Dreikönigskonzert

Livestream-Konzert in Horw: Barockmusik mit einem Betruf für den Gott der Liebe

Die Musik zu St. Katharina in Horw führte am Sonntag ihr erstes reguläres Saison-Konzert im neuen Jahr durch, allerdings ohne Publikum. Der Livestream aus der Kirche St. Katharina zeigt, wie die aktuelle Krise Kirchenkonzerte über Corona hinaus inspirieren könnte.

Urs Mattenberger
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Barockensemble mit Sara Jäggi (Sopran) und Pius Strassmann (Blockflöte) in der Kirche St.Katharina Horw.

Barockensemble mit Sara Jäggi (Sopran) und Pius Strassmann (Blockflöte) in der Kirche St.Katharina Horw.

Bild: Boris Bürgisser (3. Januar 2020)

Was für ein Gotteslob! Der So­pran von Sara Jäggi steigt steil und glanzvoll in den Himmel der Kirche St. Katharina in Horw. Verselbstständigt sich unter dem Gewölbe und im Hall des leeren Kirchenraums, als flöge er weiter. Auch dann noch, wenn sich die Melodie, umspielt von Pius Strassmanns Blockflöte, wieder in die dunkeln Gespinste des Continuos von Daniel (Cello), Simon Linné (Laute) und Martin Heini (Orgel) mischt.

Johann Christoph Pepuschs Kantate «When Love’s Soft Passion» war damit am Sonntag der Abschluss eines denkwürdigen Dreikönigskonzerts. Denn die verschworene Barocktruppe zauberte ein Höchstmass an intimen Stimmungen und verschwenderischen Farben in die Kirche.

Reguläres Saisonkonzert, aber nur als Livestream

Vielleicht inspirierten sich die Musiker auch deshalb hautnah, weil sie nicht hin zu einem – nicht vorhandenen – Publikum spielten, sondern eng zusammenrückten. So liess sich Jäggis schlanker, aber expressiv ausgreifender Sopran von den schwerelosen Verzierungen von Strassmanns Flöte anstecken (in Händels «Nel dolce dell’oblio»). Umgekehrt dehnten Flöte und Cello ihre instrumentalen Linien mit expressiven Impulsen, als wäre es Gesang.

Ein hochkarätiges Barockkonzert also trotz Corona? Nein! Denn in Wirklichkeit ist an diesem Sonntag alles anders und komplizierter. Beim «Gott», von dem in Pepuschs Kantate die Rede ist, handelt es sich um «the God of Love». Und auch in den übrigen Werken von Händel, Henry Purcell und Alessandro Scarlatti geht es um eine ganz und gar irdische Liebe, die uns bei Händel bis in den Schlaf hin­ein mit Trugbildern verführt.

Damit konnte dieses reguläre Konzert der aktuellen Saison der Musik zu St. Katharina unmöglich als Gottesdienst durchgehen, zu dem nach den gegenwärtigen Coronaregeln 50 Besucher zugelassen wären. Und so blieb das Publikum ausgeschlossen und wurde das Konzert bloss als Livestream öffentlich zugänglich gemacht.

Munition für das aktuelle Kultur-Manifest

Dass an einem «Epiphanie»-­Konzert nicht die Erscheinung des Herrn, sondern der Gott Amor im Zentrum stand, zeigt, wie durchlässig die Grenzen zwischen weltlichen und geistlichen Konzerten geworden sind. Denn zwischen Gottesdiensten mit Musik und Konzerten ohne religiösen Bezug sind gerade rund um Weihnachten spirituelle musikalische Alternativangebote gefragt. Das ist Munition für das Manifest, das verlangt, dass neben politischen oder religiösen Veranstaltungen auch Kulturinstitutionen vor aktuell 50 Besuchern wieder spielen dürfen (vgl. Beitrag unten).

Könnte man, bis es so weit ist, ein solches Barockkonzert in ein neues Format einbinden – mit einem «systemrelevanten» Gottesdienst-Element, zu dem Publikum zugelassen wäre? «Im Fall des Epiphanie-Konzerts war das nicht mehr möglich», sagt der Organist Martin Heini, der für die Musik zu St.Katharina zuständig ist: «Die Zeit nach der Absage der Konzerte war zu kurz, um dafür eine neues Konzept zu entwickeln».

Aber Heini macht sich, wie andere Kirchenmusiker, Gedanken, wie man «Musik und Wort» zu neuen Formaten verbinden kann. So hat er im Dezember mit der Sopranistin Maria C. Schmid zwei Vespern durchgeführt, die zweimal «voll» waren:

«Es gibt eindeutig ein Bedürfnis für Konzerte, die eine Form der Besinnung anbieten.»

Heini spricht von «freien liturgischen Formen», die Gebete einschliessen können, aber nicht herkömmliche Gottesdienste sind: «Wer wegen der Musik in die Kirche kommt, sucht hier in der Regel keine Eucharistiefeier. Denkbar ist, dass wir künftig solche Anlässe zusätzlich durchführen, inspiriert durch die Coronasituation, aber über diese hinaus.»

Auch die Musik öffnet sich neuen Formaten

Das Streamingkonzert zeigt, wie man auch Konzertprogramme hin zu neuen Formaten öffnen kann. So fügten Jäggi und Strassmann zwischen die barocken Werke kurze Improvisationen. Einmal züngelte die Blockflöte ekstatisch über einem archaisch beschworenen Betruf der Stimme. Später unterlegte Strassmann den hochfliegenden So­pran mit perkussiven Grooves, die man eher an Meditationsritualen erwartet.

Kam hinzu, dass kein Applaus die Stücke trennte. So wuchsen diese über die Stille hinweg zusammen. Wenn etwa der Lichtstrahl der Flöte unmittelbar auf den dunkeln Ton des Cellos in einer Sonate von Alessandro Scarlatti antwortete, war auch das musikalisch eine wundersame «Epiphanie».

Der Livestream des Konzerts ist weiterhin verfügbar auf www.musikkathhorw.ch