Interview

Der rote Teppich des Lucerne Festivals wird eingerollt

Dem Verbot von Grossanlässen bis August fällt auch das Lucerne Festival im Sommer zum Opfer. Intendant Michael Haefliger spricht über die «Katastrophe» und enorm hohe Verluste, verspricht aber auch digitale Überraschungen und neue Formate schon im November.

Urs Mattenberger
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Michael Haefliger begrüsst Gäste am Lucerne Festival 2019: Jetzt fällt auch das bedeutendste Klassikfestival der Schweiz aus.

Michael Haefliger begrüsst Gäste am Lucerne Festival 2019: Jetzt fällt auch das bedeutendste Klassikfestival der Schweiz aus.

Bild: Dominik Wunderli

Michael Haefliger, Sie sagten gestern, Lucerne Festival könne bei einer Beschränkung auf 1000 Besucher pro Konzert nicht durchgeführt werden. Mit dem Verbot von Grossveranstaltungen bis Ende August ist dieser Fall nun eingetreten. Gab es überhaupt keinen Entscheidungsspielraum mehr?

Nein. Bei der Kalkulation des Festivals sind wir grösstenteils von einem Saal mit jeweils 1 800 Besuchern und einer Auslastung von gut 90 Prozent ausgegangen. Deshalb wäre es unmöglich, das Festival mit einer derart massiven Einschränkung der Besucherzahlen wirtschaftlich durchzuführen. Das hängt auch mit unserer hohen Eigenwirtschaftlichkeit von 95 Prozent zusammen. Da sind neben Sponsoren und Mäzenen die ­Ticketeinnahmen essenziell.

Das Robert-Koch-Institut in Deutschland empfiehlt, bei Verboten zu berücksichtigen, ob das Publikum zum Beispiel tanzt oder auf Stühlen sitzt. Der Bundesrat orientiert sich nur an der Anzahl der Besucher. Wie viel Verständnis haben Sie für ein solches Verbot?

Ich kann den Entscheid gut nachvollziehen. An erster Stelle steht auch bei uns die Gesundheit der Künstler und Besucher. Und aus heutiger Sicht kann nicht gesagt werden, ob man diese im August sicherstellen kann. Sie in irgendeiner Weise zu gefährden, könnten wir unmöglich verantworten. Hart ist für uns, dass das Festival Mitte August beginnt und wir noch Zeit gehabt hätten, die weitere Entwicklung der Pandemie abzuwarten. Geplant hatten wir, den Entscheid über die Durchführung Anfang Juni zu fällen.

Eine Absage ist definitiv, ein Entscheid zur Durchführung hätte dagegen bis zum letzten Moment gewackelt. Schwingt in der Enttäuschung eine gewisse Erleichterung mit, dass die Ungewissheit ein Ende hat?

Nein, Erleichterung ist das falsche Wort. Aber die Ungewissheit, ob es eine zweite Welle geben wird, wäre schon eine grosse Belastung geblieben. Die Absage jetzt ist zunächst einfach eine Katastrophe. Dass das Festival seit 1940 erst zum zweiten Mal abgesagt werden muss, beweist seine grosse Kontinuität, zeigt aber auch, wie historisch dieser Einschnitt ist. Inzwischen wissen wir ja auch, dass diese Pandemie eine der grössten Krisen der Menschheit in den letzten 100 Jahren ist. Das hätte noch im Februar niemand erwartet.

Ihre Medienmitteilung verspricht Überraschungen. Planen Sie Ersatzangebote oder retten Sie kleinere Konzerte dieses Beethoven-Festivals – zum Beispiel mit Musikern der festivaleigenen Formationen?

Nein, das ist nicht geplant. Ein Problem im Fall der Academy-Musiker wäre ohnehin, dass rund die Hälfte davon aus den USA gekommen wäre. Und schon im Fall des Pittsburgh Symphony Orchestra zeichnete sich ab, dass eine Reise nach Europa sehr unwahrscheinlich geworden wäre. Die Überraschungen beziehen sich eher auf digitale Angebote. Mit solchen wollen wir vor allem den Kontakt zum Luzerner Publikum auch in dieser Zeit ohne Festival aufrechterhalten.

Hat sich bereits abgezeichnet, dass internationale Orchester ihre Tourneen ohnehin absagen würden?

Nein, auch da lag und liegt noch alles im Ungewissen. Aber mit ein paar Ausnahmen kommen alle unsere Künstler aus dem Ausland und stehen auch da vor geschlossenen Sälen. Ein Vorteil des bundesrätlichen Entscheids ist, dass er Klarheit schafft.

Mit der Verlängerung des Verbots wird sich die Frage nach Sonderkonditionen im KKL und Ausfallentschädigungen von Bund, Kanton und Stadt neu und längerfristig stellen. Kam dafür jetzt der Entscheid zu früh?

Nein, Lucerne Festival im Sommer ist ein Mega-Anlass, den man auch mit zum Beispiel günstigeren Saalmieten, aber nur 1000 Besuchern nicht wirtschaftlich hätte durchführen können. Aber die in Aussicht gestellten Ausfallentschädigungen des Bundes sind jetzt für uns wichtig, um die enormen Unkosten zu decken.

Beim abgesagten Currentzis-Wochenende bezifferten Sie die Verluste auf einen höheren sechsstelligen Bereich. Wie hoch sind sie im Fall des Festivals?

Das können wir noch gar nicht abschätzen, weil das von ganz vielen Faktoren abhängt. Etwa davon, wie uns die Sponsoren in dieser Situation unterstützen, wie viele gekaufte Tickets gespendet werden und welche Stornierungskosten anfallen.

Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja schreibt auf ihrer Homepage, alle ihre Projekte könnten situativ «angepasst» werden. Ist damit das Novemberwochenende mit ihr sichergestellt?

Bis dahin haben wir sicher Möglichkeiten, auf die neue Situation zu reagieren. Erstens sind das eher kammermusikalische Projekte. Zudem wirken mit dem Pianisten Igor Levit und eben Patricia Kopatchinskaja unter anderen zwei Künstler mit, die unglaublich kreativ und offen für neue Formate sind. In ihrem Projekt «Bye Bye Beethoven» spielt sie aber auch Beethovens Violinkonzert. Ob man da zum Beispiel die Orchestermusiker auf der Bühne und auf der Orgelempore platzieren kann, um Distanz zu wahren, müssen wir aber noch abklären.

Wenn das Coronavirus länger zu unserem Alltag gehört, müsste die Veranstaltungsbranche umdenken, sagten Sie gegenüber unserer Zeitung. Haben Sie schon Zukunftsvisionen?

Nein, die Situation ist im Moment viel zu dramatisch, um dafür den Kopf freizuhaben. Aber für den Sommer 2021 werden wir sicher überlegen, wie man mit neuen Modellen auch im kleineren Rahmen auf eine solche Krise reagieren könnte. Wichtig ist dafür auch, dass das KKL Konzepte entwickelt und den Veranstaltern verschiedene Varianten und Sicherheitskonzepte vorstellt, wie man das Haus bespielen kann.