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LUCERNE FESTIVAL: Aus Masse werden individuelle Menschen

Der Verein Zuflucht bescherte dem Konzertfestival eine besondere Opernpremiere: 23 Flüchtlinge verhalfen Mozarts «Idomeneo» zu lebensnaher Aktualität.
Urs Mattenberger
Von täglicher Aktualität: der Bewegungschor der Flüchtlinge in der «Idomeneo»-Produktion im Luzerner Saal. (Bild: Piska Ketterer/LF (27. August 2017))

Von täglicher Aktualität: der Bewegungschor der Flüchtlinge in der «Idomeneo»-Produktion im Luzerner Saal. (Bild: Piska Ketterer/LF (27. August 2017))

Urs Mattenberger
<span style="font-size: 1em;">urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch</span>

Ein Machthaber, der so faustdick lügt wie Donald Trump. Und Politintrigen, die von einem Sexskandal derart angeheizt werden, dass es zum Selbstmord kommt: Wenn man am Sonntag am Erlebnistag des Lucerne Festival den Ausführungen von Regisseur Bernd Schmitt zu Mozarts «Idomeneo» folgte, hörte sich die Handlung so aktuell an, dass sich das hier gewählte Aufführungskonzept aufdrängte. Denn es wirkten 23 echte Geflüchtete mit.

Für seine dritte Produktion hat der in Deutschland lancierte Verein Zuflucht die Oper «Idomeneo» ausgewählt, weil es hier um Boatpeople geht, die übers Meer nach Kreta gelangen wollen und nur knapp dem Ertrinkungstod entgehen. Das gilt sogar für den Herrscher Idomeneo, der sich vom Meergott die Rettung mit einem Deal erkauft: Er verspricht, den ersten Menschen zu opfern, der ihm begegnet. Weil das sein Sohn Idamante ist, muss ein erstes Mal entschieden werden, welches Menschenleben wichtiger ist als ein anderes: «Das sind Überlegungen, die Politiker regelmässig machen müssen, wenn sie nur bestimmte Flüchtlinge hereinholen», sagte «Zuflucht»-Initiantin Cornelia Lanz im Festival-Magazin «Piu».

Bilder wie aus der «Tagesschau»

Zudem sind hier gleich zwei Generationen von Flüchtlingen präsent. «Werft sie raus!», wird die einst nach Kreta geflüchtete Agamemnon-Rächerin Elettra ausrufen, wenn neue Flüchtlinge kommen. Für diese steht in der Oper stellvertretend die trojanische Königstochter Ilia, mit der eine Welle kriegsversehrter Trojaner ans Land geworfen wird.

Genau damit beginnt spektakulär die Inszenierung im Luzerner Saal. Das Zentrum der Bühne beherrscht ein riesiger Tisch. Seine Schieflage und das darüber aufgespannte Segel, auf das die stumme Gewalt des Meeres projiziert wird, erinnern an «Tagesschau»-Bilder. Während der Ouvertüre stürmen von beiden Seiten Flüchtlinge auf die Bühne und rennen um ihr Leben. Schon in der Art, wie sie sich unter dem Tisch hindurch ducken, athletisch über ihn hinwegspringen oder sich ängstlich in eine Ecke kauern, wird eine Ansammlung von Individuen, die sich zusammengepfercht auf den Tisch rettet.

Schmitt aktualisiert die Story in gewohnter Regietheater-Tradition. Idomeno erscheint in Kampfmontur wie der Soldaten-Präsident eines Schurkenstaats, der im Hinterzimmer mit Arbace dubiose Pläne schmiedet. Und wenn Idamante vor dem politisch grundierten Liebeskonflikt mit Ilia und Elettra in den Krieg flüchtet, rüstet er sich mit Pistole und Gewehr zum Terroristen aus.

Aber solchen naheliegenden Klischees setzt die Inszenierung die Individualität der Flüchtlinge entgegen, die wichtigste Botschaft der Produktion. Aus der Anonymität des Bettlagers – halb Schlafsaal, halb Leichenhalle – treten sie einzeln hervor. Die Idee, sie nicht über ihre Flucht, sondern anhand eines persönlichen Utensils über sich selber sprechen zu lassen, ist bestechend. Berührend etwa die junge Frau, die das palästinensische Kopftuch ihres Grossvaters wie eine Fahne hochhält: «So wie mein Grossvater mit diesem Tuch nach Syrien geflüchtet ist, bin ich von Syrien nach Deutschland geflüchtet», sagt der Übersetzer. Und plötzlich bekommt die Heimatlosigkeit von Flüchtlingen ein Gesicht am Beispiel dieser Palästinenserin, die nie in ihrer Heimat war, aber auch keinen syrischen Pass besitzt.

Begegnungen in der Pause

So gelingt es, Mozarts Polit- und Psychothriller mit persönlichen Flüchtlingsgeschichten beklemmend zu verbinden. Allerdings nur im ersten Teil. Nach der Pause, wenn der Bewegungschor in den Betten die deutsche Nationalhymne in fremden Sprachen anstimmt, macht der wild um sich ballernde Idamante dem Spuk ein Ende. Und von da an, beim Showdown der Mozart-Protagonisten, spielen die Flüchtlinge kaum noch eine Rolle.

Das ist mehrfach schade. Zum einen kann man jetzt über das musikalische Niveau dieser Produktion sinnieren, bei dem der Sopran von Josefin Feiler als Ilia alle überstrahlt – selbst Manolito Mario Franz’ Idomeneo, der zunehmend an imposanter vokaler Statur gewinnt. Das Orchester Band Art und der Philharmonia-Chor Stuttgart steuern zwar viel Atmosphäre und furchterregende Fortissimo-Expressivität bei. Aber im Ganzen fehlt diesem Mozart-Spiel der Feinschliff, den man von Festival-Produktionen erwartet.

Zum anderen bedauert man, dass die Flüchtlinge damit doch ein Stück weit instrumentalisiert werden, ähnlich wie in der Oper – laut Schmitt – die Trojanerin Ilia. Dabei zeigten sparsame musikalische Einschübe wie die Oud-Begleitung zu Rezitativen des Idomeneo, ein arabisch inspiriertes Cellosolo oder deutsche Zwischentexte, wie man mit der «Idomeneo-Baustelle» (Schmitt in der Einführung) noch freier hätte umgehen können. Das wäre wohl auch im Sinn der Flüchtlinge, die in der Pause angeregt mit Besuchern ins Gespräch kamen. Ja, er hätte auf der Bühne gerne mehr von sich erzählt, meinte ein Syrer, der vor zwei Jahren über das Meer nach Griechenland und bis Deutschland floh.

Erzählt hätte er von der Angst, wegen seiner regimekritischen Äusserungen auf Facebook in Damaskus eingesperrt zu werden, oder vom Wunsch, in seinem Beruf als Sales-Manager die Menschen in Deutschland und Syrien einander wieder näherzubringen. Erzählt hätte er aber auch, wie er mit diesem Mozart-Projekt westeuropäische Kultur schätzen und verstehen lernte.

Sympathisch gelang dieser Austausch in der langen Pause, wenn im Foyer die Flüchtlinge zur Gitarre Lieder aus ihrer Heimat sangen. Dass man Oper in einem derart ungezwungenen, gemeinschaftlichen Rahmen erlebte, wie es sonst kaum je der Fall ist: Auch das machte diese mutige Produktion zu einem Festivalhöhepunkt zum diesjährigen Thema «Identität».

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