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LITERATUR: Wenn die Nanny zur Mörderin wird

Leila Slimani ist der neue französische Literaturstar. Die 35-jährige Muslima mit marokkanischen Wurzeln schreibt radikale Romane und engagierte Sachbücher gegen die Unterdrückung der Frauen.
Stefan Brändle
Die französisch-marokkanische Autorin Leila Slimani. (Bild: Patrice Normand)

Die französisch-marokkanische Autorin Leila Slimani. (Bild: Patrice Normand)

Interview: Stefan Brändle

Leila Slimani, in «Dann schlaf auch du» beschreiben Sie einen doppelten Kindsmord durch eine Nanny. Was war ihr Tatmotiv?

Dieses «fait divers» hatte sich in New York wirklich ereignet, doch es interessierte mich nur als Ausgangspunkt. Mich faszinierte die komplexe und ambivalente Beziehung zwischen einem Ehepaar und der Frau, die ihre Kinder hütet und damit als blosse Angestellte in die Intimität einer Familie eindringt. Es ist die zeitlose, universelle Geschichte des Fremden, der in ein bestehendes Universum tritt und es über den Haufen wirft. Universell auch in dem Sinn, dass alle Mütter auf der Welt wohl diese Angst empfinden, wenn sie ihre Kinder einer Tagesmutter überlassen.

Sie selbst hatten auch schon eine Nanny …

Schon, aber mir ging es nicht um meine eigene Erfahrung.

Sie beginnen, wie in einem Krimi, mit der Tat, das Baby ist tot. Warum lösen Sie den Fall bis zum Schluss nicht auf?

Es ist nicht die Rolle eines Schriftstellers, dem Leser den Schlüssel mitzugeben, die Motive der handelnden Personen zu erklären oder sie zu beurteilen; er schreibt vielmehr, was in der Seele vorgeht, er zeigt die fehlenden Zusammenhänge und die Widersprüche auf. Deshalb wollte ich die Dinge bis zum Schluss in der Schwebe lassen. Die Leser können sich selber Fragen stellen, ihre eigenen Schlüsse ziehen. Das Interessanteste an einem Roman ist doch der Zweifel zum Schluss, die Fragen, die Interpretationsfreiheit eines jeden Lesers.

Sie gehen aber noch weiter und lassen die Leser fast teilnehmen an dem Fall.

Ich möchte, dass die Leser aktiv werden, dass sie sich fast wie der Ermittler fühlen. Sie sollen zum Beispiel denken: Hier gleitet die Mutter ab, oder: Das hätte der Vater nicht sagen dürfen!

Die Hauptperson ist aber klar die Nanny.

Ja, denn das ist doch das Unglaubliche: Die Tagesmütter leben nicht ihr eigenes Leben, sie halten sich in Häusern auf, die ihnen nicht gehören, sie sorgen für Kinder, die nicht die ihren sind. Sie geben ihnen zu essen, verfolgen mit, wenn der Kleine das erste Mal aufsteht, sie fühlen mit. In Wahrheit ist es aber nur ein Rollenspiel, blosser Schein, mit sehr ambivalenten Gefühlen. Das ist schon sehr romanhaft.

Wie sind Sie zu dem Thema gekommen?

Nach und nach. Ich habe mich an meine Kindheit in Marokko erinnert, wo es Kindermädchen gab. Hier in Paris hatte ich selbst eines; und während des Schreibens habe ich oft Parks besucht, um diese Frauen zu beobachten.

Würden Sie das Verhalten der Eltern gegenüber ihrer Angestellten als herablassend bezeichnen?

Ich würde eher sagen: ungeschickt. Diese Eltern sind unbeholfen gegenüber der Tagesmutter – einmal zu freundlich, dann wieder zu kalt. Sie tun ihr Möglichstes, wissen aber oft nicht, wie sie mit der komplexen Situation umgehen sollen. Sie sind zwar progressiv eingestellt, aber zugleich müssen sie befehlen.

Muss man aus Ihrem Buch nicht den Schluss ziehen, dass es besser ist, auf eine Nanny zu verzichten? Gar ein Plädoyer für die Hausfrau?

Im Gegenteil, mein Buch ist ein Plädoyer gegen die ständigen Schuldgefühle der Mütter. In­sofern ist es ein feministisches Buch. Aber ich fälle kein Urteil, mir geht es um die Geschichte.

Den gesellschaftlichen Verhältnissen in Marokko widmen Sie Ihr neustes Buch «Sexe et mensonges», das unter dem Titel «Sex und Lügen» 2018 auf Deutsch erscheint. Worum geht es da?

Nach Erscheinen meines ersten Buches zum Thema Sexualität «Dans le jardin de l’ogre», das derzeit auf Deutsch übersetzt wird, haben mich viele Marokkanerinnen kontaktiert, und ich habe ihre Berichte journalistisch aufbereitet. Es sind Berichte über den unterdrückten, heuchlerischen Umgang mit Themen wie Sex vor der Ehe, sexuelle Misere und Vergewaltigungen, Homosexualität oder mangelnde Sexualerziehung.

Die Zeitung «Le Monde» schrieb vor kurzem , in Marokko von Sex zu sprechen, sei politisch. Sind Sie damit einverstanden?

Mein Buch hält die universellen Werte hoch und verteidigt die Menschenwürde. Es ist eher humanistisch und feministisch als politisch.

Was sagen Sie zum Vorwurf, Ihre offene Sprache und Ihre Themen wie Kindsmord, Sex, Nymphomanie seien eine Provokation für die konservative marokkanische Gesellschaft?

Diesen Vorwurf höre ich kaum. Nach den jüngsten Faits divers – zuletzt eine Vergewaltigung in einem Bus in Casablanca – merken die Leute im Gegenteil, dass es nötig ist, endlich über die sexuelle Misere im Land zu sprechen, statt immer alles unter den Teppich zu kehren.

Ist es ein antireligiöses Buch?

Nein. Warum auch? Ist es antireligiös, zu fordern, dass die Würde der Frauen und Männer gewahrt wird? Einige versuchen, uns als antireligiös hinzustellen, doch das zieht nicht.

In Marokko sieht man mehr Kopftücher denn je. Wird die Lage moderner Frauen schwieriger?

Ich glaube nicht. Mag sein, dass man an den Stränden wenig Bikinis sieht. Bloss sah man früher gar keine Frauen am Strand – oder nur reiche Städterinnen. Heute gehen die Marokkanerinnen aus, sie arbeiten.

Wenn eine junge Marokkanerin aber einen Minijupe trägt, riskiert sie einiges.

Das stimmt. Aber viele tun es trotzdem. Sie haben Mut.

Können Sie selber gefahrlos nach Marokko reisen?

Warum nicht, ich habe ja nichts angestellt! Natürlich gibt es Islamisten, die meine Meinungen nicht teilen. Sie haben ihre Standpunkte, kandidieren bei Wahlen, das ist ihr gutes Recht. Genauso wie ich das Recht habe, zu schreiben, was ich will.

Durch Ihre Werke zieht sich der Anspruch der Freiheit. Ist das für Sie ein Begriff, der mit Frankreich verbunden ist?

Das Wort Freiheit geht für mich eher auf meine Eltern zurück. Es war das erste Wort, das ich von ihnen behalten habe. Zuerst die Freiheit der anderen zu ­respektieren, aber dann auch seine eigene Freiheit, schöpferisch zu sein.

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