LOCARNO: Einst galt Kinski als Nachwuchshoffnung

Nastassja Kinski hatte in den Siebzigerjahren mit Lolita-Rollen einen Blitzstart als Schauspielerin. Das Altern ist kaum der Grund, dass ihre Karriere versandete.

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Die deutsche Schauspielerin Nastassja Kinski am Mittwoch auf der Piazza Grande in Locarno. (Bild: Urs Flüeler, Keystone / Locarno 02.08.2017)

Die deutsche Schauspielerin Nastassja Kinski am Mittwoch auf der Piazza Grande in Locarno. (Bild: Urs Flüeler, Keystone / Locarno 02.08.2017)

Im Kino konnte man Nastassja Kinski schon länger nicht mehr sehen. Zuletzt hat sie in einer Tanzshow beim deutschen Privatsender RTL mitgewirkt. Dennoch ist die 56-jährige Schauspielerin heute Ehrengast am Filmfestival Locarno; sie macht ihre Aufwartung zur Retrospektive für Jacques Tourneur. Denn im Remake von dessen Horrorfilm «Cat ­People» (1982) von Paul Schrader spielte sie die Hauptrolle. Und dieser erotische Horrorfilm wird ebenfalls gezeigt.

In den späten Siebziger- und frühen Achtziger­jahren zählte die Tochter von Klaus Kinski zu den grossen deutschen Schauspielhoffnungen. Regisseur Wim Wenders besetzte die 14-Jährige als stummes Mädchen in «Falsche Bewegung». So richtig bekannt wurde Kinski 1977. Einerseits durch ihre Rolle in der legendären «Tatort»-Folge «Reifezeugnis» von Wolfgang Petersen; sie verkörperte darin eine verführerische Schülerin. Anderseits durch eine Serie von Fotografien, die Regisseur Roman Polanski von ihr für das Modemagazin «Vogue» aufgenommen hat. Beides verschaffte ihr ein Lolita-Image, das sie lange nicht abstreifen konnte. Mit ihren schüchtern blickenden Augen und einer Ausstrahlung, die lasziv und unschuldig zugleich wirken konnte, war sie ein beliebtes Gesicht auf den Frontseiten von Zeitschriften und bei namhaften Regisseuren gefragt.

Roman Polanski verschaffte ihr 1979 mit «Tess» ihre erste grössere Filmrolle – wofür sie als beste Nachwuchsdarstellerin einen Golden Globe gewann. Der Sprung nach Hollywood war damit zwar geglückt, doch ihre Rollenwahl war nicht immer glücklich. Ein Flop bei Publikum und Kritik war unter anderem «One from the Heart» von Francis Ford Coppola (1982). Viel Lob erhielt sie für ihren ergreifenden Monolog im preisgekrönten «Paris, Texas» (1984) von Wenders. Als sie mit dem Historienfilm «Revolution» (1985) erneut bei einem Misserfolg mitgewirkt hatte, erlitt ihre Schauspielerkarriere einen Einbruch.

Ähnlich unstetig und von Rückschlägen geprägt verlief ihr privates Leben. Sie hatte teils Beziehungen mit ihren Regisseuren, heiratete einmal, wurde wieder geschieden, und lebte mehrere Jahre mit dem amerikanischen Komponisten Quincy Jones zusammen. Mit ihren drei Kindern lebt die Schauspielerin in Los Angeles. Ganz von der Bildfläche verschwunden war Nastassja Kinski zwar nicht, aber ihre wenigen Auftritte in Fernsehserien und Filmen warfen keine Wellen mehr. Sie habe sich auf ihre Rolle als Mutter und Hausfrau konzentriert, sagte die Schauspielerin in einem Interview. Wenn man heute der deutschen Nachwuchshoffnung, dreissig Jahre nach ihren grossen Filmen, in Locarno begegnen kann, darf man ge­spannt sein auf eine Frau, der nachgesagt wird, sie sei noch immer eher schüchtern und unsicher.

 

Andreas Stock