Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

LITERATUR: Yusuf, der sanfte Aufklärer

In «Die Wunschplatane» erzählt Yusuf Yesilöz humorvoll vom schwulen Kurden Beyto – aus der Sicht des Vaters, der in der Schweiz einen Kebabladen führt. Humor beweist der Autor auch beim Treffen in Winterthur.
Hansruedi Kugler
Der kurdische Schriftsteller Yusuf Yesilöz geht vor allem in Kebab-Imbisse, um Tee zu trinken, nachzudenken und Geschichten zu hören. (Bild: Sabrina Stübi (Winterthur, 13. März 2018))

Der kurdische Schriftsteller Yusuf Yesilöz geht vor allem in Kebab-Imbisse, um Tee zu trinken, nachzudenken und Geschichten zu hören. (Bild: Sabrina Stübi (Winterthur, 13. März 2018))

Hansruedi Kugler

Liest man seine neueren Bücher, ist klar: Für ein Treffen mit Yusuf Yesilöz geht man in einen Kebabimbiss. Auch im neuen Roman ist dies ein Ort bilderreichen Erzählens, heimatlicher Wehmut und Treffpunkt aller sozialer Schichten – ein utopischer Ort mit funktionierendem Multikulti. Kebab allerdings isst der in Winterthur lebende Autor selten: «Ich selbst esse es höchstens dreimal im Jahr», räumt er auf dem Spaziergang durch die Winterthurer Altstadt lächelnd ein. Sein Lieblingslokal, wo er oft Tee getrunken hat und Hunderte Geschichten hörte, machte kürzlich dicht. Zu einem Tee in einem anderen Imbiss lässt sich Yesilöz dann doch noch überreden und gerät dort fast in einen Streit: Der Wirt will für den bestellten Tee kein Geld annehmen – Ehrensache für einen Landsmann.

Dasselbe erlebt der Erzähler in Yesilöz’ Roman «Die Wunschplatane». Nur hat dort Safir, der Kebabbesitzer, noch einen anderen Grund für seine überschäumende Gastfreundschaft. Er will seine Geschichte mit jemandem teilen. Er muss sie endlich loswerden, die Geschichte um seinen schwulen Sohn Beyto. Zu Beginn des Romans fragt sich der Erzähler, ein kurdisch-schweizerischer Schriftsteller verzweifelt: «Was mache ich fünf Tage ohne Kebab?». Yusuf Yesilöz schickt ihn in eine Schweizer Kleinstadt, um Gymnasiasten in kreativem Schreiben zu unterrichten. Obwohl er wenig Fleisch esse, werde er wie ein Magnet von jedem Kebabladen angezogen, sagt er. Egal, in welche Stadt er kommt. In «Die Wunschplatane» ist der Kebabimbiss auch ein Ort der ­Geständnisse und eines menschenfreundlich aufgeklärten Humors. Man sagt es gerne: In dieser Literatur fühlt man sich sofort wohl. Auch weil man mit den Figuren über das Tragische und Lächerliche im Leben mitlachen kann.

Humorvolles Erzählen als Psychohygiene

Der Erzähler könnte der Autor selbst sein: Kurde, Schriftsteller, mit wachem politischem Geist, seit dreissig Jahren in der Schweiz, verheiratet mit einer Schweizerin, zwei erwachsene Kinder. Ein zurückhaltender, humorvoller Mensch. «Das stimmt schon, äusserlich bin ich ruhig und angepasst, innerlich aber rebellisch», sagt Yesilöz.

In «Die Wunschplatane» schreibt Yusuf Yesilöz an einem Thema weiter, das er 2011 mit dem Roman «Hochzeitsflug» schon einmal angepackt hat: Homosexualität. In der Türkei und auch unter türkischen und kurdischen Migranten in Westeuropa ein Tabuthema, sagt Yesilöz. In «Hochzeitsflug» liess er den jungen schwulen Kurden von seiner Flucht vor einer arrangierten Heirat und vor den Eltern in der Schweiz berichten. Der aus der Ich-Perspektive geschriebene Roman sorgte auch in der Türkei für Aufsehen und wurde von grossen Zeitungen besprochen.

Scham, Schande, Verrat an der Braut, Zerwürfnis mit den Eltern, Flucht aus dem Dorf, Versteck im Londoner Exil: All das gibt den Rahmen auch des neuen Romans «Die Wunschplatane», der aber ganz anders aufgebaut ist. Wie ein Leitmotiv durchzieht den Roman das Bedürfnis, das Leben in Geschichten zu erklären. Yesilöz tut dies mehrschichtig: Schüler schreiben zornige Stadtkrimis, die Zimmerwirtin erzählt von ihrem behinderten Bruder und schüttet ihr Herz aus, der Erzähler fühlt sich literarisch in die vom jungen Schwulen verlassene Braut ein. Vor allem aber nutzt dessen Vater die Gelegenheit, mit dem Erzähler und Landsmann über Homosexualität zu sprechen. Den Hass zwischen Türken und Kurden haben beide überwunden: Erzählen wird hier zur Psychohygiene, die als aufgeklärte Versöhnung dem ganzen Roman einen positiven Grundton verleiht.

Ein Autor, der Geschichten mit positiver Aussage mag

Der Kebabimbiss als Ort der aufgeklärten Toleranz – das mag etwas zu nett und harmonisch tönen. Ihm sei ein solcher Einwand egal, sagt Yesilöz: «Man soll so schreiben, wie man es selbst wahrnimmt.» Als kurdischer Autor, der vor dreissig Jahren in die Schweiz kam, später auf Türkeibesuch verhaftet wurde, weil er einen Erzählband in kurdischer Sprache herausgegeben hatte, mag er Erzählungen mit positiver Aussage. Er selbst habe in der Schweiz sehr selten aggressiven Fremdenhass erlebt. Wenn man ihm einen Beinamen gäbe, so wie das in der Türkei verbreitet ist, wäre «Yusuf der Sanfte» wohl passend. Er, der nie an Demos geht, weil er Menschenmassen meidet; er, der als Dokumentarfilmer Mutmacherfilme dreht wie «Der Kraftakt», in welchem er jugendliche Migranten auf dem Weg ins Gymnasium begleitet; er sagt: «Das Zusammenleben in der Schweiz ist versöhnlich und menschlich. Trotz Erdogan könnten hier auch Türken und Kurden friedlich zusammenleben.»

Wer die satirischen Szenen –etwa wie die Lehrer übereifrig den kurdischen Autor begrüssen –, die metaphernreiche Sprache – «Meine Mutter hätte gesagt, der Frieden stecke im Horn des Esels. Die Esel aber haben keine Hörner» –, die augenzwinkernden Anekdoten und die befreiende Kraft des Humors schätzt, ist bei diesem Roman sehr gut bedient. Yesilöz nutzt den Charme orientalischen Erzählens auf sympathische Weise. Insbesondere ist die offenherzige und gleichzeitig diskrete Männerfreundschaft zwischen dem Erzähler und dem Kebabbesitzer sofort stimmig. Nicht zuletzt erfährt man hier viel über Schweizer Realitäten, Mentalitäten und Migrantenleben.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.