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LITERATUR: Wenn Schriftsteller zu Reportern werden

So mancher Schweizer Autor führt inzwischen ein Doppelleben als ­Reporter. Auch dank eines kleinen Magazins aus der Schweiz. Es hat ein tot gesagtes Format wiederbelebt.
Julia Stephan
Der Berner Schriftsteller Urs Mannhart. (Bild: Beat Schweizer/pd)

Der Berner Schriftsteller Urs Mannhart. (Bild: Beat Schweizer/pd)

Julia Stephan

«Die Stadt jagt dir über den Kopf davon, du siehst nichts von ihrer Hast, kein Schaufenster lockt dich, kein Bekannter ruft dich, nichts hält dich auf.» Mit einer U-Bahn-Fahrt durch Berlin, wie sie der «rasende Reporter» Egon Erwin Kisch (1885–1948) einst beschrieb, beeindruckt man heute keinen Pendler mehr. Beschleunigt fühlt sich das Leben im 21. Jahrhundert zwar immer noch an – warum sonst reden wir so viel über Entschleunigung. Aber die Geschichten über Eisenbahnen und Automobile und den Geruch exotischer Länder, nach denen die Menschen um die Jahrhundertwende gierten, sind einfach zu selbstverständlich geworden, seit die Welt auf Taschenformat geschrumpft ist, Flüge bezahlbar sind, und das Internet uns alles erzählt.

Beseelt von einer Mission

Reportagenschreiben passt nicht in unsere von Effizienzgedanken beherrschte Zeit. In den wirtschaftlich unter Druck geratenen Medien sind sie rar geworden. Jemanden in die Welt zu schicken, der sich Wochen bis Monate Zeit nimmt, an etwas zu arbeiten, dessen Ergebnis nicht planbar ist, muss schon beseelt sein vom Wert einer solchen Mission. Daniel Puntas Bernet, der sich als ehemaliger Devisenhändler und Pizzaiolo schon in einigen Berufen neu erfunden hat, ist so ein Mensch. Der ehemalige Redaktor der «NZZ am Sonntag» hatte schon während seines Literaturstudiums reihenweise Reportagenklassiker verschlungen. Der Redaktionsalltag hatte aus ihm schleichend einen Beamten gemacht. Dagegen hat er vor fünf Jahren revoltiert, indem er ein zweimonatlich erscheinendes «Reportagen»-Magazin gründete, das nur von der gesprochenen Sprache lebt, und auf Bilder und Titelthemen verzichtet.

Nur Texte mit Bestnoten

An die 190 Reportagen – historische wie zeitgenössische – hat Puntas Bernet mit seinem Team bis heute in kleiner Auflage (16 000 Exemplare) veröffentlicht. Wenig stammt aus Puntas Bernets Feder selbst. «Meinen Texten würde ich höchstens die Schulnote fünf geben. Ich will in diesem Heft aber Bestnoten», sagt ausgerechnet einer, der in diesem Jahr für eine Gemeinschaftsreportage den Zürcher Journalistenpreis erhielt.

Unter seinen Schreibern sind so bekannte Journalisten wie der Luzerner Erwin Koch. Der hatte mit seiner Reportage über ein leukämiekrankes Mädchen («Sara») in der ersten Heftnummer einen seiner berührendsten Texte abgeliefert. Aber auch Schriftsteller wie Sibylle Berg, Gerhard Meister, Monique Schwitter, Philipp Tingler, Urs Mannhart und Jonas Lüscher gingen schon bei Puntas Bernet im journalistischen Fach fremd.

Besessenheit gehört dazu

Eine Reportage lässt sich der Reportagen-Sammler zwischen 3000 und 12 000 Franken kosten. Sein Honorar richtet sich nach der Zeit, die sich einer nimmt, und nicht an dem Namen, den einer hat. Das tun nicht mehr viele. Doch es gebe sie noch, diese Besessenen, die im Internet einen Stoff recherchieren, und sofort wissen: jetzt oder nie. Die für den nächsten Tag einen Flug nach China buchen, und das der Familie dann beim Abendessen verklickern. «Du musst brennen für einen Gegenstand», sagt Puntas Bernet. Als der deutsche Reporter Claas Relotius ihm eröffnete, er wolle in einem amerikanischen Hochsicherheitsgefängnis über Demenz recherchieren, sagte Puntas Bernet zu ihm: «Das schaffst du nicht. Die lassen dich da nicht rein». Ein halbes Jahr später lieferte Relotius die Reportage bei ihm ab.

Der in der Schweiz aufgewachsene ukrainische Schriftsteller Dmitrij Gawrisch hatte sein Erweckungserlebnis unspektakulär bei der Bettlektüre: Warlam Schalamows Erzählung «Die Aussätzigen» brachte ihn auf die Krankheit Lepra und auf eines der letzten Leprosorien Europas. Am äusserten Rand der Ukraine besuchte er die zehn letzten Patienten dieser Einrichtung. Und fand zu seiner Überraschung statt Elend paradiesische Zustände vor. «Recherchieren ist wie Ostereiersammeln», sagt er.

Recherche in Kairoer Skybar

Für den Schriftsteller, Essayisten, Philosophen Jonas Lüscher war die Reportage bis vor kurzem noch komplettes Neuland. Mit der im «Reportagen»-Magazin erschienen virtuosen Reportage «Downtown Kairo» gelang es ihm, das Lebensgefühl der frühlingsmüden Ägypter allein über die Beobachtung des Publikums in einer Kairoer Skybar zu beschreiben. Mit der Fahrstuhlfahrt hoch ins Nachtleben verdient sich sein Protagonist – ein Barkeeper – dort nachtschichtweise das Geld um sich so ein altmodisches Lebensmodell wie eine Familie leisten zu können. Schöner kann man die Paradoxien einer Gesellschaft im Umbruch kaum auf den Punkt bringen.

Einer seiner regelmässigsten Schreiber, der Schriftsteller Urs Mannhart, käme ihm hingegen manchmal wie ein «Reiseschriftsteller des 19. Jahrhunderts vor, sagt Puntas Bernet und lacht. Vielleicht gelang es dem Berner auch deshalb, vor dem Publikum des Literaturfestivals Leukerbad das Kisch-Bild vom beschleunigten Leben fürs 21. Jahrhundert zu aktualisieren. Als sich der Autor im letzten Jahr in der chinesischen Metropole Chongqing aufhielt, der grössten Stadt der Welt, fand er im Bild einer strickenden Passantin auf einer Brücke ein Bild für die Simultanität der chinesischen Gesellschaft.

Jonas Lüscher auf Recherche in Kairo. (Bild: Beat Schweizer/pd)

Jonas Lüscher auf Recherche in Kairo. (Bild: Beat Schweizer/pd)

Philipp Tingler auf Eisbär-Watching in Kanada. (Bild: Beat Schweizer/PD)

Philipp Tingler auf Eisbär-Watching in Kanada. (Bild: Beat Schweizer/PD)

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