LUCERNE FESTIVAL: Andris Nelsons: Wenn Wagner in Beethoven gipfelt

Andris Nelsons fühlte sich vor allem bei Wagner und Beethoven im Element. Für die Glanzlichter aber sorgten zwei Solisten.

Fritz Schaub
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Andris Nelsons (links) und Tenor Klaus Florian Vogt brachten quasi Bayreuth nach Luzern. (Bild: Lucerne Festival/Priska Ketterer)

Andris Nelsons (links) und Tenor Klaus Florian Vogt brachten quasi Bayreuth nach Luzern. (Bild: Lucerne Festival/Priska Ketterer)

Die beiden Konzerte des City of Birmingham Symphony Orchestra stiessen am Wochenende auf grösste Aufmerksamkeit, gilt doch Dirigent Andris Nelsons als Anwärter auf den Thron des Lucerne Festival Orchestra. Beide Male führte Nelsons ein Beethoven-Werk auf, dem er im ersten die zweite Sinfonie von Edward Elgar, im zweiten Auszüge aus Wagner-Opern gegenüberstellte. Andris Nelsons, das ist der Mann der grossen Gesten und überschwänglichen Emotionen, die er mit dem vollen Einsatz seines gross gewachsenen Körpers übermittelt. Das wurde erneut sehr klar.

Zwei, die sich verstehen

Verblüffend, wie fix bei der Begleitung des fünften Klavierkonzerts von Beethoven der Stab von einer Hand in die andere wanderte, sodass auch die rechte Hand frei blieb für besonders drastische Impulse. Das ging weit über die «normale» Begleitung eines Klavierkonzerts hinaus. Da stellte sich einer als ebenbürtiger Partner neben den Solisten.

Locker auf der Stuhlkante sitzend, das linke Bein im Rhythmus wiegend, dabei immer voll konzentriert, stürzte sich auch Rudolf Buchbinder (68) lustvoll in das Duell mit dem engagierten Dirigenten. Buchbinder, der einst als Lückenbüsser beim Piano-Festival debütierte, scheint mit dem Alter immer besser zu werden. Stürmischer Applaus kam zunächst, verhaltener hingegen nach der zweiten Sinfonie von Edward Elgar.

Diese Sinfonie ist wohl eher eine englische Spezialität, die es ausserhalb immer schwer hatte und auch in Zukunft haben dürfte. Da ist zu viel Strauss- und Wagner-Ballast; der Aufwand des in Luzern zum ersten Mal aufgeführten einstündigen (!) Werks steht in keinem Verhältnis zur Substanz, auch wenn es inspirierte melodische Abschnitte gibt wie im herzergreifenden Lamento des langsamen Satzes. Diese gingen aber weitgehend unter bei den zu extremen Lautstärken getriebenen Höhepunkten.

Wie durchsichtig und schön, selbst bei grösster Lautstärke, der originale Wagner klingen kann, erlebte man im gestrigen Matinee-Konzert bereits im «Karfreitagszauber». In blendender Form präsentierten sich die Sektionen der Streicher, der Holz-und Blechbläser. Wie nahtlos sie sich gegenseitig ablösten, zeigte die völlige Vertrautheit mit dieser Partitur, obwohl das Orchester normalerweise nicht Oper spielt.

Definitiv kein «Chorknabe» mehr

Wie schön und unangestrengt man Wagner singen kann, demonstrierte Klaus Florian Vogt zunächst in zwei «Parsifal»-Szenen. Schon bei «Amfortas! Die Wunde!» zeigte sich, dass er den Ruf der «Chorknabenstimme» endgültig abgestreift, die Stimme an Kraft und Ausdruck gewonnen hat, ohne die Piano-Kultur oder das leuchtende Timbre zu beeinträchtigen, wie die Gralserzählung des Lohengrins offenbarte.

Mit dem Bayreuther «Lohengrin»-Dirigenten Nelsons war das (konzertantes) Bayreuth pur. In einem tänzerischen Taumel, der, angestachelt von einem entfesselten Nelsons, schon beim «Scherzo» einsetzte, gipfelte dann die 7. von Beethoven, der Wagner nicht von ungefähr den Titel «Apotheose des Tanzes» gegeben hat.