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LUCERNE FESTIVAL: Das Ballett der Dirigentinnen

Sechs Dirigentinnen stellten am Erlebnistag Gender-Klischees auf den Prüfstand. Die grosse Publikumsresonanz zeigte, dass jetzt auch am Festival die Zeit reif wird für Frauen am Pult.
Urs Mattenberger
Ein Signal für künftig mehr Dirigentinnen am Lucerne Festival: Mirga Grazinyte-Tyla, hier am Erlebnistag am Pult des Chamber Orchestra of Europa, kommt bereits nächstes Jahr wieder mit ihrem Orchester aus Birmingham. (Bild Lucerne Festival/Peter Fischli)

Ein Signal für künftig mehr Dirigentinnen am Lucerne Festival: Mirga Grazinyte-Tyla, hier am Erlebnistag am Pult des Chamber Orchestra of Europa, kommt bereits nächstes Jahr wieder mit ihrem Orchester aus Birmingham. (Bild Lucerne Festival/Peter Fischli)

Urs Mattenberger

Eine Frau am Dirigentenpult ergebe «mehr sexuelle Energie» und erschwere damit den Fokus auf die Musik: Der Ausspruch des Dirigenten Vasily Petrenko hatte vor drei Jahren klargemacht, gegen welche Klischees Frauen sich zum Teil noch heute den Weg an die Spitze grosser Orchester bahnen müssen.

Es waren Klischees wie dieses, die am Sonntag den Erlebnistag zum Festivalthema «PrimaDonna» – mit dicht gedrängten Veranstaltungen von 11 bis 22 Uhr – über das Musikalische hinaus brisant machten. Denn sechs Dirigentinnen an einem Tag am Pult von Orchestern und Ensembles – das gab es bei Lucerne Festival noch nie. Dass damit bewusst Gender-Klischees auf den Prüfstand gestellt wurden, zeigte ein Podium, an dem Moderatorin Gabriela Kägi mit jenem Petrenko-Zitat gleich zu Beginn die Lacher auf ihrer Seite hatte.

Der Duft der Frauen

Allerdings bestätigte das Podium, wie schwierig es ist, sich von Klischees zu lösen. So quittierte Kägi die Anekdote von einem Duftkonzert unter der Leitung der Dirigentin Susanna Mälkki reflexartig mit dem Bonmot: «Frau und Parfüm – das passt!» Gender-Stereotype in unseren Köpfen zu ändern, sei eben praktisch unmöglich, hatte die Verhaltensökonomin Iris Bohnet im Festival-Magazin «PIÙ» gesagt. Um Frauen vermehrt Karrieren im Musikbusiness zu ermöglichen, müsse man stattdessen die Prozesse im System ändern.

Wie funktioniert das bei Dirigentinnen? «Wohin verschwinden die Frauen», fragte Kägi, «die in der Dirigierausbildung auch in der Schweiz rund einen Drittel ausmachen, an Chefpositionen von Berufsorchestern aber noch immer kaum vertreten sind?» In dem auf den Starbetrieb fokussierten Podium nicht berücksichtigt wurde, dass Frauen als Dirigentinnen längst wichtige Rollen spielen: Viele Konzertchöre in der Schweiz etwa werden von Frauen geleitet – in Luzern zwei der bedeutendsten von Ulrike Grosch (Collegium Vocale) und Moana N. Labbate (Klangwerk Luzern). Letztere baten wir, uns zu begleiten, um nicht in Klischeefallen zu tappen, die ein solcher Tag bereithält.

Kleider machen Dirigentinnen

Die erste ist, dass man bei Dirigentinnen auf Äusserlichkeiten achtet. Die Litauerin Mirga Grazinyte-Tyla trat im ärmellosen Shirt und die Estin Anu Tali im eng taillierten Gehrock ans Pult des Chamber Orchestra of Europe. Ensembles der Academy dirigierte Maria Schneider (in ihrem orchestralen Jazz) im langen Mantelrock und die Schweizerin Elena Schwarz im nüchternen Arbeitstenü (in Werken von Olga Neuwirth, Ausgabe von gestern).

Moana N. Labbate, die beim Dirigieren einen schwarzen Gehrock trägt, lacht verschmitzt: «Wie ich mich kleiden sollte, war die erste und einzige Frage, die mich mit meiner Rolle als Frau konfrontierte.» Ansonsten spielte das Geschlecht auf ihrem Weg zur Dirigentin keine Rolle: «Dass Frauen dirigieren, ist in meinem Umfeld selbstverständlich und im Alltag kein Thema.» Wie viel sich in den letzten Jahrzehnten in dieser Hinsicht bewegt hat, bestätigten Aussagen am Podium. Konstantia Gourzi (54) beschied eine Agentur nach Abschluss ihres Studiums noch, sie hätte kein Interesse an Dirigentinnen. Mirga Grazinyte-Tyla (30) hatte dagegen im Gespräch mit unserer Zeitung gesagt, sie hätte sich als Frau nicht diskriminiert gefühlt (Ausgabe vom 14. August).

Kein Heldenpathos

Damit rückt die Frage nach einer weiblichen Ästhetik des Dirigierens ins Zentrum, die Intendant Michael Haefliger am Podium stellte. Wie verändern Frauen das im 19. Jahrhundert geprägte Stereotyp vom «Helden»-Dirigenten – in der Gestik und der Interpretation?

Hörte man die Konzerte unter dieser Perspektive, fiel auf: Es fehlten in allen Programmen die grossen Schlachtrösser des klassisch-romantischen Repertoires, die das Heldenpathos am Pult prägten. Stattdessen hörte man moderne und neue Musik, Klassik und Jazz. Vielleicht hing es damit zusammen, dass den Auftritten der Dirigentinnen eine gewisse pathosferne Sachlichkeit anhaftete.

Deutlich darüber hinaus wies Mirga Grazinyte-Tyla, die in Birmingham als erste Frau einem internationalen Spitzenorchester vorsteht. Sie verriet Charisma mit einem Auftritt, der mit energisch-präzisen Gesten einem Werk ihrer Landsfrau Raminta Serksnyte zu flirrender Farbigkeit verhalf, Beethovens Pastoralsinfonie dagegen mit rund fliessenden Bewegungen auch weit ausschwingen liess. Trotz des schlanken Klangs war das eine Interpretation, die über einen feinnervig-historischen Ansatz hinaus auf grosse Gesten und magische Klangabmischungen setzte.

Strenger und etwas spitz in der Gestik agierte später Anu Tali vor demselben Orchester. Das passte zur Motorik von Prokofjews «Symphonie classique», kontrastierte aber zum mitunter wuchtigen Orchesterklang in Chopins erstem Klavierkonzert. Mit dem Rising Star Yulianna Avdeeva sass freilich eine Pianistin am Flügel, die mit kristallklar-kraftvollem Spiel ihre Virtuosenrolle phänomenal ausspielte: ein Beispiel dafür, dass unter Solisten die Gender-Frage längst obsolet geworden ist.

Zwei feminine Akzente

Dafür stand auch der Auftritt der Festival Strings Lucerne, die von der Geigerin Arabella Steinbacher durch Vivaldis «Jahreszeiten» geführt wurden. Steinbacher setzte zwar mit ihrem schulterfreien Kleid einen femininen Akzent. Aber ihr gespannter Ton verschmolz mit dem Ensemble zu einer im Klang gepflegten, aber im Ausdruck energisch-packenden Wiedergabe.

Ein Gender-Klischee bediente positiv die Frau aus der Männerdomäne Jazz: die Amerikanerin Maria Schneider, die in ihrer Laufbahn als Big-Band-Leaderin und Komponistin «so gut wie keinen Gedanken daran verschwendet hat, eine Frau zu sein». Die Emotionalität einer suggestiven Filmmusik ergab sich in den Gedichtvertonungen für das Academy-Orchester zwar aus impressionistisch-jazzigen Stileinflüssen, wobei die Gesangssolistinnen den Texten zu hypnotischer Ausdruckskraft verhalfen. Aber in ihrer Einführung zu den «Winter Songs» auf die alltagsnahe Poesie von Ted Kooser öffnete Schneider ihr Herz so anrührend, wie man es sich bei Männern leider nur schwer vorstellen kann.

Ein Fazit für die Zukunft

Mit alledem war dieser bisher inspirierteste Erlebnistag des Festivals auch musikalisch ein vielfältiger Höhepunkt, auch für Labbate. Welchen Eindruck hinterliessen bei ihr die Kolleginnen am Pult? «Aufgefallen ist mir ihre Leichtigkeit im Ausdruck und in der Gestik», sagt sie. «Mirga Grazinyte-Tylas Bewegungen haben gar etwas Tänzerisches mit einem breiten Repertoire an energischen und weichen Gesten.» Anderseits beeindruckte sie die «Erdung» bei Konstantia Gourzi: «Das ist sicher auch eine Frage des Alters und der Erfahrung.» Auch für Labbate ist klar, dass man als Frau nicht Männer imitieren soll: «Aber auch eine feingliedrige, kleine Dirigentin muss die ganze Palette an Ausdrucksmöglichkeiten authentisch verkörpern. Raue, kraftvolle Bewegungen müssen natürlich und echt wirken.»

Die Bedeutung dieses Erlebnistages liegt darin, dass er den Weg frei macht für künftige Dirigentinnenauftritte am Festival, wie Haefliger versicherte. Und dass er solche Fragen ins Bewusstsein brachte mit dem Fokus auf kleinere Besetzungen, die einen anderen Umgang zwischen Dirigent und Musikern ermöglichen. «Früher war diese Beziehung eine Art Einwegkommunikation», sagt Labbate. «Heute betonen viele Orchester und Dirigenten, dass ein kammermusikalischer Austausch stattfindet. Ich habe mich immer gewundert, dass darum so viel Aufhebens gemacht wird. Als Dirigentin die Energie von den Musikern aufzunehmen, zu fokussieren, zurückzugeben und in eine Richtung zu lenken: Das ist für mich, vielleicht als Frau, selbstverständlich.»

Offenherzig wie kein Mann – Maria Schneider. (Bilder Lucerne Festival/Stefan Deuber)

Offenherzig wie kein Mann – Maria Schneider. (Bilder Lucerne Festival/Stefan Deuber)

Dirigentin mit «Erdung» – Konstantia Gourzi. (Bild: Lucerne Festival / Stefan Deuber)

Dirigentin mit «Erdung» – Konstantia Gourzi. (Bild: Lucerne Festival / Stefan Deuber)

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