LITERATURNOBELPREIS: Ihr Massstab ist jeder einzelne Mensch

Für einmal gewinnt eine Favoritin den Nobelpreis: Die Weissrussin Swetlana Alexijewitsch (67) wird auch für ihr mutiges Engagement ausgezeichnet.

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Längst könnte sie anderswo wohnen: Doch trotz staatlicher Schikanen lebt Swetlana Alexijewitsch immer noch in Weissrussland. (Bild: Getty)

Längst könnte sie anderswo wohnen: Doch trotz staatlicher Schikanen lebt Swetlana Alexijewitsch immer noch in Weissrussland. (Bild: Getty)

Anna Kardos

Er ist die grösste literarische Auszeichnung, die einem Autor widerfahren kann, gerade weil er über die Literatur hinausweist: Der Literaturnobelpreis in Stockholm zeichnet mit einem Künstler oft auch sein kritisches Potenzial aus. Bei Swetlana Alexijewitsch könnte man als drittes «K» auch noch die Klugheit anfügen. Dass die Auszeichnung 2015 an die Weissrussin geht, passt. Seit einigen Jahren stand sie zuoberst auf der Liste der Anwärter – was angesichts der Unberechenbarkeit dieses Preises nicht viel heissen will. Denn das Komitee hat in den letzten Jahren gerne auch überraschende Akzente gesetzt. Aber noch bevor Alexijewitsch auf die Einbahnstrasse der Ewiggehandelten und Nie-Ausgezeichneten a la Philipp Roth oder Haruki Murakami einbiegen konnte, hat sie das Rennen für sich entschieden.

Fünfmal «dasselbe» Buch

Sie tat es einerseits mit ihrem mutigen Engagement: Für ihr Buch «Zinkjungen» hatte sie mehrfach vor Gericht gestanden. Und obwohl ihr Telefon abgehört wird sowie öffentliche Auftritte ihr in Weissrussland untersagt sind, wohnt sie weiterhin in Minsk. Sie tat es auch mit ihrer Beharrlichkeit: «Ich habe fünf Bücher geschrieben, doch im Grunde schreibe ich an einem einzigen Buch, einer sowjetisch-russischen Chronik.»

Und sie tat es ebenso mit ihren aussergewöhnlichen Stoffen: «Im menschlichen Leben gibt es nicht nur vieles, worüber die Kunst nicht gesprochen hat. Sondern auch vieles, wovon sie nichts ahnt», ist die 67-Jährige überzeugt. Das hört man von Künstlern eher selten.

Doch zurück zum mit 8 Millionen Kronen (eine runde Million Schweizer Franken) dotierten Literaturnobelpreis: Allem voran entschied Alexijewitsch das Rennen um die Auszeichnung mit ihren literarischen Qualitäten. Wenn Reich-Ranicki also seinerzeit gerne über Autoren frotzelte, sie schrieben so schlecht, dass sie mit Sicherheit noch den Literaturnobelpreis bekämen, dann gilt das nicht für Alexijewitsch.

Afghanistan oder Tschernobyl

Die Sprache der 1948 im sozialistischen Stanislaw (heutige Westukraine) geborenen und in Weissrussland aufgewachsenen Autorin ist zwar alles andere als blumig. Auf barocke Sätze verzichtet sie genauso wie auf delikate Wortspiele. Doch ihr unaufgeregter Erzählstrom mündet immer wieder in kristallklare, hochliterarische Bilder. Etwa in den Titeln ihrer Bücher. Etwa «Zinkjungen» (1989) über den sowjetischen Afghanistan-Krieg, in dem tote Soldaten jeweils in Zinksärgen rück­geführt wurden. Oder: «Gespräche mit Lebenden und Toten», das sich mit der Atomkatastrophe von Tschernobyl befasst, genauso wie das Buch «Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft» (1997).

Und ebenso beschwört der Titel des neuesten Werks «Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus» (2013) Bilder herauf. Davon, wie Regime wechseln, wie Stacheldrahtzäune an Grenzübergängen abgerissen werden – um in den Köpfen der Menschen umso unerschütterlicher stehen zu bleiben.

Das Leben in der Sowjetunion – damals und heute ist der Stoff, an dem sich Swetlana Alexijewitsch abarbeitet. Dabei geht es ihr weder um Ideale noch um Staatsgeschichte. Auch ein Haudrauf ist die Weissrussin nicht, wenn sie sich dem Sozialismus analytisch nähert. Denn als Massstab gilt ihr immer der Mensch. Jeder einzelne Mensch.

«Die Strasse ist für mich ein Chor»

Seit ihrem Journalistikstudium und der Arbeit beim Literaturmagazin «Neman» beschreitet Alexijewitsch den schmalen Grat zwischen Literatur und Zeitzeugen-Stimmen. Unzählige Menschen interviewte sie und bekennt: «Die Strasse ist für mich ein Chor, eine Sinfonie. Es ist unendlich schade, wie viel ins Nichts gesagt, geflüstert, geschrien wird.»

An die Stelle dieses Nichts hält die Autorin ihr Ohr. Und fängt so eine inne­re Geschichte des Sozialismus ein. Man könnte auch sagen: eine menschliche Geschichte der Unmenschlichkeit. Kein Wunder, zeichnete die Nobelpreisjury die Weissrussin aus «für ihr vielstimmiges Werk, das dem Leiden und dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt».

Doch was im Jurybericht schwerwiegend und pathetisch klingt, liest sich bei Alexijewitsch eben unaufgeregt und klar. Etwa so: «Wir dachten, Freiheit, das sei ganz einfach. Nun ist einige Zeit vergangen, und diese Bürde lastet schwer auf uns, denn niemand hat uns Freiheit gelehrt. Nur wie man für die Freiheit stirbt.»

«Politisches Signal»

Reaktionen sda/dpa Die Auszeichnung von Swetlana Alexijewitsch findet viel Zustimmung.

  • Der weissrussische Oppositionspolitiker Andrej Sannikow begrüsst die Ehrung als «fantastische Nachricht». Sannikow sass nach Protesten gegen den autoritären Präsidenten Lukaschenko im Gefängnis.
  • Obwohl Bücher von Alexijewitsch in Weissrussland nicht verlegt werden dürfen, gratuliert der staatstreue Schriftstellerverband: «Frau Alexijewitsch ging immer ihren Weg. Der Preis ist ein Meilenstein für unsere Literatur und das ganze Land.»
  • Der österreichische Autor und Osteuropaexperte Martin Pollack meint: «Wenn man sich allein anschaut, was Alexijewitsch im letzten Jahr über Russland geschrieben hat, muss man die Entscheidung ganz klar als politisches Statement lesen.»
  • Für Michael Krüger, früherer Chef des Hanser-Verlages, ist sie eine «sehr kämpferische, tolle Person». Er hebt ihre Rolle in der Opposition hervor. «Sie wird eine Ikone der Widerstandsbewegung werden.»
  • Bei einer Pressekonferenz gestern in Minsk sagt die Autorin selber: «Es ist nicht einfach, ein ehrlicher Mensch zu sein. Aber totalitären Regimen dürfen keine Zugeständnisse gemacht werden.» Sie möge Russland, aber «nicht das von Stalin und Putin».