LUCERNE FESTIVAL: «Der Organist kann den Pfarrer quälen»

Der Entertainer Harald Schmidt (58) kommt heute als Gesprächsgast zum Thema Humor nach Luzern. Der gelernte Organist über die Heiterkeit von Spitzenmusikern und seinen Respekt vor Künstlern.

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Der Entertainer zu Besuch in Luzern: Harald Schmidt am Freitag vor dem KKL. (Bild: Manuela Jans / Neue LZ)

Der Entertainer zu Besuch in Luzern: Harald Schmidt am Freitag vor dem KKL. (Bild: Manuela Jans / Neue LZ)

Interview Simon Bordier

Harald Schmidt, klassische Musik gilt gemeinhin als ernste Angelegenheit. Erleben Sie das auch so?

Harald Schmidt: Das kommt drauf an: Proben mit Musikern sind oft sehr lustig. Beim Publikum im Konzertsaal hingegen ist meist eine sehr respektvolle Haltung spürbar. In der Musik steckt sehr viel Humor, wie beispielsweise Mozarts «Zauberflöte» zeigt. Der Respekt hat wohl mit den traditionellen Konzertritualen zu tun, auch wenn es in letzter Zeit Bemühungen gibt, diese aufzulockern, um ein jüngeres Publikum anzuziehen. Diese Lockerheit braucht aber meines Erachtens nicht zu bedeuten, dass man sich nicht chic machen darf.

Wenn man Sie im Gespräch mit Künstlern und Musikern erlebt, wird auch bei Ihnen ein gewisser Respekt spürbar. Machen Künstler «Dirty Harry» unsicher?

Schmidt: Unsicher nicht, aber ich weiss, was diese Leute können, und habe tatsächlich grossen Respekt. Ich erinnere mich an eine «Harald Schmidt Show», in der die Pianistin Hélene Grimaud und die Cellistin Sol Gabetta zusammen bei mir zu Gast waren. Eine Viertelstunde vor Sendebeginn haben sie für den gemeinsamen Auftritt geprobt: Grimaud stehend am Klavier, Gabetta in der Hocke ohne Schemel – grossartig!

Sind Musiker halbe Humoristen?

Schmidt: Das würde ich so nicht sagen. Aber Spitzenmusiker wissen, was sie können, und gehen daher mit einer gewissen Heiterkeit ans Werk. Laienorchester sind eher damit beschäftigt, die richtigen Töne zu treffen. Es gibt aber bekanntlich inter­essante Unterschiede innerhalb eines Orchesters: Im einen Register sitzen eher die sensiblen Naturen, im anderen die rustikaleren Typen.

Wo würden Sie sich als gelernten Organisten einordnen?

Schmidt: Bei den Egomanen! Als Organist hat man ja seinen Platz auf der Empore gegenüber dem Priester und spielt meistens solistisch.

Gibt es Machtspiele zwischen dem Organisten und dem Pfarrer?

Schmidt: Der Organist hat natürlich die Möglichkeit, den Pfarrer zu quälen: etwa wenn dieser eine Sequenz singen und dabei den Ton vom Vorspiel der Orgel abnehmen muss. Je nachdem, welchen Akkord der Organist unter den Ton setzt, kann es für den Pfarrer schwierig werden, den entscheidenden Ton herauszuhören. Bei katholischen Messen wird beim Austeilen der Kommunion zudem oft auf der Orgel improvisiert, wobei sich die Harmonielehre weit, weit ausdehnen lässt.

Sie haben vor Ihrer Fernsehzeit in Ihrer Heimat Nürtingen regelmässig an Gottesdiensten Orgel gespielt. Haben Sie von den erwähnten Möglichkeiten Gebrauch gemacht?

Schmidt: Nein, dafür waren meine Fähigkeiten nicht gross genug. Ich habe vielmehr unfreiwillig falsch gespielt, sodass man einige Choräle für zeitgenössische Bearbeitungen halten konnte.

Werden Sie am Lucerne Festival ein Konzert besuchen?

Schmidt: Ja, das Konzert mit dem Royal Concertgebouw Orchestra und der Geigerin Isabelle Faust. Sie spielen Mendelssohns Violinkonzert und sinfonische Werke von Dvorák.

Trifft das Ihren Geschmack?

Schmidt: Durchaus, die Musik der Romantik gefällt mir. Zu Dvorák habe ich einen ganz speziellen Bezug. Ich erinnere mich an ein Konzert des Gewandhausorchesters Leipzig mit dem damaligen Dirigenten Kurt Masur. Durch ihn habe ich Dvorák entdeckt: als jungen Zeitgenossen von Brahms, der aber bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert die Brücke zur Moderne schlug. Wenn ich Dvorák höre, frage ich mich immer wieder: Ist das noch Musik des 19. Jahrhunderts? Ich finde Dvorák faszinierend.

Wie halten Sie es mit zeitgenössischer Musik?

Schmidt: Das hängt vom Instrument ab: Zeitgenössische Werke für Orgel höre ich mir gerne an, bei Stücken für Streichquartette lege ich eher seltener eine CD auf.

Hat das vielleicht mit Ihrem Erfahrungshorizont als Organist zu tun?

Schmidt: Das glaube ich nicht. Ich höre stets ziemlich naiv hin und stelle fest, dass zeitgenössische Musik auf der Orgel leichter konsumierbar ist als auf Streichinstrumenten. Vielleicht hat es damit zu tun, dass eine Geige sehr sauber gespielt werden muss, damit die Musik nach etwas klingt, während die Tasteninstrumente viel Laientum ertragen, da der Ton quasi automatisch hergestellt wird.

Sind Sie auch heute noch an der ­Orgel zu hören?

Schmidt: Leider selten, da das Orgelspiel mit einigem organisatorischem Aufwand verbunden ist: Man muss in der Kirche ein Zeitfenster zum Üben finden und die Schlüssel organisieren. Es fehlt aber oft einfach an der Zeit.

Hingegen sind Sie hin und wieder als Ensemblemitglied des Staatstheaters Stuttgart zu erleben. Fühlen Sie sich als Teil des Theaterbetriebs oder eher als Fernsehmann, der sich im Theater engagiert?

Schmidt: Als Teil des Theaterbetriebs fühle ich mich längst nicht mehr, und da ich seit gut einem Jahr nicht mehr regelmässig im Fernsehen moderiere, mittlerweile auch nicht mehr als Fernsehmann.

Als was dann?

Schmidt: Ich bin heute vor allem Konsument oder besser: Privatier. Und schreiben Sie auch ruhig: ein Luzerner der Herzen!

In der «Harald Schmidt Show» haben Sie stets tagespolitische Themen aufgegriffen. Beunruhigt Sie die aktuelle Flüchtlingskrise? Schliesslich werden in Deutschland bis Ende Jahr bis zu 850 000 Flüchtlinge erwartet.

Schmidt: Es werden bestimmt noch weit mehr kommen, doch das beunruhigt mich überhaupt nicht. In Westeuropa haben wir ja viele Möglichkeiten, diesen Menschen zu helfen – und das sollten wir auch tun.

In Deutschland kommt es aber fast täglich zu Übergriffen auf Flüchtlinge und Asylunterkünfte.

Schmidt: Dabei handelt es sich um eine Minderheit, die von den Medien eine wahnsinnig grosse Aufmerksamkeit bekommt. Doch in Gesprächen mit Menschen und in Umfragen wird deutlich, dass die überwiegende Mehrheit findet, dass den Flüchtlingen geholfen werden sollte.

Wie erklären Sie sich die Kehrtwende des deutschen Finanzministers Wolfgang Schäuble, der sich zunächst gegen ein drittes Hilfspaket für Griechenland sträubte, dann aber im Bundestag dafür warb?

Schmidt: Politiker müssen nun mal die Kunst des Machbaren beherrschen. Und Schäuble hat wohl eingesehen, dass die Vorteile eines solchen Hilfspakets eindeutig überwiegen, wenn man die gesamte Lage und die künftigen Handlungsmöglichkeiten berücksichtigt.

Rechnen Sie mit einer Rückkehr von Yanis Varoufakis, dem früheren Finanzminister Griechenlands und dem meinungsstarken Gegenspieler Wolfgang Schäubles?

Schmidt: Ich würde es mir wünschen, weil er einen neuen Stil in die Politik reinbringt. Ich hätte eigentlich nur eine Frage an ihn: Warum er auf dem Motorrad stets einen Helm trägt, nicht aber seine Frau hinter ihm, die ihre blonden Haare im Wind wehen lassen muss.

Dieses Auftreten empfinden Sie nicht als Show?

Schmidt: Nein. Ich habe gerade diese Woche ein Porträt von Wolfgang ­Schäuble im Fernsehen gesehen. Ich fand es interessant, von Schäuble zu hören, dass Varoufakis als Professor für Ökonomie den europäischen Finanzministern teils auch Vorträge gehalten habe – was diese mehrheitlich sehr geschätzt hätten.

Sie sind als Kritiker der «Tatort»-­Krimiserie bekannt. Haben Sie schon mal eine «Tatort»-Folge aus Luzern gesehen?

Schmidt: Ja, die letzte Folge über Flüchtlinge.

Und?

Schmidt: Als die Sendung zu Ende war, habe ich vorausgesagt, dass diese die schlechteste Einschaltquote seit Erfindung der Steckdose haben würde. Wenn ich einen Film sehe, in dem Luzern wie die tiefste Bronx dargestellt wird, dann brauche ich mir keinen «Tatort» aus Luzern anzusehen. Nehmen Sie mich als frühpensionierten Fernsehkonsumenten: Wenn ich «Luzern» höre, so will ich doch als Erstes den Vierwaldstättersee sehen, dann eine Seilbahn und schliesslich zwei Leute, die gerade vom Skifahren kommen.

Könnten Sie sich vorstellen, die Rolle von Stefan Gubser alias Kommissar Flückiger zu übernehmen?

Schmidt: Nein, denn ich finde seine schauspielerische Leistung überzeugend, und ich würde mir das auch gar nicht anmassen. Ich kritisiere nur die Machart dieser einen Folge, gegen den Luzerner «Tatort» habe ich grundsätzlich nichts.

Könnten Sie sich sonst eine Rolle als «Tatort»-Kommissar vorstellen?

Schmidt: Vielleicht als stummer Chefermittler mit schwerem Trauma. Denn ich lerne nicht gerne Texte auswendig und möchte nur wenige Drehtage auf dem Set verbringen.

 

Streng katholisch

Zur Person bor. Harald Schmidt (58) wuchs im Städtchen Nürtingen in Baden-Württemberg auf. Seine Eltern stammen ursprünglich aus Karlsbad und Brünn im heutigen Tschechien, wo sie in Folge des Zweiten Weltkriegs vertrieben wurden. Schmidt wurde streng katholisch erzogen, nahm Klavier- und Orgelunterricht und wirkte mehrere Jahre als Organist in der katholischen Kirche St. Johannes in Nürtingen. Nach der Matura studierte er Schauspiel in Stuttgart, erhielt erste Theaterrollen, wechselte aber bald zum Fernsehen. Legendär ist seine «Harald Schmidt Show», eine Late-Night-Sendung, die er über 20 Jahre lang mit mehreren Unterbrüchen auf verschiedenen deutschen Sendern moderierte. Die letzte Sendung wurde am 13. März 2014 auf dem deutschen Bezahlsender Sky ausgestrahlt. Schmidt lebt mit seiner Lebensgefährtin in Köln und hat fünf Kinder.

Hinweis

Harald Schmidt ist heute Nachmittag Gast der NZZ-Podiumsdiskussion zum Thema Humor im KKL (16 Uhr, Auditorium des KKL Luzern). Weitere Gäste des NZZ-Feuilletonchefs Martin Meyer sind die Autorin Steinunn Sigur?ardótti und der Pianist András Schiff. Die Veranstaltung ist ausverkauft.