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LITERATUR: Wenn die Logik Haschisch raucht

Der Autor und Schauspieler Jens Nielsen («Flusspferd im Frauenbad») schlurft in seinem neuen Textband wieder auf abseitigen Pfaden. Ein existenzieller Spass.
ens Nielsen, Autor und Schauspieler. (Bild: Anthony Annex/Keystone)

ens Nielsen, Autor und Schauspieler. (Bild: Anthony Annex/Keystone)

Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Jens Nielsen blättert im Vorwort durch die Seiten seines Lebens. Eine Antwort, mit der alles gesagt wäre, hat er nicht. Davon sprechen die rund 260 Seiten seines neuen Buches, das am 28. Februar erscheint. Stattdessen präsentiert sich der Schauspieler, Literat und Bühnenpoet dem Leser in «Ich und mein Plural. Bekenntnisse» als ein gefährdetes Individuum. Das lateinische Wort Individuum mag das Unteilbare bedeuten – mit den Mitteln der Fantasie, so führt Nielsen uns vor, lässt es sich aber jederzeit in seine Einzelteile zerlegen.

Der Kopf wird zum Vogelnistplatz

Und das tut er furios und mit viel Humor. In Nielsens knappen ­Geschichten fallen Extremitäten vom Körper ab, verrutscht das Gesicht unvorteilhaft und wird der Kopf auch mal zum Vogelnistplatz. Wie schon in seinen vorangegangenen Publikationen geht es um den menschlichen Zerfall, ums Scheitern und um diesen Fluss, der einen durchs Abenteuer Leben spült und irgendwann ausspuckt – ins Nichts?

Wird sich meine Person nach dem Tod «mit anderen addieren/Zu einer unbekannten Summe?», fragt Nielsen. «Eine Verfügung sollte ich meiner Individuiertheit gönnen/Damit ihr letzter Wille gut geregelt wäre/Wenn das Ich-Gefühl verdampft.» Was analytisch gedacht zu sein scheint, ist in Wahrheit ein cleverer Schachzug der Fantasie. Bei Jens Nielsen gibt die rechte Hirnhälfte eindeutig den Ton an. Die Logik lehnt sich zurück und raucht Haschisch, während eine Hochzeitsgesellschaft an Luftballons schwebt, bis sie die Schwerkraft auf den Boden holt. Oder wenn eines von Nielsens vielen Ichs im Schwimmunterricht versagt und das Schwimmbecken austrinkt, um die Schulkollegen aufs Trockene zu legen.

Das eine oder andere Verb wird unterschlagen

Nielsen behandelt die Wirklichkeit als «überholte Vorstellung» und setzt auf den «Alice im Wunderland»-Effekt, wenn er die Grössenverhältnisse verschiebt, um die existenziellen Fragen des Lebens aus dem Alltag zu filtern. Da ist die Kleinfamilie, die bis auf den Mann auf Spielzeuggrösse zusammenschrumpft. Der Mann sinniert vor seinen piepsenden Kindern: «Ich habe Spielsachen gezeugt.» Die Kapsel Kleinfamilie nimmt von ihm keine Notiz mehr, seit er grösser ist als der Rest. Sie genügt sich selbst.

Die auf einer Autobahn spielenden «15 Meter hohen Kleinkinder» verursachen Tote und zerbeultes Autoblech. Die kindliche Brutalität, die man am Sand­kastenrand als Klopperei mit der Schippe beobachten kann, ver­ursacht in Nielsens Geschichte «fahrlässige Tötung».

Dabei unterschlägt Nielsen dem Leser das eine oder andere Verb am Satzende, als würde er den Atem anhalten, um uns mit dem Ungesagten, das im Raum steht, alleinzulassen in unserem eigenen Imaginationsraum.

Julia Stephan

Hinweis

Lesung: 28. 2.: Zürich, Kosmos (Buchpremiere). Stans, Literaturhaus Zentralschweiz, 7. 3., Luzern, Werkstatt (Performance mit Judith Huber u. a.), 20. 4. Sämtliche Auftritte: www.jens-nielsen.chjens-nielsen.ch

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