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LUCERNE FESTIVAL: Bernard Haitink und der innerste Punkt des Seins

Mozart, dreimal völlig verschieden interpretiert, und ein Mahler, der an den Existenzen rüttelt: Altmeister Bernard Haitink verzauberte mit zwei Abenden von grosser Klasse.
Roman Kühne
Der Bariton Christian Gerhaher mit dem Chamber Orchestra of Europe unter Bernard Haitink. (Bild: Priska Ketterer/LF (Luzern, 15. August 2017))

Der Bariton Christian Gerhaher mit dem Chamber Orchestra of Europe unter Bernard Haitink. (Bild: Priska Ketterer/LF (Luzern, 15. August 2017))

Roman Kühne
<span style="font-size: 1em;">kultur@luzernerzeitung.ch</span>

Wenn es noch eines Beweises bedürfte, dass unsere wahrnehmbare Identität oft von momen­tanen Stimmungen und Gegebenheiten abhängt, so lieferten diesen die Konzerte von Bernard Haitink mit dem Chamber Orchestra of Europe im Konzertsaal des KKL. Drei Sinfonien von Mozart reichte uns der 88-jährige Meister zum Genuss. Dreimal wurden sie anders serviert.

Den Auftakt machte die «Linzer Sinfonie» am Sonntag. Diese kann man durchaus mit einem kräftigen, glanzvollen Gestus lesen, wofür es in ihrer Diskografie zahlreiche Beispiele gibt. Haitink wählt jedoch für sein Konzert eine schlanke, ja verletzliche Auslegung. Tastend steigt er ins eröffnende Adagio, unaufdringlich, selbstverständlich breitet sich die Musik aus. Den Bläsersolisten wird Platz und Fantasie gelassen. Die Kontraste werden über weite Strecken spielerisch in Szene gesetzt, bis sie dann im Schlussfinale doch zu mehr Dramatik finden. Eine weitgehend faszinierende Erzählung, die mehr Zwischentöne bietet als offensichtliches Schauspiel. Nur im Andante bleibt die Musik gar etwas stecken, fehlt der sinngebende Vorwärtszug.

Das Festliche ins Zentrum gerückt

Ganz anders dann die Haffner–Sinfonie am Dienstag. Des Dirigenten Bewegungen scheinen die gleichen – sparsam und klar. Doch hier wird die ganze Energie ausgekostet. Das Orchester spielt viel breiter, massig gar. Die Extreme werden opernhaft in den Saal geworfen. Expressiv sprudelt der Ideenbaum. Das Festliche der Musik wird ins Zentrum gerückt. Und doch wirkt diese Aufführung weniger kompakt, gehen in der Flächigkeit viele Details verloren. Die anschliessende «Prager Sinfonie» vereint die positiven Seiten beider Aufführungen. Die Leichtigkeit, der kristallene Klang verschmelzen mit der theatralischen Dramatik zu einem dieser alle beglückenden Momente. Die Musiker gestalten expressiv, ziehen einen klaren Bogen vom ersten bis zum letzten Takt. Schwerelos und doch emotional, transparent, aber mit Feuer – Hörerherz, was willst du mehr?

Weite Seele im Weltenrund

Der Höhepunkt der beiden Abende sind jedoch die Lieder Gustav Mahlers und ihre Solisten. Vor allem der Bariton Christian Ger­haher singt eine meisterhafte Deutung der «Rückert-Lieder» (Dienstag), lässt eventuelle Vorbehalte ob der speziellen Programmierung – der Mahler direkt nach dem Mozart verlangte ein flexibles Zuschauerohr – verschwinden. Mit zerbrechlichem Gestus spannt Gerhaher ein Netz von Vieldeutigkeit und Seelentiefe. Sein «Um Mitternacht» ist ein versponnener Traum, ein aus der Tiefe steigendes Dunkelgewächs. In endlosem Aufbau, alles bleibt im Pianissimo, zieht er hin zum finalen Nachtgesause. Ergreifend, packend, berührend. Die Ruhe und Leichtigkeit des Solisten gibt dem Gesang sein Gewicht. Was für ein innerer Reichtum tritt hier zu Tage. Es ist eine zentrierte Entrücktheit, ein verschollenes Tal, wo das Ich ganz zuhinterst steht. Ein Inspirationsquell, welcher die Zuschauer ­ auf des Sitzes Kante zwingt, den tiefsten Punkt unserer Existenz berührt. Eine halbstündige ­Spannung, die erst im tosenden Applaus ihre Erlösung findet.

Mit der gleichen Reflexion singt Christian Gerhaher auch Lieder aus «Des Knaben Wunderhorn» (Sonntag). Ihm zur Seite steht die noch junge Sopranistin Anna Lucia Richter. Neckisch und charmant perlt sie durch ihre fröhlichen Lieder. Im Gegensatz zu Gerhaher erhält sie wenig Gelegenheit, schwerere Schichten auszuloten. Aber mit grossem theatralischem Geschick, viel Lust und Schelmerei kleidet sie ihre Partien in ein überzeugendes Gewand.

Das Orchester begleitet delikat, lässt den Solisten Luft und Entfaltungsraum. Die Akkordschichtungen werden transparent und erlebbar ausgebreitet. Ein reiner Bach, über dem sich das psychologische Geflecht der Sänger frei entfalten kann. Fazit: Es sind zwei dieser Abende, wo man als Zuschauer reich beschenkt und nach der Zugabe (Scherzo aus «Sommernachtstraum» von Felix Mendelssohn) von Gedanken inspiriert in die Nachtluft tritt.

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