Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

LUCERNE FESTIVAL: Der Kreis, der um das Leben zieht

Seit zwei Jahren leitet Daniele Gatti das Royal Concertgebouw Orchestra aus Amsterdam. In Luzern gibt es eine Sternstunde, aber auch Gewöhnliches zu erleben.
Roman Kühne
Emotionalität und Tiefe: Daniele Gatti (55) dirigiert das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam. (Bild: Patrick Hürlimann/Lucerne Festival)

Emotionalität und Tiefe: Daniele Gatti (55) dirigiert das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam. (Bild: Patrick Hürlimann/Lucerne Festival)

Roman Kühne

kultur@luzernerzeitung.ch

Vier Wochen Festivalzeit, über hundert Konzerte: Da gibt es doch einiges, das alltäglich daherkommt. Und doch, dazwischen gibt es sie, diese Zauberstunden. Jene Augenblicke, in denen sich Welten öffnen, der Horizont nie zu enden scheint. Ein Stück, tausendmal gespielt, wird plötzlich zu etwas Neuem, Erfrischendem gar. Einen solchen Moment bescherte uns am Dienstagabend das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam unter der Leitung von Daniele Gatti.

Erst vor zwei Jahren hat er die Holländer als Chefdirigent übernommen. Unter seinem Vorgänger Mariss Jansons pflegte das Orchester einen offenen, hellen und schlanken Ton. Die Farben der Holzbläser waren ein bestimmendes Element des Gesamtklanges. Zusammen mit der von Jansons eingeforderten höchsten Präzision ergab sich so manches Spektakel, manchmal ein wenig oberflächlich wirkend.

Daniele Gatti hingegen setzt auf einen üppigeren Gesamteindruck, betont das Emotionelle, ja Romantische der Musik. Der Italiener braucht mehr das Gesamtlicht, sucht weniger den Solistenspot. Überhaupt stellt sich hier wieder einmal die Frage, ob es eher der Dirigent ist oder die Tradition des Orchesters, der oder die über den «spezifischen» Klang bestimmt. Im Falle des Royal Concertgebouw ist die Antwort «sowohl als auch».

Sinnliches Schwelgen und klare Brillanz

Vor allem in der 4. Sinfonie von Gustav Mahler vereint sich das Beste aus diesen zwei Welten. Das sinnliche Schwelgen mit der klaren Brillanz, der breitere Grundton mit den kreativen Farbenspielen. Die Akkordschichtungen werden nuanciert ausgestaltet, Schattierungen vielfältig aufgezeichnet. Der toll aufspielende Holzsatz, die Solovioline nutzen den Raum und die Zeit, gestalten die Geschichte, wechselnden Erzählern gleich. Den langsamen Tempi zum Trotz greifen die Strukturen wie von selbst ineinander. Es ist ein Fantasiewald, der hier entsteht. Ein weiter Kreis, der die eigene Identität ergänzt. Eine existenzielle Tiefe, die das Leben zu seinem Kern führt.

Vor allem im zweiten Satz – auch dieser über weite Strecken sehr langsam genommen – entwickelt sich eine Intimität, ein ganz eigener Sog, dem sich niemand entziehen kann. Die So­pranistin Chen Reiss gestaltet ­­­ mit der gleichen Fragilität. Die schwebende Offenheit des Orchesters lässt auch ihr Pianissimo hell erstrahlen. Dabei wird durchaus auch der in der Sinfonie fast überdeutlich angelegte Witz ausgekostet. Gatti nimmt jedoch die Akzente nicht ganz so scharf, rückt das Schrille in die hinteren Ecken und setzt mehr die innere Tiefe, ja das in die Zukunft ­Mahlers deutende Element in den Vordergrund. Eine herrliche Stunde. Lang ist der Applaus.

Schade, möchte man da rufen, finden diese Qualitäten nicht auch in den anderen Werken auf ähnliche Weise zueinander. Die im ersten Teil gespielte «Bären-Sinfonie» (L’Ours) von Haydn oder die am Vorabend aufgeführte 9. Sinfonie von Bruckner entfalten nie jene ­Tiefe, ja Dringlichkeit.

Wenn alte Qualitäten auf der Strecke bleiben

Zwar verlangt Gatti auch hier viel Emotionalität, entwickelt im stampfenden Bruckner-Auftakt Energie, baut ein grosses Crescendo, schwelgt in wogender Sinnlichkeit. Doch das Orchester ist über weite Strecken zu laut. Der satte Violinenklang überdeckt – teilweise trotz gegenteiliger Aufforderung des Dirigenten – gar manche Nuance. Das Holzregister kann sich nur selten entfalten. Die Solisten müssen am (Lautstärken-)Limit musizieren. Die Artikulation ist zu wenig differenziert. Es wird hier zwar eine «neue» Gefühlsbetontheit gepflegt, doch die «alten» Qualitäten bleiben manchmal auf der Strecke.

Besser zur Geltung kommt das erste Werk des Montagabends, «In-Schrift» (1995) von Wolfgang Rihm, dem Leiter der Lucerne Festival Academy. Rasend preschen die Perkussionisten durch den Raum. Das Orchester setzt rhythmisch, mit scharfen Akzenten, das himmlische Ge­töse in Szene, der komplexen Struktur Sinn und Inhalt gebend.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.