Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

LUCERNE FESTIVAL: Das Orchester trägt seinen Chef

Grosskalibrige Werke, luxuriöser Klang: Andris Nelsons beweist, dass er und das renommierte Boston Symphony Orchestra zusammengefunden haben.
Fritz Schaub
Nicht nur brillant, sondern wie immer auch sehr körperlich: Andris Nelsons mit dem Boston Symphony Orchestra. (Bild Lucerne Festival / Peter Fischli)

Nicht nur brillant, sondern wie immer auch sehr körperlich: Andris Nelsons mit dem Boston Symphony Orchestra. (Bild Lucerne Festival / Peter Fischli)

Das erste Konzert des Orchesters begann am Sonntagabend mit Haydn, bei dessen Interpretation zwischen Haitink und Nelsons die Meinungen nach ihren Auftritten mit dem Lucerne Festival Orchestra so sehr divergiert hatten. Haitink ist Conductor emeritus des Bostoner Orchesters und war neun Jahre Erster Gastdirigent, würde etwa sein Einfluss bei der Haydn-Wiedergabe (noch) spürbar sein?

Eher nicht. Schon sehr bald wird auch bei der Sinfonie C-Dur I:90 klar, dass der neue Chefdirigent das Heft fest in der Hand hat. Deutlich wird es durch die Entschiedenheit, mit der Nelsons den Anfangsakkord im Adagio setzt, dadurch, wie er Repetitionen mit Nachdruck akzentuiert und die Durchführung so mit Dramatik auflädt, dass sich schon vereinzelt Beifall erheben wollte.

Die Beethoven-Nähe, die er damit suggeriert, hat etwas für sich, denn die Sinfonie entstand wie die experimentellen Pariser Sinfonien für das damals grösste Pariser Orchester und setzte auch Trompeten und Pauken ein. Ein gewisser Heroismus ist dem Werk nicht abzusprechen. Andererseits liess Nelsons im Andante und im Menuett immer wieder Raum für die konzertierenden Holzbläser, für deren Qualitäten die Bostoner bekannt. Insgesamt war es eine deutliche Aufwertung einer Sinfonie, die sich merkwürdigerweise nicht im Repertoire behaupten konnte.

Star-Trompeter setzte Kontrapunkt

Auf einen heroischen Kampf zwischen dem Individuum, vertreten durch die Solotrompete, und dem Kollektiv, dem riesig besetzten Boston Symphony Orchestra, ist das neue Werk ausgerichtet. Der Australier Brett Dean – 15 Jahre lang Solobratscher bei den Berliner Philharmonikern – folgt in «Dramatis Personae» zwar der klassischen Dreisätzigkeit. Im Übrigen erinnert das Werk an eine Filmmusik, deren dynamische Klangflächen aus einem Gewebe differenziert rhythmisierter Einzelstimmen entstehen und sich zu grellen Ausbrüchen steigern. Der Filmcharakter kommt zumal im Finalsatz «The Accidental Revolutionary» zum Ausdruck, der eine Episode aus Chaplins «Modern Times» aufgreift und dabei im Stil von Gustav Mahler Stilzitate und Eigenes zu einer Art Collage vermischt.

Geschrieben wurde das Konzert für den überragenden norwegischen Trompeter Hakan Hardenberger, der nicht nur spieltechnisch (mit stossweise folgenden kurzen Noten und zahlreichen Trillern), sondern physisch stark gefordert ist und dessen aufreibenden Kampf mit dem Orchester man fast körperlich miterlebte. Ob er einen bewussten Kontrapunkt setzen wollte zu dieser Monsterarbeit, als er, mehrfach herausgeklatscht, als Zugabe «My funny Valentine» mit bewunderungswürdiger Verhaltenheit intonierte?

Als «Dessert» wartete mit «Ein Heldenleben» von Richard Strauss ein weiteres Grosswerk, das den Gegensatz Held – Welt thematisiert. Überhaupt bildete Richard Strauss einen Schwerpunkt bei den Auftritten des Boston Symphony Orchestras, stand doch beim zweiten Konzert von gestern «Don Quixote» auf dem Programm. Auch im Festivalprogramm nimmt Strauss einen zentralen Platz ein, obwohl er nur am Rande mit dem Thema Humor zu tun hat, beim «Heldenleben» allenfalls mit Ironie und Selbstironie.

Aber damit hat Nelsons weniger am Hut. Der «Ganzkörpermusiker» setzt seine Energie eher mit breitem Pinsel in die weitgeschwungenen Kantilenen und die in den Blechbläsern kulminierenden Aufschwünge. Er lässt sich tragen von den ebenso schwelgerischen wie voluminösen Streichergruppen. Das Orchester und sein neuer Chefdrigent bewegten sich damit nicht auf der Schiene eines durchsichtigen «französischen» Klangs, die Nelsons langjährige Vorgänger in Boston (Monteux und Münch) begründeten. Trotzdem: Es scheint ganz, dass beide sich nach der ersten gemeinsamen Saison gefunden haben.

Volle Identifikation

Das Duett zwischen dem Orchester und der Solovioline meint man gar noch nie so lebendig und klanglich luxuriös erlebt zu haben. Wie sein Lehrmeister und Landsmann Mariss Jansons, der Schüler Karajans war, identifiziert sich Nelsons voll und ganz mit dieser Musik. Dabei verlor er dennoch nie die Gesamtübersicht, gruppierte die einzelnen Abschnitte zu kompakten Tongemälden, grenzte durch Generalpausen die beiden letzten, die weit vom ichsüchtigen Strauss wegführen, deutlich von den andern ab. Den Beifall zögerte er nach dem leise verebbenden Schluss mit Recht lange hinaus.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.