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LUCERNE FESTIVAL: Der Gotthard als «Zauberberg»

Der Komponist Michel Roth bohrt in seiner neuen Oper in den Berg hinein. An der Uraufführung der «Künstlichen Mutter» im Südpol fragte man sich, ob er heil wieder herauskommt.
Simon Bordier
Szene aus Michel Roths Oper nach Hermann Burger: Robert Koller in der Rolle des von «Unterleibsmigräne» geplagten Dr. Wolfram Schöllkopf. (Bild: Lucerne Festival/Priska Ketterer)

Szene aus Michel Roths Oper nach Hermann Burger: Robert Koller in der Rolle des von «Unterleibsmigräne» geplagten Dr. Wolfram Schöllkopf. (Bild: Lucerne Festival/Priska Ketterer)

Simon Bordier

Konzerte und Theater sind oft nicht während der Aufführung, sondern in der Zeit kurz davor oder danach nervenzehrend. Zum Beispiel, wenn man knapp dran ist und noch seine Jacke abgeben muss. Wenn man an seinem Platz sitzt und darauf wartet, dass es losgeht, aber dann passiert nichts. Wenn man die Jacke abholen will – und mit gefühlten tausend Menschen ansteht, die einem in dem Moment allesamt stur, kindisch und neurotisch veranlagt erscheinen können.

Tatort Bahnhofbuffet Göschenen

Ein solcher Mensch hockte am vergangenen Freitag im Bahnhofbuffet Göschenen und wartete. Es handelte sich um Dr. Wolfram Schöllkopf, Privatdozent für Literatur und Glaziologie. Dass er nicht ganz klar im Kopf ist, musste ihm keiner sagen – das wusste er selber. «Unterleibsmigräne» lautete seine Eigendiagnose, womit er Impotenz und Depressionen meinte. Und er wollte sich selber einliefern lassen, damit sie ihn kurieren würden in der berühmten unterirdischen Auer-Aplanalp’schen Gotthardklinik. Aber eben, man liess ihn im Bahnhofbuffet warten.

So viel zur Ausgangslage im neuen Musiktheaterstück «Die Künstliche Mutter» von Michel Roth (40). Das Werk des in Altdorf geborenen und heute in Basel lehrenden Komponisten wurde am Freitag im Rahmen von Lucerne Festival im Südpol uraufgeführt. Es basiert auf dem gleichnamigen Roman von Hermann Burger, der 1982 herauskam – zwei Jahre nach Fertigstellung des Gotthard-Strassentunnels. Dass nun pünktlich zur Eröffnung des Basistunnels eine Opernversion vorliegt, ist kein Zufall, wie Roth in einer Podiumsdiskussion erklärte. Denn Fiktion und Wirklichkeit lägen bei Burger täuschend nah beieinander. Und auch er habe beim Libretto und beim Komponieren mit «schleifenden Schnitten» gearbeitet.

Dialekte und Marschbefehle

Der Gotthard muss für vieles herhalten: Er ist das «Muttergestein» und «Psychogramm» von Dr. Schöllkopf, der seine Kindheitskomplexe abarbeiten muss. Er tut dies, indem er sich von Norden Richtung Süden bohrt. Und dabei stellt sich die Frage, wo im durchlöcherten Muttergestein die Natur aufhört und die Technik, die Kunst beginnen.

Roths Komposition erwies sich als Seismograf, der die unzähligen Dialekte, Klassikerzitate, Marschbefehle, Zwänge, das Stöhnen und Klönen der Figuren aufnimmt und – meist unterschwellig – weiterverarbeitet. So etwa, als sich Schöllkopf (grandios verkörpert durch den Bariton Robert Koller) mit seiner Sanitätsordonnanz Abgottspon (Christoph Waltle) erstmals zur Schöllenenschlucht vorwagte.

Musikalisierte Sprachakrobatik

Abgottspon erklärte, das Wort «Schöllenen» stamme von rätoromanisch «Scalinas», was so viel wie Treppe bedeute. Und er erklärte dies auf seltsam gedehnte Weise – so, als müsse er mit jedem Wort eine Stufe erklimmen. Sein Sprechen wirkte einerseits künstlich, andererseits kam in den Dehnungen immer wieder der Schweizer Dialekt zum Vorschein. Derweil spielte die Musik des Ensembles Phoenix Basel im Hintergrund: zunächst unscheinbar, dann aber legten die Musiker dem Schöllkopf unüberwindliche Sprechsteine in den Weg.

Ein Höhepunkt war die Einlage des Kontrabassisten Aleksander Gabry, der als «Gletscherzunge» die Worte in seinem Mund und auf dem Instrument ins Monströse dehnte. Wie er mussten auch andere an ihre «natürlichen Grenzen» gehen: Die Mezzosopranistin Anne-May Krüger und die Sopranistin Jeannine Hirzel mussten dem Schöllkopf zu neuer Potenz verhelfen, die Schauspielerin Rachel Braunschweig hielt das Bahnhofbuffet in Schwung, und Miriam Japp gab die Geschichte vom «Sennentuntschi» im Urner Dialekt zum Besten. Jürg Henneberger, der Leiter des Ensembles Phoenix, musste sich als Oberst i. G. beim Sprechen selbst dirigieren.

Ob der Schöllkopf den Durchbruch schaffte oder nicht, war letztlich ziemlich egal. Es ging vor allem um Burgers Sprachakrobatik, die durch Roths Musik eine weitere Ebene gewann. Der Erfolg der Premiere war den hochstehenden Leistungen der Mitwirkenden zu verdanken. Man kann sagen: Sie gaben alles (Regie: Nils Torpus).

Ein Berg an Klangmaterial

Burgers Zitatenwerk hätte es wohl nicht geschadet, wenn für die Oper eine strengere Auswahl getroffen worden wäre. Die Wortspiele rund um das «Muttermal» beispielsweise wurden durch ständiges Wiederkäuen nicht besser. Auch auf die «Harmonielehre» an Tafel und Klavier hätte man gerne verzichtet. Mit dem Berg an Sprach- und Klangmaterial stellte sich gegen Schluss der typische Effekt einer «Zauberberg»-Lektüre ein: Da beschäftigt sich ein Geist so lange mit sich selbst, bis er gegen die Wirklichkeit immun ist – und nur noch durch einen grossen Knall befreit werden könnte. Nichts wie raus hier!

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