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Sie ist die neue Chefin in Locarno: «Mir gefallen Filme, die anders sind»

Die neue künstlerische Leiterin Lili Hinstin verrät, was sie beim Locarno Film Festival verbessern will und welcher Fauxpas ihr peinlich ist.
Interview: Lory Roebuck
Neue Festivalleiterin: Lili Hinstin ist nach Irene Bignardi erst die zweite Frau, die das Filmprogramm in Locarno verantwortet. (Bild: Sandra Ardizzone)

Neue Festivalleiterin: Lili Hinstin ist nach Irene Bignardi erst die zweite Frau, die das Filmprogramm in Locarno verantwortet. (Bild: Sandra Ardizzone)

Sie habe es lange verleugnet, sagt Lili Hinstin und lacht. Doch ab heute muss die 42-jährige Französin der Wahrheit ins Auge blicken: Mit dem Start des 72. Locarno Film Festival beginnt Hinstins Feuerprobe als neue künstlerische Leiterin. Wenige Tage vor ihrer Premiere auf der Piazza Grande verriet sie unserer Zeitung, wo sie in Locarno Verbesserungspotenzial ausmacht, warum sie die Geschlechtergleichstellung an Festivals auch kritisch sieht, und warum sie sich wieder mehr Leerstellen in ihrem Leben wünscht.

Heute Abend geben Sie vor Tausenden Zuschauern Ihren Einstand als Festivaldirektorin. Wie fühlen Sie sich?

Lili Hinstin: Ich werde zu Beginn wohl ein bisschen nervös sein, aber freue mich extrem darauf. Ich kann’s kaum erwarten herauszufinden, wie unsere Filmauswahl beim Publikum ankommt.

Sie waren bereits während den letzten sechs Jahren jeweils als Besucherin in Locarno. Was für einen Eindruck hatten Sie vom Festival?

Mir fiel auf, wie gut alles in Locarno organisiert ist und wie kompetent die Festivalmitarbeiter und –mitarbeiterinnen sind. Das nahm mir viele Sorgen im Hinblick auf meinen Arbeitsbeginn. Locarno ist ein wichtiges Festival mit grosser internationaler Ausstrahlung, trotzdem ist hier alles so unbeschwert.

Das hängt wohl mit Locarnos Kleinstadt-Charme zusammen.

Ja, Locarno ist klein, du hast Berge und einen See, und das Festival findet kurz nach den Sommerferien statt. Die Stimmung ist ein angenehmer Mix zwischen Ferien und Arbeit, das passt mir.

Es ist nun knapp ein Jahr her, seit Sie als neue Locarno-Direktorin angekündigt wurden. Wie hat sich seither Ihr Alltag verändert?

Ich reise viel mehr. Ich habe das ehrlich gesagt ein bisschen unterschätzt. Ich habe einen Sohn und war immer sehr stolz, gleichzeitig eine anwesende Mutter und eine Festivalleiterin zu sein. Mit Locarno ist das schwieriger geworden. Ich bin überzeugt, dass ich das schaffe – aber mir bleibt kaum Zeit für irgendetwas anderes. Mir fehlen Leerstellen im Leben.

Was meinen Sie mit Leerstellen?

Ich meine damit Zeit, von der du nicht im Voraus weisst, was du mit ihr anstellen sollst. Ich mag dieses Gefühl.

Sind Sie zuversichtlich, dass nach einigen Jahren als Locarno-Direktorin vielleicht wieder mehr Platz für Leerstellen in Ihrem Leben ist?

Ja, auf jeden Fall. Das ist jetzt mein erstes Jahr. Ich habe verspätet angefangen, weil ich im vergangenen November noch mein letztes Festival in Belfort geleitet habe. Das sind aussergewöhnliche Umstände. Ich hoffe, dass ich die Leere bald wieder antreffen werde. (Lacht.)

Besonders zeitintensiv dürfte die Zusammenstellung des Festivalprogramms gewesen sein.

Ja. Wir haben im Hinblick auf das Festival über 5000 kurze und lange Filme geschaut. Und von diesen 5000 zeigen wir jetzt 125. Da sind also über 4800 andere Filme, die es nicht reingeschafft haben. Das Auswahlverfahren ist brutal. Mir war es deshalb ein grosses Anliegen zu erklären, warum wir genau diese 125 Filme ausgewählt haben. Im Programmbuch steht zu jedem Film ein Statement der Auswahlkomission.

Haben Sie auf die vielen Absagen viele enttäuschte Reaktionen erhalten?

Sehr viele. Ich kann die Enttäuschung nachvollziehen. Ich bin ja selber auch Filmemacherin und kenne das Gefühl einer Absage. In einen Film investierst du viele Jahre Arbeit, manchmal steckst du dein ganzes Leben hinein. Und wenn du dann eine Email lesen musst, in der steht: «Danke, aber wir werden Ihren Film leider nicht in unser Programm aufnehmen» – das schmerzt.

Worauf haben Sie bei der Filmauswahl stärker geachtet: dass der Film zu Locarno passt, oder dass er Ihnen persönlich gefällt?

Das deckt sich oft. Locarno ist kein Ort für klassisches Kino. Locarnische Filme – ich liebe diesen Ausdruck – sind Filme, die Risiken eingehen, die anders sind. Genau solche Filme gefallen mir.

Wir stellen uns das wie einen Balanceakt vor: Sie müssen der Geschichte von Locarno Tribut zollen, aber dem Festival als neue künstlerische Leiterin auch Ihren Stempel aufdrücken.

Ich finde nicht, dass ich Locarno meinen Stempel aufdrücken muss. Ein Festival zu programmieren, hat für mich nichts mit Ego zu tun. Locarno ging es unter meinem Vorgänger Carlo Chatrian gut. Natürlich wird das Festival nun anders sein. Aber das hat vor allem damit zu tun, dass Carlo sein gesamtes Locarno-Team nach Berlin mitgenommen hat und ich darum die Freiheit hatte, mein eigenes Team zusammenzustellen. So ergeben sich von alleine Unterschiede.

Lili Hinstin übernimmt in Locarno die künstlerische Leitung von Carlo Chatrian, der zur Berlinale gewechselt ist. Die Französin kam 1977 in Paris zur Welt, wo sie heute noch lebt. Sie studierte in Paris und Padua Kultur- und Literaturwissenschaften und gründete 2001 eine Filmproduktionsgesellschaft. Später war sie mitverantwortlich für ein auf Dokfilme spezialisiertes Festival in Paris. Von 2013 bis 2018 leitete sie das Filmfestival Entrevues in Belfort. (Bild: Christian Beutler/Keystone)

Lili Hinstin übernimmt in Locarno die künstlerische Leitung von Carlo Chatrian, der zur Berlinale gewechselt ist. Die Französin kam 1977 in Paris zur Welt, wo sie heute noch lebt. Sie studierte in Paris und Padua Kultur- und Literaturwissenschaften und gründete 2001 eine Filmproduktionsgesellschaft. Später war sie mitverantwortlich für ein auf Dokfilme spezialisiertes Festival in Paris. Von 2013 bis 2018 leitete sie das Filmfestival Entrevues in Belfort. (Bild: Christian Beutler/Keystone)

Wo sehen Sie Verbesserungspotenzial in Locarno?

Locarno braucht mehr Partys, daran arbeite ich. Ausserdem müssen wir das Festival noch besser gegenüber der amerikanischen Filmindustrie positionieren und die Bedeutung des Locarno Film Festivals betonen. Oft interessiert man sich in den USA nur für den heimischen Kinomarkt.

Befürchten Sie deshalb, dass amerikanische Filmemacher ihre Werke nicht mehr nach Locarno bringen?

Ja. Wir können dieses Jahr zwar ein paar amerikanische Filme auf der Piazza Grande zeigen. Aber eigentlich klappt das nur noch mit jenen, die kurz darauf auch regulär in den Schweizer Kinos laufen.

Festivalpräsident Marco Solari wünscht sich, dass Locarno unter Ihrer Leitung die Position als weltweites Top-Ten-Festival verteidigt.

Das sehe ich natürlich auch so. Ich möchte zudem der grossen Verantwortung gerecht werden, die das Locarno Film Festival innehat. Wenn wir einen Film in unser Programm aufnehmen, sendet das eine Botschaft an die gesamte Filmindustrie. Denn was in Locarno gezeigt wird, gestaltet die Zukunft des Kinos mit.

Wie sieht die Zukunft des Kinos in Ihren Augen aus?

Ein Festival wie Locarno spielt da eine Schlüsselrolle. Wir sind eine Brücke zwischen den zwei Arten, wie heute Filme geschaut werden: gemeinsam im Kinosaal, oder individuell auf dem persönlichen Gerät. In Locarno kannst du auf der Piazza Grande vor der riesigen Leinwand zusammen mit 8000 anderen Zuschauern in das sinnliche und kommunale Kinoerlebnis eintauchen. Wer kein Herz aus Stein hat, wird auf da emotional mitgerissen. Die Piazza ist ein magisches Erlebnis und macht süchtig.

Sehen Sie es also als Locarnos Aufgabe an, das jüngere Publikum von seinen Smartphones und Tablets wegzulocken?

Es sind ja nicht nur die Jugendlichen, die ständig auf die Bildschirme ihrer Geräte starren. In Paris, wo ich lebe, schaut sich in der U-Bahn niemand mehr in die Augen. Ich bin da nicht anders. Ich mag es, Leute zu beobachten, aber auch ich checke auf dem Handy ständig meine Emails.

Und wie lenkt man diese Blicke auf eine Kinoleinwand?

Es ist einfach, diese Menschen an ein Festival zu locken. Vor allem im Sommer. Das ist wie Ferien. Du wirst Spass haben, Filme sehen und Leute kennenlernen. Aber klar: Auch für mich ist es sehr bequem, mal einen Film Zuhause zu schauen. Ich finde, dass beide Arten, Filme zu schauen, nebeneinander existieren können. Diese Koexistenz ist für mich die Zukunft des Kinos.

Sie mussten Kritik einstecken, weil die ersten drei Preisträger, die Sie angekündigt haben, allesamt Männer sind.

Ja, das ist mir richtig peinlich. Vor allem, weil ich auch schon darauf hingewiesen habe, dass am letztjährigen Festival, unter der Leitung von Carlo Chatrian, neun der zehn Preisträger Männer waren. (Lacht.) Wenn du ständig etwas zum Thema sagst und dann selbst an der Reihe bist, müssen deinen Worten Taten folgen. Ich stehe hinter jedem unserer Preisträger. Und vergessen Sie bitte nicht: Der diesjährige Vision Award geht an Claire Atherton und damit erstmals an eine Frau. Und hinter der von uns ausgezeichneten deutschen Produktionsfirma Komplizen Film stehen mit Maren Ade und Janine Jackowski auch zwei Frauen. Und der Leopard Award geht an die Schauspielerin Hillary Swank.

Stimmt es, dass viele Frauen, bei denen Sie angefragt haben, einen Preis abgelehnt haben?

Ja, ich habe bei vielen Frauen angefragt, auch für Positionen in der Jury. Doch fast alle sagten mit der Begründung ab, dass sie während dieser Zeit arbeiten müssten oder im Familienurlaub seien. Ich vermute, dass Frauen ein stärkeres Bedürfnis haben, sich ihrer Privatsphäre und ihrer Familie zu widmen. Männern scheint es leichter zu fallen, für eine öffentliche Ehrung ein paar Tage freizuschaufeln. Aber ich könnte mich auch irren, vielleicht war das einfach nur Zufall.

In Locarno wurde letztes Jahr wie an vielen anderen grossen Filmfestivals eine Geschlechtergleichstellungs-Charta unterzeichnet. Was halten Sie davon?

Das ist grundsätzlich eine gute Sache, aber ich wäre das vielleicht ein bisschen anders angegangen. Die Charta setzt sich ja auch dafür ein, dass das Festival gleich viele Männer und Frauen einstellt. Doch unter Festivalmitarbeitern ist der Frauenanteil viel grösser als der Männeranteil. Soll ich jetzt die Hälfte unserer Mitarbeiterinnen feuern und durch Männer ersetzen?

Finden sich für den Festivalbetrieb nicht genügend Männer?

Wichtiger ist doch die Frage, warum fast nur Frauen bei Festivals arbeiten. Das hat einerseits kulturelle Gründe, und andererseits liegt das daran, dass diese Jobs schlecht bezahlt sind. Die Festivaldirektoren dagegen sind meistens Männer.

Was unternehmen Sie als Festivaldirektorin gegen diese Ungleichheit?

Dass ich als Frau in dieser Leitungsfunktion bin, ist schonmal ein erster Schritt. Aber es braucht mehr Frauen in Führungspositionen. Ich möchte auch dafür kämpfen, dass weibliche Mitarbeiter für die gleiche Arbeit den gleichen Lohn erhalten. Mir wurde übrigens auch schon gesagt, dass ich den Posten in Locarno nur erhalten habe, weil ich eine Frau bin. Ich musste lachen und antwortete: Gut so, meine Vorgänger wurden ja auch nur eingestellt, weil sie Männer sind! (Lacht.) Das wichtigste Kriterium ist doch, dass ich einen guten Job mache.

Im diesjährigen Programm sind auffallend viele Filmkomödien von Regisseurinnen zu sehen.

Mir ist das erst aufgefallen, als das Gesamtprogramm bereits zusammengestellt war. Bei vielen dieser Filme führten Schauspielerinnen Regie. Mir gefällt, dass sie alle frech und mutig mit ihrem Filmstoff umgegangen sind.

Einer dieser Filme ist «Die fruchtbaren Jahre sind vorbei» von Natascha Beller. Er ist auch der einzige Schweizer Film, der dieses Jahr auf der Piazza Grande läuft.

Ich habe während des Auswahlverfahrens viele gute Schweizer Filme gesehen, doch einige von ihnen passten nicht in meine Vorstellung meiner ersten Locarno-Ausgabe, sie waren mir zu klassisch. Ich wollte stattdessen auf jene Schweizer Filme setzen, die filmisches Neuland ergründen, auf aufregende neue Stimmen aus der Schweizer Filmbranche. Denn Locarno steht in meinen Augen für Experimente und künstlerische Freiheit.

Locarno Film Festival 7.-17. August

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