LUCERNE FESTIVAL: Das «über-sinnliche» Erbe von Boulez

Das gestrige Gedenkkonzert für Pierre Boulez war nicht nur ein Abschied. Wolfgang Rihms Rede und das Academy-Orchester unter Matthias Pintscher setzten starke Zeichen für die Zukunft.

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Matthias Pintscher dirigiert im KKL das Lucerne Festival Academy Orchestra im Gedenkkonzert für Pierre Boulez. (Bild: Lucerne Festival/Priska Ketterer)

Matthias Pintscher dirigiert im KKL das Lucerne Festival Academy Orchestra im Gedenkkonzert für Pierre Boulez. (Bild: Lucerne Festival/Priska Ketterer)

Urs Mattenberger

Am Oster-Festival vor zwei Jahren war der emotionale Höhepunkt mit dem Gedenkkonzert für Claudio Abbado vorprogrammiert. Die Aufführungen des Lucerne Festival Orchestra unter Abbado hatten ja an sich schon existenzielle Dimensionen. Das galt auch, als das Orchester ohne Dirigent auftrat und so die Lücke, die sein Tod hinterliess, sichtbar machte: Schuberts Unvollendete, das letzte unter Abbado gespielte Werk, wurde zu einer mit feuchten Augen gespielten Trauermusik.

Gedenkkonzert mit den Nachfolgern

Am diesjährigen Oster-Festival stand gestern nach dem Tod von Pierre Boulez wieder ein Gedenkkonzert auf dem Programm. Und man fragte sich: Wie würde sich ein derart emotionaler Moment bei einem Komponisten wiederholen lassen, der mit seiner Musik, aber auch als Gründer der Festival Academy ganz andere Akzente setzte?

Ein Zeichen der Hochachtung war zwar schon die Tatsache, dass 130 ehemalige Academy-Teilnehmer bereit waren, ohne Gage aufzutreten. Aber darunter befanden sich Alumni, die bereits im Gründungsjahr 2004 mit dabei waren, womit der persönliche Bezug zwangsläufig loser war als bei Abbados Orchester der Freunde. Zudem hatten im jetzigen Gedenkkonzert für Boulez dessen bereits bestimmte Nachfolger eine zentrale Rolle: der Komponist Wolfgang Rihm mit einer Gedenkansprache sowie Matthias Pintscher als Dirigent.

Eine historische Gedenkrede

Aber schon der eröffnende orchestrale Knall von Boulez’ Mallarmé-Porträt «Pli selon Pli» sprengte gestern Nachmittag im KKL-Konzertsaal solche Bedenken hinweg. Aus dem Nachhall dieses Eröffnungsschlags lösten sich – im hier gespielten ersten Teil – vielfältig verschleierte und punktuell aufgesplitterte Resonanzen. Und diese gewannen über alle Klangartistik hinaus eine rituelle Ausdruckskraft, die auch die Sopranistin Yeree Suh mit Vokallinien verkörperte, die in der Schwebe zwischen Archaik und Avantgarde blieben.

Genau da, und damit ohne Umschweife beim Wesentlichen, setzte die Gedenkrede von Wolfgang Rihm an. Er verwies auf diese Verbindung von «Intellektualität und geradezu über-sinnlicher Sensualität», die mit die Grösse des Komponisten Boulez ausmache. Und er schaffte es, in aller Kürze wichtige Grundzüge und Stationen von Boulez’ Persönlichkeit und Wirken auf den Punkt zu bringen. Das reichte vom «Vatermörder», der in einem Aufsatz Schönberg nur deshalb für tot erklärte, weil er sein Erbe vor der Erstarrung durch Kodifizierung schützen wollte. Und Rihm zeigte, wie es Boulez auch beim Gang durch die Institutionen nie um Macht ging, sondern darum, diese für Entwicklungen für die Zukunft zu nutzen. Das letzte Beispiel dafür war die Gründung der Festival Academy, die alljährlich Studenten aus aller Welt mit neuer Musik und deren Grundlagen in der Moderne vertraut macht.

Dass das Neue immer auch aus der Tradition heraus zu begreifen ist, ist ein Credo von Rihm als neuem künstlerischem Leiter der Lucerne Festival Academy. Er skizzierte zum Schluss solche Entwicklungslinien, um den historischen Rang von Boulez als Komponisten zu bekräftigen. «So wie Schönberg die Linien von Wagner und Brahms zusammenführte», so Rihm, «verband Boulez die Linien von Debussy und Schönberg, von Cézanne und Klee.»

Hier und da eine Träne

Dass sich Intellektualität und Sinnlichkeit dabei nicht ausschliessen, bewiesen die weiteren Werke der für Boulez prägenden Moderne im Konzert. In Alban Bergs «Drei Orchesterstücken» hörte man die Linien, die Boulez zusammenführte, in der schneidenden Schärfe, zu der impressionistische Mischklänge hier zusammenschossen. Umgekehrt legte Pintscher Strawinskys «Sacre du Printemps», das das sensationelle Niveau des Orchesters vorführte, über die rhythmische Entfesselung hinaus stark auf satten Ausdruck an.

Bleibt die Frage, wie heutige Komponisten die Entwicklungslinie weiterführen, für die Boulez selber steht. Mag sein, dass Antworten darauf die künftige Academy gibt, bei der unter der Leitung von Rihm Komponisten stärker einbezogen werden. Nochmals vergegenwärtigt wurde Boulez’ Musik durch sein «Mémoriale» für Strawinsky. In der Kammerbesetzung mit Flöte verhalf das Werk dem Gedenkanlass zu einem privaten und sehr berührenden Ausklang. Und dass zum Schluss auch hier vereinzelt eine Träne glitzerte, widerlegte so wirkungsvoll, wie es Boulez mit seiner Umgänglichkeit selber tat, Klischees gegenüber neuer Musik.