LUCERNE FESTIVAL: Boulez lachte von den Shirts

Der 90. Geburtstag von Academy-Gründer Pierre Boulez wurde im KKL gefeiert. Mit Uraufführungen aus aller Welt.

Simon Bordier
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Zu Ehren von Gründer Pierre Boulez zog das gesamte Lucerne Festival Academy Orchestra ein T-Shirt mit seinem Gesicht an. (Bild: LF/Peter Fischli)

Zu Ehren von Gründer Pierre Boulez zog das gesamte Lucerne Festival Academy Orchestra ein T-Shirt mit seinem Gesicht an. (Bild: LF/Peter Fischli)

Was schenken? Die Lucerne Festival Academy hat zum 90. Geburtstag des Komponisten und Dirigenten Pierre Boulez, der vor über zehn Jahren die Academy mitbegründet hat, am Sonntagabend im KKL vier Uraufführungen gespielt, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Da waren bebende Kinoklänge zu hören, darauf eine «Petite musique solennelle», dann wieder eine Art Concerto grosso, und in einem Stück schienen gar Wale zu singen.

Zwischen all dem erklang das mythenreiche «Osiris» des deutschen Dirigenten und Komponisten Matthias Pintscher, der diesen Sommer im Auftrag von Boulez mit seinem spanischen Kollegen Pablo Heras-Casado die Academy leitet und am Sonntag einen Grossteil des Konzerts dirigierte. Boulez konnte aufgrund seines fortgeschrittenen Alters dem Widmungskonzert nicht beiwohnen, war aber mit seinem lebensumspannenden Werk «Notations» vertreten und lächelte von den T-Shirts der Academy-Musiker.

Interesse an jungen Künstlern

«Ich spreche mit Pierre Boulez über alles Mögliche: Schönberg, Wein, Frankreich – aber nicht über die Art und Weise, wie man komponiert», erklärte Matthias Pintscher während des Konzerts. Die offene und respektvolle Haltung von Boulez gegenüber anderen Komponisten erklärte wohl die Fülle an musikalischen Stilen des Konzerts, das damit den krönenden Abschluss nach einem eindrücklichen «Tag für Pierre Boulez» bildete (Ausgabe von gestern).

Das Interesse Boulez’ gilt insbesondere jungen Künstlern. So auch dem 1984 in Montreal geborenen Samy Moussa, dessen Werk «Crimson» dank des Förderprogramms Roche Young Commissions zu Stande kam. Bei der Uraufführung wurde das Publikum mit massiven Orchesterklängen überrascht, die einander in hoher, schwindelerregender Kadenz ablösten. Die Übergänge waren eindrücklich instrumentiert: Im Sog der Orchesterglissandi und der bebenden Röhrenglocken kristallisierten sich immer wieder feine Rhythmen und Läufe heraus, die das Ohr bei allem Vorwärtsdrang kurzzeitig fesselten. Eine eindrückliche Figur machte dabei auch der junge Franzose Julien Leroy am Dirigentenpult.

Ebenfalls im Rahmen der Roche Young Commissions hat der 1990 in Krakau geborene Piotr Peszat sein Stück «Pensées étranglées» komponiert. Das symmetrisch aufgestellte Orchester gab zunächst nur vereinzelte Luft-, Reib- und Klappergeräusche von sich. Die Wirkung war überwältigend, als sich die Klänge und Geräusche unter dem Dirigat des jungen Argentiniers Mariano Chiacchiarini zu einem einzigen, wogenden Rhythmus vereinigten: Man glaubte plötzlich Walgesänge zu hören. Zumindest wirkte das Orchester wie ein neu geschaffenes Instrument, woran der deutsche Komponist Helmut Lachenmann bestimmt seine Freude gehabt hätte.

György Kurtág (89), der bedeutendste lebende ungarische Komponist, kontrastierte in seiner Hommage an Boulez offene Quintklänge mit engmaschigen Klangfortschreitungen. Gebannt folgte man den erstaunlich intonationssicheren Trompeten und Hörnern, wie sie sich in dieser «Petite musique solennelle» behutsam forttasteten.

Starke Kontraste

Der deutsche Komponist Wolfgang Rihm (63) liess in seinem an Boulez gerichteten «Gruss-Moment» noch stärkere Kontraste hören, indem er die Streicher der Academy zu einem Streichquartett kondensierte und dieses dem restlichen Orchester gegenüberstellte. Während das Quartett mit minutiösen Klangbewegungen spitze Ohren erforderte, sorgte das Orchester für scharfe, energetische Impulse. Die raketenhafte Schlussgeste des Horns erinnerte an die frühere Boulez-Hommage «Fusées», verwies aber auch verheissungsvoll in die Zukunft.

Zum Schluss spielte das Academy-Orchester Boulez’ «Notations». Auch hier waren Kontraste angesagt zwischen der ursprünglichen Fassung für Klavier aus dem Jahre 1945 und der in den 1990er-Jahren von Boulez arrangierten Orchesterversion. Gespielt wurden die Sätze I bis IV und VII. Während das Klavier die erfrischende Kürze der Zwölftonkompositionen zeigte, durfte sich das Orchester in allen Farben austoben und den letzten Satz «Très vif» fast wie im Stil von Leonard Bernsteins «Mambo» spielen.