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LUCERNE FESTIVAL: «Das ist keine Demut – ich bin Realistin»

Die Stargeigerin Anne-Sophie Mutter feiert ihr 40-Jahr-­Bühnenjubiläum in Luzern. Zum Thema «PrimaDonna» spricht sie locker über Kinder, Karriere – und Roger Federer.
Katharina Thalmann
Wurde nach ihrem Luzerner Debüt vor 40 Jahren von Karajan entdeckt: Anne-Sophie Mutter (53). (Bild: Deutsche Grammofon/Stefan Höderath)

Wurde nach ihrem Luzerner Debüt vor 40 Jahren von Karajan entdeckt: Anne-Sophie Mutter (53). (Bild: Deutsche Grammofon/Stefan Höderath)

Katharina Thalmann

Anne-Sophie Mutter, Sie haben am 23. August 1976 Ihr Debüt beim Lucerne Festival gespielt, Gratulation! Können wir dieses Interview deswegen auf Schweizerdeutsch führen?

Anne-Sophie Mutter:Ja! Ich bin an der Schweizer Grenze aufgewachsen und habe in Winterthur studiert. Auch dank meiner Geigenlehrerin Aida Stucki habe ich eine enge Verbindung zur Schweiz. Ich träumte als Kind teilweise in Mundart. Luzern war mein erster grosser musikalischer Moment!

Am Lucerne Festival haben Sie wichtige Violinkonzerte gespielt, die Ihnen gewidmet sind, darunter eines von Sofia Gubaidulina. Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit Dirigentinnen und Komponistinnen erlebt?

Mutter: Frauen sind auf vielen Gebieten vorwärts marschiert – zum Glück! Das macht nicht vor der Leitung des Orchesters Halt. Dennoch glaube ich, dass die Gesellschaft ein visuelles Problem, eine altmodische Vorstellung davon hat, wie es dort vorne auszusehen hat. Wobei das ja Quatsch ist. Ob ein Dirigent oder eine Dirigentin dort steht: Es geht immer um den charismatischen Leitgedanken dieser Figur und um die Fähigkeit, Menschen in der musikalischen Sprache miteinander zu verbinden. Das kann eine Frau ebenso gut wie ein Mann.

Das Bild des Dirigenten wandelt sich, er gilt heute als empathischer, kommunikativer Teamplayer. Dies seien eher weiblich konnotierte Eigenschaften, und deswegen hätten Dirigentinnen einen leichteren Stand. Stimmen Sie zu?

Mutter:Nicht unbedingt. Wir sind alle eine Mischung aus weiblichen und männlichen Eigenschaften. Ausgesprochen feminine oder maskuline Momente in einer Komposition gibt es nicht, sondern vielmehr eine wunderbare Balance von Ausdruckskraft und Klangfarben. Zudem werden Führungsstile unterschiedlich wahrgenommen. Karajan, von dem man sagt, er sei so ein herrschsüchtiger ­Maestro gewesen, habe ich als ausgesprochen feinfühlig agierend erlebt. Auch wenn wir jetzt meinen, das sei feminin besetzt, waren diese Charakterzüge bei ihm auf jeden Fall spürbar.

Vielleicht spürbar, aber auch sichtbar?

Mutter:Was ein Mensch nach aussen trägt und in seiner Aura versucht als Schutzschild zuzulegen, ist etwas ganz anderes. Aber es stimmt schon, der Führungsstil des Dirigenten hat sich geändert – auch, weil der Orchestermusiker heute ganz andere Rechte hat als noch zu Toscaninis Zeiten. Da hats gereicht, wenn der Maestro böse schaut, und das erste Horn war draussen.

Die Anne-Sophie-Mutter-Stiftung fördert weltweit Streichertalente. Denken Sie an eine Geschlechterquote, wenn Sie die Stipendiaten auswählen?

Mutter:Ich achte auf so etwas nicht. Ich achte auf das Talent, die Persönlichkeit, Intelligenz, Disziplin, die Schnelligkeit der Auffassungsgabe. Auch auf eine gewisse Demut, weil sich der Musiker nur so als Diener am Werk sehen kann. Aber in der künstlerischen Ausdrucksfähigkeit gibt es überhaupt keine Limitationen. Talente müssen völlig individuell gesehen werden.

Wurden Sie im Verlauf Ihrer Karriere als Frau je anders behandelt als männliche Kollegen?

Mutter: Naja, wenn man eine sehr junge Frau ist, wird man auf persönlicher Ebene öfters etwas verfolgt ... Im Ernst: Nein, weil es bei allen Musikern wirklich nur um Qualität geht. Die Parameter, mit denen man einen Musiker beurteilt, sind weitestgehend subjektiv. Aber in dieser Subjektivität haben Geschlecht und Alter in meinem Leben nie eine Rolle gespielt. Sonst hätte mich Karajan nicht mit dreizehn als Solistin engagiert. Diese ungewöhnliche Entscheidung kann ich bis heute nicht nachvollziehen.

Nicht einmal im Rückblick?

Mutter: Absolut nicht. Aber gut, ich würde nicht dagegen protestieren!

Ist das die Demut, die Sie von Ihren Stipendiaten erwarten?

Mutter:Das ist nicht Demut, ich bin Realistin.

Oft hört man, berufstätige Frauen hätten einen Nachteil, weil sie auch Mütter sein wollen. Sie sind Mutter zweier erwachsener Kinder. Wie hat das Muttersein Ihre Karriere beeinflusst?

Mutter: Es lässt sich rückblickend leicht sagen, dass man sich als Frau unbedingt beides erfüllen muss. Im Moment selber braucht man Hilfe. Trotzdem: Das darf einen nie davon abhalten, dass man sich alles nimmt im Leben, was zum Leben gehört. Und dazu gehören Kinder. Ich habe mit 25 geheiratet, meine Tochter wird im September 25. Ich hoffe nicht, dass sie bald heiratet, weil das für einen Menschen, der mit 25 nicht zwölf Jahre Berufsleben hinter sich hat, sehr früh ist. Aber Kinder sind etwas Wunderbares, übrigens auch für die Männer.

Wie meinen Sie das?

Mutter: Ich erinnere mich: Als ich schwanger war, hat mich Riccardo Muti zur Seite genommen und mir einen langen Vortrag gehalten. Es sei wichtig, dass ich jetzt weniger konzertiere, die Kinder würden so schnell gross, danach würde man das bedauern.

Haben Sie den Rat befolgt?

Mutter:Ja, aber dieser Meinung war ich schon davor. Trotzdem fand ich es wahnsinnig lieb und fürsorglich, dass er glaubte, er müsse mir das ans Herz legen. Letztlich ist es eine Frage der Organisation – und dann muss der Mann, der Vater natürlich auch mal ran!

In der Geigenwelt nimmt man – im Gegensatz zu den Dirigenten – im Augenblick fast mehr Solistinnen wahr als Solisten. Können Sie das erklären?

Mutter:Ich glaube, dafür gibt es keine logische Erklärung. Es gibt eben mal eine Welle von Asiaten, dann kommen wieder mehr Russen. Eines fällt auf: Es gibt immer relativ wenige aus dem deutschsprachigen Raum. Aber die Schweizer haben mit Roger Federer im Prinzip alles abgedeckt. Erinnern Sie sich an den Spot, den er zum Jubiläum des Festivals gedreht hat? Er nimmt ein Racket, wechselt es dann aber gegen die Geige und spielt ein paar schräge Töne. Dazu sagt er, er würde jetzt 25 Jahre üben und zum 100. Geburtstag des Festivals dann schön spielen. Das war süss! Und für die Geige an sich eigentlich eine tolle Werbung, denn die Geige wird ja nicht als cooles männliches Instrument angesehen. Ich glaube, eher das Cello ist bei den Jungs en vogue. Ich fand es grossartig von Roger, dass er auch mal eine Lanze bricht für die Violine!

HINWEIS

Nach ihrem Rezital (Ausgabe vom Samstag) spielt Anne-Sophie Mutter Alban Bergs Violinkonzert mit dem Orchester der Festival Academy unter Alan Gilbert: 40min, Fr, 2. September, 18.20 Uhr; Sinfoniekonzert, So, 4. September,19.30 Uhr. www.lucernefestival.ch

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