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LUCERNE FESTIVAL: Das Wechselspiel der Identitäten

Nach dem Lucerne Festival Orchestra zum Auftakt leitete Riccardo Chailly sein Ensemble – die Filarmonica della Scala. Wieder setzt er auf ein überraschendes Programm.
Glänzend disponiert: der griechische Violinist Leonidas Kavakos (49). (Bild: Peter Fischli/Lucerne Festival)

Glänzend disponiert: der griechische Violinist Leonidas Kavakos (49). (Bild: Peter Fischli/Lucerne Festival)

Auch das Aufeinanderprallen von Gegensätzen kann natürlich ein Konzertprogramm sein, kann das Festivalthema Identität erhellen. Auf der einen Seite Johannes Brahms, Vertreter der absoluten Musik, der sich gegen jegliche Vereinnahmungen und Bildlichkeiten wehrte. Auf der anderen Seite Werke des Italieners Ottorino Respighi, die an Zeichensprache, an Programmhaftigkeit kaum zu überbieten sind.

Musikalisch knüpft Riccardo Chailly in Johannes Brahms’ Violinkonzert D-Dur op. 77 dort an, wo er auch mit dem Lucerne Festival Orchestra war. Weniger dem Suchen verpflichtet, der inneren Kontemplation, spielt die Filarmonica della Scala gradlinig, sehr bestimmt, ja zupackend. Trotz dieses männlichen Gestus ist die Klangbalance ausgezeichnet, bleibt alles hörbar, transparent vorgeführt. Nie lässt es Chailly knallen. Einzig im dritten Satz fehlt ein wenig die Schlankheit, das kammermusikalische Element. Das Zusammenspiel mit dem Solisten ist ständige Bewegung, ein Vor- und Zuspielen. Dieser, der Violinist Leonidas Kavakos, spielt nicht mit der (spät-)romantischen Ballkraft eines Maxim Vengerov vom letzten Sonntag. Kavakos spielt bedachter, innerlicher. Zwar kann auch er in ausbrechenden Emotionen schwelgen – seine langen Noten im ersten Satz sind ein Bilderbuch an Gefühlen –, doch meist dominiert eine ruhigere, innere Haltung. Wie selbstverständlich ergeben sich die Melodienbögen.

Herrlich der zweite Satz, wo der Solist und das Orchester ein inniges Miteinander zelebrieren, den sinfonischen Charakter des Werkes auskosten. Trotz einer tadellosen Leistung ist vieles jedoch etwas absehbar, birgt die Interpretation wenige Überraschungen.

Mehr «Persönlichkeit» zeigt das Orchester nach der Pause. Die zwischen Impressionismus und Expressionismus schwankenden Stücke von Ottorino Respighi sind auf die Filarmonica zugeschnitten. Weit entfalten sich die Farben in «Fontane di Roma», ein quirliges Nuancenspiel, ein Wiegen und Plätschern, das präzise der Brunnen Bewegung zeichnet. Triumphierend schreitet Neptun über den Trevi-Brunnen, in mehrminütigem Fortissimo wird dem Meeresgott gehuldigt.

Geheimnisvolles Flirren

Die Komposition «Pini di Roma» entwickelt unter Riccardo Chailly ähnliche Qualitäten. Die helle Akkordik des Auftaktsatzes wird schneidend gespielt. Die folgende Katakomben-Stimmung setzt das Orchester klar und transparent, die überbordende Steigerung wird als weite Ebene gelegt. Mit Sorgfalt und viel Bewegung legen die Musiker die surrealen Farben des dritten Teils, ein geheimnisvolles Flirren, eine klangliche Spielerei. Bis dann am Schluss alles ins tosende Forte mündet, die Festmusik sich über alles schwingt. Und damit die Party nicht abklingt, dirigiert Chailly als Zugabe noch einen Ausschnitt aus der Oper «Macbeth» von Giuseppe Verdi. Eines Komponisten, den die Diskussion über Musiktypen wohl relativ kaltliess. In dieser Zeit existierte in Italien sowieso nur die Oper.

Auch wurde mit diesem Encore dem Abend noch eine dritte Identität hinzugefügt. Der seinem unentrinnbaren Schicksal entgegengehende Macbeth und seine Musik, die Jahrzehnte später auch der Titelmelodie des Filmtripletts «Der Pate» Vorbild stehen sollte. Fazit: ein populärer Abend, hervorragend in Szene gesetzt.

Roman Kühne

kultur@luzernerzeitung.ch

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