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LITERATURAUSSTELLUNG: Frischs Fichen

Das Museum Strauhof Zürich holt die 1980er-Jahre ins kollektive Bewusstsein zurück – mit ausgewählten literarischen Texten von Max Frisch, Mariella Mehr, Niklaus Meienberg und anderen Zeitzeugen.
Julia Stephan
Max Frisch an einer Veranstaltung zum Thema «Schweiz nach der Armee!» 1989 im Foyer des Theaters Basel. (Bild: Max-Frisch-Archiv an der ETH-Bibliothek)

Max Frisch an einer Veranstaltung zum Thema «Schweiz nach der Armee!» 1989 im Foyer des Theaters Basel. (Bild: Max-Frisch-Archiv an der ETH-Bibliothek)

Julia Stephan

Das Beobachten der Wirklich- keit ist eine Technik, von der in den 1980ern nicht nur Literaten eifrig Gebrauch machten, sondern auch Schweizer Staatsschützer. Als Ende der 1980er-Jahre eine parlamentarische Untersuchungskommission feststellte, dass jeder zwanzigste Schweizer und jeder dritte Ausländer geheimdienstlich überwacht wird – man zählte an die 900 000 Registerkarten («Fiche» genannt), war die Schweiz ausser Rand und Band. Intellektuelle wie Max Frisch forderten ihre Kartei umgehend und erfolgreich ein. Kurz vor seinem Tod reagierte sich der Autor, der ironischerweise ausgerechnet über öffentlich gemachte Beobachtungen am eigenen Leben zu beachtlicher literarischer Potenz gelangt war, an den lückenhaften, fehlerhaften und oft auch beliebigen Beobachtungen über seine Person im unvollendeten Typoskript «Ignoranz als Staatsschutz?» wütend ab. 2009 bestätigte der Literaturkritiker Roman Bucheli nach Durchsicht der heute im Bundesarchiv lagernden Fichen verschiedener Betroffener Frischs Eindruck in der NZZ: Die Einträge würden «ein gespenstisches Bild der Belanglosigkeit vermitteln». Man warte nur darauf, dass ein Satiriker komme und daraus ein Theaterstück schreibe.

Mit Tagebüchern gegen die Paranoia

Für die Ausstellung im Strauhof Zürich ist Frischs Fiche, die man in einem Raum mit Originaldokumenten ohne Einschwärzung begutachten kann, lediglich Ouvertüre. «Frischs Fiche und andere Geschichten aus dem Kalten Krieg» überkreuzt die amtliche und literarische Lust an der akribischen Beobachtung meisterlich. Dem Fall Frisch werden literarische Texte, vorwiegend aus den 1980er-Jahren, gegenüberstellt, die sich an den Zürcher Studentenunruhen, am Fichenskandal und an der irrationalen Angst vor atomaren Bedrohungen engagiert abarbeiten, oft in Formaten mit hohem Wirklichkeitsanspruch, etwa dem Augenzeugenbericht oder dem Tagebuch. Die damals von der «WOZ» angeschobene Realismusdebatte ist mit dem dokumentierten Streitgespräch zwischen dem Journalisten Niklaus Meienberg und dem Autor Otto F. Walter ebenso in die Ausstellung integriert wie die Stimmen der Ausgegrenzten. Mariella Mehr etwa echauffiert sich in einem offenen und saftig formulierten Brief über die Selbstgefälligkeit ihrer männlichen Schriftstellerkollegen.

Schauspieler lesen Texte in kurzen Videos

Die Kuratoren Rémi Jaccard und Philip Sippel haben das historische Hintergrundfutter auf ein Minimum zurückgefahren. Der Besucher kann seine 1980er-Jahre-Fantasien uneingeschränkt auf die Texte projizieren. Die Szenografie lädt einen dazu ein, in Separées aus semi-transparentem Filterschaumstoff Platz zu nehmen und sich aus den Textpassagen, die von Schauspielern in kurzen Videos vor schlichter Leinwand rezitiert werden, ein Bild von diesem Jahrzehnt zu machen, das in Zeiten von Selfies und digitalen Datenpaketen beinahe exotisch anmutet. (Fast) so kontextlos und nackt liegen die Texte in diesem Setting vor uns, wie wir ihnen ausgeliefert sind. Friedrich Dürrenmatt hat diesen Effekt in seiner Novelle «Vom Beobachten des Beobachters der Beobachter» (1986) einmal logisch nachvollzogen. Selbstverständlich hat auch er in der Ausstellung seinen Ehrenplatz.

Dass der Diskurs des Kalten Krieges ebenso Züge des Fantastischen trägt wie manches literarische Werk, zeigt die Bunkerlandschaft, in der Gertrud Wilkers Text verortet ist. Die Ausstellung zeigt aber auch die Grenzen der Wirksamkeit von literarischen Zeugnissen. Als prominentes Beispiel ist Reto Hänny vertreten. Sein Text über die am eigenen Leib erlebte brutale Verhaftung bei den Zürcher Jugendunruhen wurde von der gegnerischen Seite erfolgreich als literarische Fantasie abgetan.

«Frischs Fiche und andere Geschichten aus dem Kalten Krieg». Strauhof Zürich. Bis 20. August. www.strauhof.ch

Ein Auszug aus der Fiche von Max Frisch. (Bild: Max-Frisch-Archiv an der ETH-Bibliothek)

Ein Auszug aus der Fiche von Max Frisch. (Bild: Max-Frisch-Archiv an der ETH-Bibliothek)

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