Interview

Gabriel Vetter: «Louis C.K. inszeniert sich jetzt selbst als Opfer»

Gabriel Vetter wollte sich das Comeback des amerikanischen Comedians Louis C.K. nicht entgehen lassen. Der in Basel wohnhafte Schriftsteller und Kabarettist besuchte am Dienstagabend beide Shows im Con­gress Center. Im Gespräch berichtet er von seinen Eindrücken aus dem «seltsam mit dumpfem Testosterondunst» gefüllten Saal.

Silvana Schreier
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Sieht sich selber in der Opferrolle: Der US-Comedian Louis C.K. (Bild: Keystone)

Sieht sich selber in der Opferrolle: Der US-Comedian Louis C.K. (Bild: Keystone)

Sie verfolgen das Schaffen von Louis C.K. seit Jahren. Sind Sie ein Fan des US-Comedians?

Gabriel Vetter: Ich war einer. Er war für mich der Grösste, auch ein Vorbild. Als weisser, durchschnittlich aussehender, gut situierter Amerikaner nahm er sich selbst nie richtig ernst, hinterfragte seine Position ständig und witzelte über seine eigenen Unzulänglichkeiten. Diese Kunst hatte er perfektioniert.

2017 wurde publik, dass der heute 52-Jährige mehrere Frauen sexuell belästigt und genötigt hatte. Er masturbierte vor ihnen. Dies kam im Rahmen der #MeToo-Recherchen ans Licht. Wie war das für Sie?

Gabriel Vetter, Schriftsteller und Kabarettist

Gabriel Vetter, Schriftsteller und Kabarettist

Ich fühlte mich ganz persönlich verraten. Riskante Comedy hat so viel mit Vertrauen zu tun. Ich weiss noch, wie ich mit anderen Comedians über diesen Vertrauensbruch sprach. Es traf uns zuerst auf einer ganz persönlichen Ebene. Wir fragten uns: Dürfen, sollen und wollen wir ihn jetzt noch toll finden?

«Er bedient affirmativ und unironisch das Publikum, das kam, um den sexistischen Dude zu sehen.»

Louis C.K. zog sich für zwei Jahre zurück. Nun ist er auf Europatournee. Welche Absichten hat er?

Ich nehme an, er will seine Jokes ausprobieren. In den USA ist es üblich, Teile seines Programms vor der Tour vor kleinerem Publikum zu testen. Auch grosse Comedians treten dafür etwa in kleinen Comedy-Clubs auf. Für Louis C.K. scheint dies in Amerika nicht mehr möglich. Darum kommt er hierher.

Gleich zu Beginn der Show fragte Louis C.K. das Publikum, wie für sie die vergangenen Jahre gewesen seien. Er fügt an, bei ihm habe es eine «kleine Unterbrechung» gegeben. Ein gelungener Einstieg?

Ja, das fand ich gut. Es war wichtig, dass er sofort den Elefanten im Raum angesprochen hatte.

Sein Vergehen, dass er vor mehreren Frauen masturbierte, prägte das Programm. Mal waren es Andeutungen, mal klare Aussagen.

Er inszeniert sich jetzt selbst als Opfer, indem er sagt, er habe diese Frauen damals missverstanden, weil sich Frauen aufgrund des strukturellen Sexismus manchmal unklar darüber äussern würden, was sie wollen und was nicht. Das ist ein ziemlich perfider Dreh, den er da macht.

Er schien sich in seiner neuen Rolle als umstrittener, teilweise geächteter Comedian recht wohl zu fühlen.

Natürlich, er stellt sich als Sklave seiner Triebe dar – leider ohne Reflexionsebene. Früher fühlte man sich als Zuhörer von seinen Jokes und der Ironie ertappt, man musste sich selbst, seine Vorurteile und seine Meinung in Frage stellen. Denn auch Louis C.K. tat dies auf der Bühne ständig. Die Zuhörer vertrauten darauf. Darin lag sein Erfolgsrezept.

Und heute?

Die Shows in Basel wirkten aufgesetzt, ohne Ernsthaftigkeit. Er tut so, als ob er sich für das Publikum öffnet. Tatsächlich bedient er aber affirmativ und unironisch das Publikum, das ins Con­gress Center kam, um den sexistischen Dude zu sehen. Und der Saal voller Männer feierte ihn, wenn er obsessiv Gebrauch von Schimpfwörtern, Beschreibungen von Sexpraktiken oder Selbstbefriedigung machte. Mich hat er aber wirklich enttäuscht. Die ehrliche Selbstreflexion, die dorthin geht, wo es wehtut, also das, was ihn immer ausgezeichnet hatte, ist weg.