LSO: «Orchester ist mir ans Herz gewachsen»

Seit zehn Jahren steuert Intendant Numa Bischof die Erfolgsgeschichte des Luzerner Sinfonieorchesters. Eine Geige und eine fahrende Bühne zeigen, wie diese weitergeht.

Interview Urs Mattenberger
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Numa Bischof Ullmann, Intendant des Luzerner Sinfonieorchesters, vor dem KKL: «Die regionale Verankerung ist wichtig.» (Bild Corinne Glanzmann)

Numa Bischof Ullmann, Intendant des Luzerner Sinfonieorchesters, vor dem KKL: «Die regionale Verankerung ist wichtig.» (Bild Corinne Glanzmann)

Vor zehn Jahren wurde der Basler Numa Bischof Ullmann (44) zum Intendanten des Luzerner Sinfonieorchesters (LSO) gewählt. In dieser Zeit hat der ausgebildete Cellist viel erreicht. Mit dem Geld einer eigens für das LSO gegründeten Stiftung realisierte er die lange angestrebte Orchestervergrösserung. Den künstlerischen Aufstieg des Orchesters dokumentieren Auslandtourneen bis nach Japan, die Zusammenarbeit mit Top-Solisten, prominente CD-Aufnahmen und bedeutende Kompositionsaufträge. Die Besucherzahl stieg stetig von 39 000 auf über 50 000 im letzten Jahr.

Numa Bischof, wie erklären Sie sich den Erfolg des Luzerner Sinfonieorchesters, der mit Jonathan Nott begann, aber in den letzten zehn Jahren auch Ihr ganz persönlicher ist?

Numa Bischof: Es ist sicher falsch, diese Entwicklung einfach mit meiner Person zu verbinden. Dazu haben eine Reihe von Faktoren beigetragen. Dazu gehört das KKL als Plattform von internationaler Ausstrahlung. Mit der Orchestervergrösserung, die eine enorme künstlerische Steigerung und Repertoire-Erweiterung ermöglichte, hat dies das LSO für Solisten und Dirigenten attraktiver gemacht. Durch all das hat sich auch der Stellenwert in der Region entscheidend verändert.

Inwiefern?

Bischof: Anfangs musste ich mich in Gesprächen mit Politikern regelmässig rechtfertigen. Heute ist anerkannt, dass wir als Residenzorchester des KKL einen kulturell-gesellschaftlichen Gesamtauftrag erfüllen. Das reicht von Kinderprogrammen bis zur Zusammenarbeit mit unseren Partnerinstitutionen. Und gesellschaftlich spiegelt sich das in einem wachsenden Gönner- und Mäzenatenkreis, woraus viele persönliche Freundschaften entstanden sind. Diese regionale Verankerung ist ebenso wichtig wie die internationale Ausstrahlung.

Von aussen gesehen verbindet man diesen Erfolg mehr mit Ihrer Person und weniger, wie bei anderen Orchestern, mit dem Chefdirigenten. Führt das nicht zu Problemen?

Numa Bischof: Nein. Meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die Rahmenbedingungen stimmen. Bei vielen anderen Orchestern müssen Dirigenten etwa Zeit für das Fundraising aufwenden. Je mehr davon der Intendant und sein Team übernehmen, desto grösser sind die Chancen, Dirigenten vom Rang eines James Gaffigan zu gewinnen. Umgekehrt ist bei einem international gefragten Dirigenten wichtig, dass der Intendant Kontinuität sicherstellt.

Weil Dirigenten oft nach ein paar Jahren weiterziehen?

Bischof: Ja, das ist heute normal. Aber für Dirigenten wie Intendanten gilt: In relativ kurzen Durchgangszeiten sind langfristige Ziele nicht zu realisieren. Wenn James Gaffigan, mit dem das Orchester in den letzten Jahren eine wunderbare Zusammenarbeit entwickelt hat, auswärts wichtige Engagements wahrnimmt, kommen solche Kontakte dem Orchester zugute. Aber wegen der Abwesenheiten braucht dieses ein Gesicht, das immer da ist: Das kann der Intendant sein, der gut vernetzt ist und quasi beim Bäcker um die Ecke seine Brötchen kauft.

Wäre mit Ihrem Leistungsausweis nicht auch für Sie die Zeit reif für einen Sprung weg von Luzern?

Bischof: Nein, obwohl ich schöne Angebote bekommen habe, war für mich bisher immer klar, dass ich hier bleiben will. Mit dem vielfältigen Beziehungsnetz kann ich hier viel mehr bewirken als an einem neuen Ort, wo ich das erst wieder aufbauen müsste.

Welche langfristigen Ziele sind überhaupt noch möglich?

Bischof: Ein Problem wird sein, dass der Erfolg die Erwartung weckt, dass das immer so weitergeht. Natürlich ist das so nicht möglich – um eine erste Tournee wie nach Japan zu toppen, müsste man auf den Mond fliegen! Aber natürlich gibt es in vielen Bereichen Ausbaupotenzial. Das müssen nicht spektakuläre Würfe sein. Die Feinarbeit ist genauso wichtig.

Also steht nicht die nächste Orchestervergrösserung an?

Bischof: Nein, die aktuelle Grösse erachte ich in der jetzigen Situation als angemessen. Aber der Erfolg eines Orchesters hängt letztlich von seiner künstlerischen Qualität ab. Feinarbeit heisst zum Beispiel, dass wir neue Instrumente anschaffen, um die Klangkultur verbessern. Ganz neue Wege gehen wir zudem in der Musikvermittlung.

In einer Orchesterprobe und Workshops hatten Sie kürzlich alle Schüler der Kanti Alpenquai zu Gast. Auch das dürfte schwer zu toppen sein.

Bischof: Ja, das war ein Grossprojekt, das wir künftig regelmässig wiederholen möchten. Ergänzend dazu starten wir im Juni das Projekt eines mobilen Musikwagens, der auf einer aufklappbaren Bühne die Musik in der ganzen Zentralschweiz unter die Leute bringen wird – auch zu jungen Menschen und solchen, die keine Chance haben, mit klassischer Musik in Berührung zu kommen. Auch damit wollen wir die Verankerung stärken: Jeder in der Region soll wissen und erleben können, was dieses Orchester macht.

Umgekehrt führten die vielen Aktivitäten dazu, dass das LSO abgesehen vom Weihnachtssingen nicht mehr regionale Chöre begleitet. Und die Barockformation La Gioconda, die da eine wichtige Rolle spielen könnte, haben Sie vor Jahren eingestellt.

Bischof: Dass es kaum noch Zusammenarbeit mit Chören gibt, hat andere Gründe. So wie Chöre heute finanziell dastehen, ist das Orchester für sie zu teuer. Und die Gioconda-Formation war eine Privatinitiative von LSO-Musikern, die wir durchaus unterstützt haben. Da haben sich einfach die Prioritäten geändert, weil der Chefdirigent dieses Repertoire mit dem Orchester neu pflegen will.

Gibt es ein Konzert, mit dem Sie diese zehn Jahre persönlich feiern?

Bischof: Ja, sogar zwei. Das erste ist jetzt der Auftritt des Pianisten Krystian Zimerman, den ich ausserordentlich schätze und dessen Aufnahmen mich früh geprägt haben. In meiner ersten Amtshandlung als designierter LSO-Intendant musste ich vor zehn Jahren für ihn einen Ersatz organisieren. Dass er jetzt mit Johannes Brahms’ erstem Klavierkonzert kommt, ist für mich tatsächlich wie ein Jubiläumsgeschenk.

Und das zweite?

Bischof: Auf meiner Hochzeitsreise vor zehn Jahren erlaubte ich mir einen einzigen Konzertbesuch – am Festival in Ravello, das wie Luzern eng mit Wagner verbunden ist. Nach drei Intendantenwechseln dort klappt es in diesem Sommer, dass unser Orchester da auftreten kann. Das sind Vorteile, wenn ein Intendant langfristig wirkt, fast wie ein Unternehmer. Darauf bin ich schon ein bisschen stolz. Vor allem aber ist mir das Orchester in dieser Zeit extrem ans Herz gewachsen.

Hinweis

Numa Bischofs persönliches Jubiläumsgeschenk: Mi/Do, 16./17. April, 19.30 Uhr, Konzertsaal KKL Luzern: Krystian Zimerman ist Solist im ersten Klavierkonzert von Brahms – mit dem Luzerner Sinfonieorchester unter James Gaffigan. VV: Tel. 041 226 77 77

Numa Bischof Ullmann, Intendant des Luzerner Sinfonieorchesters, vor dem KKL: «Die regionale Verankerung ist wichtig.» (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)

Numa Bischof Ullmann, Intendant des Luzerner Sinfonieorchesters, vor dem KKL: «Die regionale Verankerung ist wichtig.» (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)