Interview

LSO-Intendant Numa Bischof: «Wir brauchen klare Rahmenbedingungen»

Stoppt Corona den Aufschwung des Luzerner Sinfonieorchesters? Trotz der Mai-Absagen ist der Intendant Numa Bischof zuversichtlich.

Urs Mattenberger
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Numa Bischof

Numa Bischof

Nadia Schärli / Luzerner Zeitung

Das Luzerner Sinfonieorchester ist von der Verlängerung des Veranstaltungsverbots massiv betroffen. Allein im Mai fallen ihm 20 Konzerte im KKL zum Opfer. Wie dramatisch ist die Lage für das Orchester?

Numa Bischof: Höchst dramatisch unter mehreren Aspekten. Der erste Aspekt ist der künstlerisch-emotionale. Insgesamt werden 40 unserer Veranstaltungen dem Coronavirus zum Opfer fallen. Hinter jeder steckt eine leidenschaftliche Vorarbeit. Wenn die Musiker jetzt mit leeren Händen dastehen, ist das für alle Beteiligten eine sehr schwierige Situation. Da blutet einfach das Herz. Auch vom Publikum erhalten wir solche Reaktionen.

Wie dramatisch ist die finanzielle Situation?

Sie ist gravierend, weil die Fixkosten bleiben, aber die Einnahmen wegbrechen. Aber ich habe grosses Vertrauen, dass uns die Notmassnahmen des Bundes über diese Krise hinweghelfen. Dazu gehört die Kurzarbeitszeitregelung für einen Grossteil unserer Mitarbeiter. Unser Publikum zeigt sich darüber hinaus ausserordentlich solidarisch. Zudem sind wir in einer besonderen Lage, weil kulturelle Insti­tutionen nicht Erträge in einer Grössenordnung erwirtschaften können, mit denen man später Schulden begleichen könnte.

Und das heisst?

Wir könnten erst gar nicht, wie andere Betriebe, Kredite aufnehmen, deren Abzahlung uns auf lange Sicht belasten würde. Deshalb machen uns momentan nicht finanzielle Probleme am meisten zu schaffen – vorausgesetzt, dass diese Notlage nicht monatelang andauert. Auf längere Sicht wüsste ich heute keine Lösung für die Probleme, die dann auf uns alle zukämen.

Womit haben Sie denn jetzt am meisten zu tun?

Mit organisatorischen Problemen. Jede Absage zieht einen Rattenschwanz von Konsequenzen nach sich. Wir müssen etwa klären, für welche Veranstaltungen Ersatztermine möglich sind. Das hängt nicht nur von der Verfügbarkeit der Solisten oder Dirigenten ab. Wir können ohnehin nur einen sehr kleinen Teil auf später verschieben, weil Verschiebungen zu Folgeabsagen in der nächsten Saison führen.

Haben Sie ausser für Herbert Grönemeyer weitere Ersatztermine für diesen Mai?

Ein Teil des Zaubersee-Festivals versuchen wir in die Jubiläumsausgabe 2021 zu integrieren. Unbedingt retten möchte ich einen Teil des Festivals Les Introuvables. Das gilt vor allem für die Aufführung aller Klavierkonzerte von Saint-Saëns durch Pianisten, die diese Werke zum Teil für uns einstudiert haben. Verschoben wird auch die Eröffnung unseres fast fertiggestellten Probehauses beim Südpol. Es macht keinen Sinn, ein Haus zu eröffnen, das man nicht bespielen kann. Und sicher wird es wieder ein Konzert mit Martha Argerich geben. Eine solche Krise geht vorbei, aber Freundschaften wie mit dieser Künstlerin haben ein Leben lang Bestand.

Das neue Probehaus des LSO beim Südpol wird später eröffnet.

Das neue Probehaus des LSO beim Südpol wird später eröffnet.

Bild: Nadia Schärli (Kriens, 20. April 2020)

Für Grossveranstaltungen hat der Bundesrat keinen Zeitplan genannt. Haben Sie Konzepte, wie man auch in Konzerten die Schutzmassnahmen sicherstellen könnte?

Um solche zu erarbeiten, bräuchten wir vom Bund klare Rahmenbedingungen. Ins Ungewisse hinein Konzepte zu entwickeln, ist schwierig. Bei der Erarbeitung von Sicherheitsstandards, die den Vorgaben entsprechen, müsste für Konzerte im KKL das Haus die Federführung übernehmen. Aber wenn die Situation es zulässt, würden wir sofort einsteigen, auch mit kleineren Formaten.

Diese Saison hätte den Rekord von 65000 Besuchern erneut übertroffen. Könnte die Coronakrise den Höhenflug des Luzerner Sinfonieorchesters stoppen?

Nein, ich bin sehr zuversichtlich, dass das Konzertleben nach der Krise wieder in Schwung kommen wird. Möglicherweise intensiviert sich sogar das Bedürfnis nach Musik und der Gemeinschaft, die Konzerte stiften. Das Fehlen von Konzerterlebnissen verdeutlicht den Wert der Musik wie noch nie. Und der Erfolg des Luzerner Sinfonieorchesters beruht ja auf einem Modell, das auf lange Zeit hinaus Gültigkeit hat.

Worin besteht das Erfolgsmodell?

Nach dem Bau des KKL war klar, dass das Orchester einen grossen Schritt nach vorne machen muss, um in diesem Haus zu bestehen. Dazu gehörte ein Vollprogramm mit Top-Solisten, -Aufnahmen und -Tourneen, Vermittlungsangeboten und Kammermusik sowie hauptsächlich die Vergrösserung von 50 auf 70 Musiker. Weil dies mit öffentlichen Mitteln nicht zu realisieren war, suchte ich Mäzene, die interessiert waren, eine künstlerische Idee mit einer unternehmerischen Zukunftsperspektive hin zur Weltklasse mitzuentwickeln. Daraus entstand ein Public-private-Partnership, das in diesem Umfang unter Schweizer Orchestern einzigartig ist.

Besteht nicht das Risiko, dass private Gelder im Fall einer wirtschaftlichen Krise jetzt abgezogen werden?

Ich hoffe nicht! Wir haben wunderbare und treue Förderer. Was uns neben den Subventionen der öffentlichen Hand eine gewisse Sicherheit gibt, ist die Stiftung für das Luzerner Sinfonieorchester, die die Grundlage für die Orchestervergrösserung ist. Die mit 15 Millionen Franken grösste Schenkung, die ein Schweizer Orchester je erhalten hat, ist im Michael-und-Emmy-Lou-Pieper-Fonds angelegt. Damit verbindet dieses Modell die Vorteile einer privaten Zusatzfinanzierung mit der Langfristigkeit öffentlicher Subventionen. Das gehört wie andere Erfolge inzwischen zur Geschichte dieses Orchesters, die ihm niemand mehr wegnehmen kann, auch die Coronakrise nicht.

Programmausfall im Mai

Vom verlängerten Veranstaltungsverbot (bis 8. Juni) ist im Mai in Luzern kein Veranstalter so stark betroffen wie das Luzerner Sinfonieorchester. Allein im kommenden Monat hat dieses heute 20 Konzerte abgesagt, darunter die Festivals «Zaubersee» und «Les Introuvables». Verschoben wurden die Eröffnung des orchestereigenen Probehauses beim Südpol sowie die zwei Konzerte, in denen Herbert Grönemeyer erstmals ein Orchester dirigiert (neu: 26. und 28. November 2021).