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LOCARNO: «Warten Sie nicht auf Hollywood»

Gross war das Publikumsinteresse gestern beim öffentlichen Gespräch mit Harvey Keitel. Der US-Star erzählte am Filmfestival vom Improvisieren und vom hungrigen Quentin Tarantino.
Andreas Stock, Locarno
Hollywoodstar Harvey Keitel (77) auf der Piazza Grande von Locarno, wo er für sein Lebenswerk ausgezeichnet worden ist. (Bild: PD)

Hollywoodstar Harvey Keitel (77) auf der Piazza Grande von Locarno, wo er für sein Lebenswerk ausgezeichnet worden ist. (Bild: PD)

Andreas Stock, Locarno

Bereits eine halbe Stunde vor dem Termin sind sämtliche Sitzplätze im Spazio Cinema besetzt. Unter dem luftigen Kubus mit Zeltdach finden die öffentlichen Gespräche mit den Filmschaffenden am Festival del film statt. Harvey Keitel kommt mit 15-minütiger Verspätung an und steigt erst einmal auf seinen Stuhl auf dem Podium, um über die Fotografen hinweg den rund 400 Menschen zuzuwinken, die sich hier mittlerweile versammelt haben.

Ein Drehbuch mit 15 Seiten

Am Abend zuvor wurde dem New Yorker Schauspieler vor 8000 Menschen auf der Piazza Grande vom New Yorker Regisseur Abel Ferrara die Auszeichnung für sein Lebenswerk überreicht. Mit Ferrara hat Keitel 1992 «Bad Lieutenant» gedreht. «Ein Film, auf den ich auf der ganzen Welt am häufigsten angesprochen werde», sagt Keitel über das düstere Krimidrama. «Das macht mich stolz und freut mich für Abel Ferrara.»

Das Drehbuch zu «Bad Lieutenant» habe nur aus 15 Seiten bestanden, «und meine Figur war praktisch nicht ausgearbeitet», verrät der 77-jährige Schauspieler. Sie hätten dann seine Rolle gemeinsam während der Dreharbeiten entwickelt. «Wenn Sie sehen wollen, was aus Improvisation entstehen kann, dann schauen Sie sich diesen Film an», sagt der gut gelaunte Schauspieler, der immer wieder das Publikum direkt anspricht.

Der europäischste US-Star

Harvey Keitel hat etwas gemeinsam mit Mario Adorf, der gestern Abend auf der Piazza Grande einen «Pardo» für seine Karriere erhalten hat (siehe auch Ausgabe von gestern): Beide Schauspieler sind bekannt dafür, dass sie finsteren Figuren eine Ambivalenz verleihen können. Harvey Keitel gehört zudem zu den US-Schauspielern, die so häufig wie kaum andere immer wieder mit europäischen Regisseuren gearbeitet haben. Beispielsweise dem Franzosen Bertrand Tavernier («Death Watch»), mit dem Italiener Ettore Scola («La nuit de Varennes»), mit dem Griechen Theo Angelopoulos («Der Blick des Odysseus») oder gerade erst mit Paolo Sorrentino («Youth»). Aktuell weilt Keitel für Dreharbeiten in Paris für die erste Regiearbeit der Autorin Amanda Sthers. «Ich habe Glück gehabt, dass diese Leute mit mir drehen wollten», meint Keitel bescheiden auf die Frage, warum er so oft in Europa drehe.

«Independent-Kino ist wichtig»

Dass er immer wieder mit jungen Regisseuren drehe, habe viel damit zu tun, dass er mehr über das Leben lernen wolle. «Ich suche immer nach anderen, auch den dunklen Seiten in mir», sagt Keitel. Er und Martin Scorsese, mit dem er 1973 «Who’s That Knocking At My Door» drehte, hätten sich seither immer gefragt, «wer denn wohl als Nächstes an unsere Tür klopft».

Einer, der das tat, war Quentin Tarantino, dem Harvey Keitel half, seinen ersten Film «Reservoir Dogs» zu realisieren, indem er mitspielte und produzierte. Tarantino habe damals in einem Videoladen gearbeitet und kaum Geld gehabt. «Wenn er zu Besuch kam, musste man seine besten Lebensmittel vor ihm verstecken, weil er einem jeweils den Kühlschrank leer gegessen hat», spasst Keitel.

Und fügt an, dass die Unterstützung des unabhängigen Filmschaffens, wie es in Locarno gezeigt werde, der wichtigste Teil seiner Arbeit sei. «Warten Sie nicht auf Hollywood!», ruft er den Filmschaffenden unter den Zuschauern zu, «Hollywood ist ein guter Ort, aber es kann Ihnen nichts beibringen. Sie müssen Ihre eigenen Geschichten erzählen. Und so kann das Independent-Kino auch Hollywood neu mitgestalten.»

Angestachelt davon, dass Harvey Keitel das Publikum einlädt, man dürfe ihn alles fragen, will jemand von ihm wissen, wer denn sein liebster Regisseur ist. «Wollen Sie, dass man mich umbringt?», antwortet der Star. «Aber es gibt etwas, was sie alle verbindet. Das Bestreben, etwas Wahrhaftiges zu erzählen, etwas Essenzielles zu erreichen. Diese Suche vereint uns alle.»

Jean Ziegler im Film von Nicolas Wadimoff. (Bild: PD)

Jean Ziegler im Film von Nicolas Wadimoff. (Bild: PD)

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