Livestream
Luzerner Sinfonieorchester: Coronahymne als Abschiedsgeschenk für Gaffigan

Bestens vorbereitet für die Stabübergabe: James Gaffigan dirigierte das Luzerner Sinfonieorchester im Livestream-Konzert in einer hypnotisierenden Uraufführung und trumpfte mit Beethoven auf. Jetzt hoffen alle auf den grossen Live-Auftritt des scheidenden Chefdirigenten im Juni.

Urs Mattenberger
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Hauptprobe für das Livestream-Konzert vom Donnerstag: James Gaffigan dirigiert das Luzerner Sinfonieorchester in dessem Orchesterhaus.

Hauptprobe für das Livestream-Konzert vom Donnerstag: James Gaffigan dirigiert das Luzerner Sinfonieorchester in dessem Orchesterhaus.

Bild: Tea Tuhkur

Nein, das von James Gaffigan geleitete Livestream-Konzert des Luzerner Sinfonieorchesters war noch nicht das Abschiedskonzert des scheidenden Chefdirigenten. Das ist vielmehr für Juni geplant und soll mit Mahlers 5. Sinfonie ein Signal setzen für die Zukunft.

Ob das in dieser Grossbesetzung über die Bühne gehen kann, ist allerdings wegen Corona fraglich. Intendant Numa Bischof versicherte zwar gegenüber unserer Zeitung, das Orchester hätte in dem Fall andere Ideen, wie es den erfolgreichen Chefdirigenten verabschieden könnte. Aber etwas von vorgezogener Abschiedsstimmung lag dennoch bereits über dem Livestream vom Donnerstagabend.

Einladung auf Twitter zum Vorabschiedskonzert

So sprach Bischof bei seiner Begrüssung aus dem Orchesterhaus im letzten Moment noch von einem «Vor»-Abschiedskonzert. Und das Programm erwies Gaffigan die Reverenz mit einer Uraufführung, die das Orchester als Überraschungs- und Abschiedsgeschenk für ihn in Auftrag gegeben hat. Gegensteuer zu dieser Abschiedssymbolik gab der Stream, indem Bischof auf ein Pausengespräch mit dem Amerikaner verzichtete.

Lebt inzwischen mit seiner Familie in Norwegen, wo er trotz Pandemie einen «Glücksfall» erlebte: James Gaffigan, noch bis Ende Saison Chefdirigent des Luzerner Sinfonieorchesters

Lebt inzwischen mit seiner Familie in Norwegen, wo er trotz Pandemie einen «Glücksfall» erlebte: James Gaffigan, noch bis Ende Saison Chefdirigent des Luzerner Sinfonieorchesters

Bild: pd

Dieser aber wandte sich im Vorfeld über Twitter auch an die Luzerner. Sprach über die «vielen Emotionen», die diese Rückkehr nach Luzern und zu seinem Orchester – erstmals seit Oktober – ausgelöst habe. Ansonsten dokumentieren seine Tweets, wie weit er sich aus privaten Gründen und verstärkt durch die Pandemie in Norwegen mit seiner Familie ein neues Lebenszentrum aufgebaut hat.

Die Pandemie sei zwar eine «schreckliche Zeit», in der viele Musiker Auftrittsmöglichkeiten verloren. «Aber für mich haben sich in dieser Zeit auch ein paar gute Sachen ergeben», sagt er. Eine davon war die Begegnung mit dem Trondheim Sinfonieorchester, das ihn zum Principal Guest Conductor ernannt hat: «Es war ein Last-Minute-Engagement. Weil ich mit meiner Familie in Norwegen lebe, hat mich das Orchester für eine Zusammenarbeit eingeladen. Das war ein Glücksfall.»

Mit einem hypnotischen Hymnus zur Stabübergabe

Dass Gaffigan in Luzern Freunde zurücklässt, zeigte zu Beginn des Livestreams das zum Abschied bestellte Auftragswerk des in der Region lebenden Spaniers Francisco Coll. Im Interview mit ihm kam nicht nur die Wertschätzung zwischen dem Komponisten und dem Dirigenten zum Ausdruck. Coll erzählte auch, wie ihn das Singen auf den Balkonen während des ersten Lockdown zum Hymnus inspiriert hat, der sein zehnminütiges Werk durchzieht: «Ein Hymnus ist Musik, die die Menschen zusammenführt. Diese Erfahrung wollte ich auf das Stück übertragen.»

Das ist nicht nur ihm suggestiv gelungen. Auch der Aufführung durch das Orchester hörte man an, dass dieses in den Proben aus der Partitur «bereits nach 20 Minuten Musik gemacht hat» (Coll). Der Hymnus, der wie aus Weltmusiksphären herunterschwebt, steigert sich zu gleissnerischer Leuchtkraft und entfaltet eine hypnotische Wirkung. Die Gefahr des Kitschs bannt Coll, indem er ihn zerfasert, über Abgründe schweben lässt und aus der Bündelung auf einen einzigen Ton zu berstender Intensität steigert.

Grosse Beethoven-Romantik: Nicholas Angelich als Solist im dritten Klavierkonzert.

Grosse Beethoven-Romantik: Nicholas Angelich als Solist im dritten Klavierkonzert.

Mit Beethoven kam im weiteren Programm ein Komponist zum Zug, mit dem Gaffigan dem Orchester den Weg zur Grosssinfonik geebnet hat. Dazu passte, dass der Pianist Nicholas Angelich im dritten Klavierkonzert die romantischen Züge akzentuierte – dramatisch und wuchtig in den Ecksätzen, mit dahindämmernder Versunkenheit im Mittelsatz.

In der hinreissend musizierten siebten Sinfonie kam beides zum Ausdruck: in den zugespitzten und atmenden Details durch alle Register die Herkunft aus einer Kammerorchesterkultur, im frenetisch angetriebenen, kraftvollen Sound der Drang zur Grosssinfonik. Beethoven stand damit, wie schon im Streaming-Konzert unter Gaffigans Nachfolger Michael Sanderling vor einem Monat, für eine Stabübergabe, die diese Entwicklung weiterführen soll. Und zeigte: Trotz Corona ist das Orchester darauf bestens vorbereitet.