre möglich. Doch beide arrangieren sich mit ihrem Entführer, obwohl ihnen klar ist, dass der scheinbar friedvolle Status quo, der allerdings von Rivalität geprägt ist, auch ein jähes Ende haben könnte. Ist es so etwas wie das Stockholm-Syndrom, das die Mädchen an Zed fesselt? Es ist kein voyeuristischer Blick auf das «Familienleben» der drei in der Hütte, nur sehr persönlich aus der wechselnden Sicht der Mädchen.

Maggie Mitchell beginnt das Buch mit dem von Lois aufgeschriebenen Satz «Alle hielten uns für tot», was bereits das Überleben der Mädchen impliziert. Nach dem Ereignis in ihrer Kindheit trennen sich ihre Wege wieder. Lois wird eine anerkannte Literaturprofessorin, Carly eine leidlich erfolgreiche Schauspielerin. Jede versucht auf ihre Weise, mit dem Erlebten fertig zu werden: Lois schreibt einen Roman darüber, Carly May versucht der alkoholischen Verführung zu widerstehen. Nun soll der Roman verfilmt werden, was beide 20 Jahre später am Set wieder zusammenführt, zu einem späten Showdown. Was die Frauen wirklich miteinander verbindet, wird sich am Ende zeigen. Und ist bestürzend.

Handwerklich bestechend

Wie die in West Georgia lebende Autorin die Handlungsebenen aus Gegenwart und Vergangenheit übereinanderschichtet, nicht nur mit Ängsten spielt, sondern auch mit ungewöhnlichen Wörtern und deren Zusammenhang mit dem Geschehen, ist bestechend.

Ihre Hauptakteure hat Maggie Mitchell, die englische Literatur an einer Universität unterrichtet, treffsicher gezeichnet und dabei der intellektuellen Lois spannungstragende Umstände verliehen, der lebensklugen Carly May eher charakterliche Komplexität. Wie die Frauen ihr Verhältnis zu Zed, dessen Motivation und ihrer aller Leben beurteilen, müssen die Leser selber herausfinden. Es lohnt sich.

Bewertung: 4 von 5 Sternen

Maggie Mitchell: The Other Girl. List, 384 Seiten, Taschenbuch, ca. Fr. 22.–.