LOUDER THAN BOMBS: Joachim Trier: «Männer meiner Generation sind keine Machos»

Nach «Oslo, August 31st» dreht der vielversprechende norwegische Regisseur Joachim Trier mit Stars wie Isabelle Huppert und Gabriel Byrne. Im Interview denkt er über Rollenbilder und die Familie nach.

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Jonah (Jesse Eisenberg) und Conrad (Devin Druid) kommen sich näher. (Bild: PD)

Jonah (Jesse Eisenberg) und Conrad (Devin Druid) kommen sich näher. (Bild: PD)

Joachim Trier wird 1974 in Kopenhagen geboren, wächst in Norwegen auf und studiert Film in London. 2006 gibt Trier sein viel beachtetes Debüt mit «Reprise», 2011 folgt «Oslo, August 31st». Sein englischsprachiges Debüt «Louder Than Bombs» (Filmkritik siehe Kasten) stellt er 2015 in Cannes im Wettbewerb vor.

Ihre Filme laufen weltweit erfolgreich auf Festivals und im Kino. War es ein logischer Schritt, das Drama in Englisch zu drehen?

Joachim Trier: Meine ersten Filme habe ich gerne in Norwegen gedreht und dabei neue Seiten meiner Heimatstadt Oslo entdeckt. Auch in diesem Jahr werde ich wieder hier arbeiten. Doch ich will nicht leugnen, dass ich immer davon träumte, in der Sprache des modernen Kinos zu erzählen und mit grossartigen Schauspielern aus diesem Raum zu drehen.

Sie bekamen doch schon Drehbücher angeboten?

Trier: Ich habe in den vergangenen Jahren etliche Drehbücher aus den USA gelesen. Bei keinem stellte sich das Gefühl ein, dass ich den Film auf der Leinwand sehen muss. Wobei ich mich niemals für Blockbuster interessierte. Meine Vorbilder sehe ich zum Beispiel in Ang Lees «The Ice Storm». Doch solche Dramen sind in den USA beinahe verschwunden.

Was sprach dafür, die Story in New York anzusiedeln?

Trier: Die dort ansässigen Foto-Agenturen Magnum oder VII haben die wichtigsten Pressefotografen unter Vertrag. Daher macht es für die Französin Isabelle Sinn, dort zu leben. Mein Co-Autor Eskil Vogt und ich wollten auch ein anderes Bild von New York entwerfen. Manhattan mit seinen Wolkenkratzern und die Wall Street haben nichts mit den Vororten gemein, wo die Mittelklasse lebt.

Ist nicht auch die Familienkonstellation mit dem Tausch der Geschlechterrollen skandinavisch geprägt?

Trier: Diese These würde ich nur bedingt unterschreiben. Wir haben zu Ende gedacht, was wir über das Leben von Kriegsfotografinnen recherchiert haben. Sie haben keine Familie oder den Spagat zwischen Familie und Beruf mit Kindermädchen, Internaten oder in der Familie gelöst.

In «Louder Than Bombs» ist es der Vater, der zu Hause bleibt.

Trier: Gene hat beruflich für die Familie zurückgesteckt, während seine Frau Karriere machte. Diese Konstellation beeinflusst den gesamten Film. Der ältere Sohn Jonah ist über die Abwesenheit der Mutter sehr verärgert. Seinen Zorn richtet er gegen seinen Vater. Das ist unfair, aber die logische Konsequenz des Tauschs der Geschlechterrollen. In Norwegen streben wir dagegen Gleichberechtigung an.

Wie hat sich das auf das Männerbild im Film ausgewirkt?

Trier: Männer bleiben drei Monate im ersten Lebensjahr ihrer Kinder zu Hause und kümmern sich weiter mit um die Erziehung. Das war in der Generation meiner Eltern nicht üblich. Der Unterschied wurde mir nach der Premiere meines ersten Films bewusst. Die männlichen Figuren sind sehr emotional gezeichnet und verwundbar. Unbewusst hatte ich reflektiert, wie Männer meiner Generation ticken. Wir sind keine Machos. Das spiegelt sich im Männerbild dieses Films.

Warum haben Sie der Mutter den Beruf der Kriegsfotografin gegeben?

Trier: Um einen Kontrast zu erzeugen. Sie bildet die Leiden anderer Menschen und deren Schicksal ab. Für die Nöte ihrer Kinder interessiert sie sich kaum. Die Söhne haben keine genaue Vorstellung, wer ihre Eltern sind. Daraus resultieren Probleme, die eigene Identität zu finden. Zudem bringen Kriegsfotografen den Krieg mit nach Hause und stehen ständig unter Druck. Sie können nicht abschalten. Ihr Beruf ist für sie eine Obsession, sie steigern sich schnell in eine Art Rausch. Das Thema Sucht und Abhängigkeit lässt mich nicht los. In «Oslo, August 31st» bekam die Hauptfigur ihre Abhängigkeit von Drogen nicht in den Griff.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Fotos ausgewählt?

Trier: Wir werden als Zuschauer mit Bildern von Kriegsgräueln, Explosionen oder Attentaten überschüttet. Sie erreichen nur selten unsere Seelen oder Herzen. Zu den wenigen, die das schaffen, gehört die französische Fotografin Alexandra Boulat. Ihre Arbeiten reflektieren das menschliche Leid jenseits der Schlagzeilen. Zum Beispiel den Schrecken des Krieges, wenn Eltern ihren Kindern kein normales Leben ermöglichen können.

Isabelles Erfahrungen sind zugleich ein Kontrast zu den Kriegsspielen Ihres jüngeren Sohnes?

Trier: Er hat einen völlig anderen Zugang zu den Schrecken gewaltsamer Auseinandersetzungen, wenn er sich in den virtuellen Krieg begibt. Dieser Gegensatz war beabsichtigt, um die Frage nach der Glaubwürdigkeit und der Rolle von Bildern in der modernen Gesellschaft aufzuwerfen. Ich war wie alle meine Freunde in meiner Jugend ein grosser Filmfan. Wir haben Stunden vor dem Videorecorder und im Kino verbracht. Anderseits war ich auch ein guter Skater, ich war ständig mit Freunden auf dem Board unterwegs. Heute verlieren sich die Kids dagegen alleine in stundenlangen Videospielen.

Was Sie nicht verstehen können?

Trier: Wir träumten vom perfekten Gitarrensound oder -solo, das ist vollkommen out. Wir tauchten mit Stephen King in dunkle und mysteriöse Welten ab, die die Teenager heute in den Spielen suchen. Soweit kann ich folgen. Doch warum treffen sie ihre besten Freunde nicht von Angesicht zu Angesicht? Wahrscheinlich können sie nur als Avatare dem Perfektions- und Konformitätsdruck ihrer Umgebung entsprechen und Freunde finden.

Stützen Sie sich als Autor Ihrer Filme auch auf eigene Erlebnisse?

Trier: Mein erster Film über junge Autoren, die die gleichen Sneakers wie ich trugen, hat diese Vermutung sicher genährt. Meine Filme sind jedoch nie explizit autobiografisch, obwohl alle Figuren von meinen Erfahrungen leben. Mit Conrad, dem jüngeren Sohn, verbindet mich die Suche nach einer adäquaten kreativen Ausdrucksform meiner Gefühle. In dem Alter war ich auch so drauf.

Und den Titel haben Sie von der Band The Smiths geklaut?

Trier: Den hat die Gruppe schon bei der amerikanischen Schriftstellerin Elizabeth Smart abgekupfert. Für mich passte er einfach zur Geschichte einer Familie, in der die kleinen Schmerzen und Katastrophen des Alltags auf die Gefühle einer Frau prallen, die Elend und Gräuel bewaffneter Konflikte nicht abschütteln kann.

Katharina Dockhorn/Ricore

«Louder Than Bombs» – die Filmkritik

Zu Beginn des Dramas «Louder Than Bombs» von Joachim Trier ist die renommierte Kriegsfotografin Isabelle Reed, verkörpert von Isabelle Huppert, seit drei Jahren tot. Gestorben ist sie nicht etwa bei der Arbeit, sondern bei einem Verkehrsunfall zu Hause in New York. Die Umstände des Unfalls wurden nie vollständig geklärt. Mit einer grossen Ausstellung soll nun die Arbeit der renommierten Fotografin posthum gewürdigt werden.

Familiäre Aussprache

Die erste Einstellung zeigt Jonah (Jesse Eisenberg), den älteren Sohn der Reeds, wie er gerade Vater geworden ist. Das Glück der jungen Familie ist von kurzer Dauer. Jonah fährt nach New York, um seinem Vater Gene (Gabriel Byrne) endlich beim Ausmisten von Isabelles Büro zu helfen. Das Verhältnis von Gene zu seinen beiden Söhnen ist nicht ungetrübt, die Kommunikation schwierig. Jonah wusste von den Depressionen der Mutter und meint, er sei derjenige, der Isabelle am besten verstand. Den jüngeren Conrad (Devin Druid), beim Tod der Mutter erst zwölf, hat man bis jetzt damit verschont. Ein Berufskollege von Isabelle Reed (David Strathairn) will in einem Artikel zur Ausstellung deren persönliche Probleme nicht verheimlichen. Conrad soll davon aber nicht aus der Zeitung erfahren, was die Familie zu einer Aussprache zwingt.

Der Prozess des Erinnerns

Dass der Norweger Joachim Trier das familiäre Drama weder trocken und schwer noch melodramatisch inszeniert, hat man erwartet. Zum ersten Mal dreht er auf Englisch mit einem hervorragenden, internationalen Cast und geht auch kinematografisch neue Wege. Während er in «Oslo, August 31st» seine Hauptfigur 24 Stunden lang mit einer Steadicam durch Oslo begleitet, setzt Trier in «Louder Than Bombs» verschiedene filmische Kunstgriffe ein. Er zeigt den Prozess des Erinnerns und wählt dafür eine nicht-lineare Erzählweise: Es werden persönliche Erinnerungen der Hauptfiguren visualisiert, aber auch Träume und Fantasien. Die Zeit ist ausser Kraft gesetzt. Der Regisseur bedient sich dabei stilistischer Mittel wie Zeitlupe, harter Schnitte, langer Abblenden oder surrealer Elemente. Die verschiedenen Perspektiven assoziiert man zu einem komplexen Bild der Figuren.

Bewertung: 4 von 5 Sternen


reg