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LITERATURTAGE: «Bitte kein Betroffenheitskitsch»

Gegen Fake-News helfen Fakten und genaue Recherche – auch in der Literatur. Diesem roten Faden konnte man in Solothurn folgen. Dort sind seit Freitag herausragende Rechercheromane zu entdecken.
Hansruedi Kugler
Über die Macht der Geschichten diskutieren Peter Voegeli, Olga Grjasnowa, Jonas Lüscher und Hans Ulrich Probst (v. l.). (Bild:)

Über die Macht der Geschichten diskutieren Peter Voegeli, Olga Grjasnowa, Jonas Lüscher und Hans Ulrich Probst (v. l.). (Bild:)

Hansruedi Kugler

Man hätte wohl besser mit «Onkel Toms Hütte» angefangen. Jenem Roman aus dem Jahr 1852, der die Abschaffung der Sklaverei in den USA massgeblich beschleunigt hat. Beim Podiumsthema «Die Macht der Geschichten» war die Ratlosigkeit der ­Autoren Jonas Lüscher, Olga Grjasnowa und Peter Voegeli mit Händen zu greifen. «Was helfen Geschichten in Zeiten von Bomben und Flüchtlingsströmen?», hatte Moderator Hans Ulrich Probst am Freitag gefragt. Die ­Situation ist kennzeichnend für die Literaturtage Solothurn. Diese sind zwar seit vierzig Jahren eine Werkschau der Schweizer Literatur, seit Beginn aber auch ein Podium politischer Diskussionen und der Frage, wie Literatur gesellschaftliche Wirkung erzeugt. Allerdings wirken Autorendiskussionen wie gestern Samstag zur Frage «Demokratie in der Krise» immer ein bisschen anmassend und lächerlich. Als ob Schriftsteller darin besondere Experten wären. Und dass zeitgenössische Romane die Gesellschaft verändern könnten, daran glaubt hier kaum jemand mehr. Trotzdem ist gerade dieses Jahr in vielen Romanen eine eindrückliche Renaissance der Recherche und der Faktentreue zu vermelden.

«Autoren benennen Krisen und profitieren davon»

Im Genre des Rechercheromans hat man in Solothurn herausragende Autoren entdecken können: den Belgier David von Reybrouck, mit einem erschütternden Roman über den Kongo und einem dünnen Band über die phänomenale Geschichte des Zink, die in einer Miniatur die europäische Tragödie vor und nach dem Ersten Weltkrieg beschreibt; den kongolesischen Autor Fiston Mwanza Mujila, der in «Tram 83» Krieg, Korruption und Globalisierung in einer nächtlichen Bar sichtbar macht. Oder die Schweizerin Zora del Buono, die in «Hinter den Büschen an eine Hauswand gelehnt» über die Überwachungshysterie in den USA rund um Edward Snowden einen zornigen Liebesroman geschrieben hat.

«Ich gehe gerne dorthin, wo es unappetitlich ist», sagt auch Jonas Lüscher, der in «Frühling der Barbaren» über die obszöne Verrohung in der Finanzkrise geschrieben hat. Und er fügt an: Bei fiktiven Figuren erlaube er sich alles, «mit denen darf ich Schabernack treiben». Bei realen Personen aber spüre er Skrupel. Ein Stück über einen tödlich Verunfallten in einer Schweizer Feuerwerksfabrik habe er deshalb nicht schreiben können. Dieses Dilemma löst Olga Grjasnowa in ihrem aktuellen Syrien-Roman «Gott ist nicht schüchtern»: Sie recherchierte monatelang, führte viele Interviews – und erfand fiktive Personen, die aber wahrscheinlich sind, und führt an denen das Desaster dieses Krieges vor. So bringt sie Empathie für Menschen und Faktengenauigkeit zusammen. Dies gelinge aber nur mit einer nüchternen Sprache. Je drastischer ein Geschehen, desto nüchterner sollte die Sprache sein, «sonst misslingt der Roman und wird schnell zu Betroffenheitskitsch», meint sie. Was aber vermag Literatur in solchen Krisen? Jonas Lüschers selbstkritische Antwort: «Wir benennen nicht nur Krisen, sondern profitieren auch davon.» Olga Grjasnowa hingegen brachte die Wirkung der Literatur auf den Punkt: «Das Spannende ist ja, dass Kunst so individuell und unvorhersehbar auf den Leser wirkt.»

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