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LUCERNE FESTIVAL: Der Solist lehnt sich gegen die Masse auf

Das zweite Konzertwochenende der Academy bot drei weitere Werke von Olga Neuwirth. Gerade die finnische Dirigentin Susanne Mälkki führte das Orchester zu Höchstleistungen.
Katharina Thalmann
Der kurzfristig eingesprungene Perkussionist Victor Hanna brillierte unter dem Dirigat von Susanna Mälkki. (Bild: Lucerne Festival/Priska Ketterer)

Der kurzfristig eingesprungene Perkussionist Victor Hanna brillierte unter dem Dirigat von Susanna Mälkki. (Bild: Lucerne Festival/Priska Ketterer)

Katharina Thalmann

Neuwirths «Kloing!» eröffnet den Freitagabend im Neubad mit Instrumentenkunde ab Video: Ein Herr erklärt das Prinzip des Welte-Mignon-Klaviers. Diese ersten mechanischen Musikautomaten spielen Rollen ab, in die Tonhöhe und Tondauer gestanzt sind. Das Video zeigt Liszts «La Campanella» auf so einer Rolle, die den musikalischen Verlauf wunderbar visualisiert.

Bald gesellt sich als zweites Klavier der verstimmte Bösendorfer-Flügel im Neubad-Pool dazu. Von selbst spielt auch dieser, allerdings nicht wie vor hundert Jahren, sondern mittels ausgeklügelter elektronischer Steuerungstechnik. Als sich dann noch der reale Pianist Mario Formenti an den Flügel setzt, zeichnet sich ein drohender Kampf zwischen Mensch und Maschine ab, der immer rasantere Formen annahm.

Mit der gezielten Reizüberflutung aus Bild, Ton, analogen und digitalen Techniken verweist Neuwirth einmal mehr auf ein gewichtiges Problem unserer Zeit. Das ist nötig. Und vielleicht kann der eingeblendete «Tom und Jerry»-Sketch, mit Tom als Klaviersolist und Jerry als Störfaktor im Flügel, als Fehler im System und in diesem Kontext sogar als Appell an alle Jerrys gedeutet werden.

Süffisante Ironie

Mit ihrer «Hommage a Klaus Nomi» setzt Neuwirth dem gleichnamigen Countertenor ein Denkmal. Der Sänger war berühmt für seine exzentrisch-futuristischen Bühnenshows im New York der Siebziger- und Achtzigerjahre und inspirierte Persönlichkeiten wie David Bowie.

Mit süffisanter Ironie singt der Countertenor Andrew Watts unter der Leitung von Gregor Mayrhofer die neun Stücke, die Neuwirth aus Nomis Repertoire ausgesucht und für Ensemble arrangiert hat, und insgesamt erweist sich das Neubad als neue (und ausverkaufte) Spielstätte des Festivals als sehr geeignet.

Mehr als nur ein Ersatzsolist

Am Samstag folgt auf Arnold Schönbergs selten gespielte «Begleitungsmusik zu einer Lichtspielszene» op. 34 der Kern des Konzerts: die Uraufführung von «Trurliade-Zone Zero», Neuwirths neuem Schlagzeugkonzert. Der zugrunde liegende aussermusikalische Inhalt gleicht jenem aus «Kloing!»: Der Solist versucht, sich gegen die unbarmherzige Maschinerie des Orchesters, der anonymen Masse aufzulehnen. Er spielt an gegen die Entmenschlichung und die Mechanisierung seiner Umwelt. Nachdem Martin Grubinger als Solist letzte Woche das Konzert irritierenderweise abgesagt hatte, sprang Victor Hanna ein. Der französische Perkussionist des Ensemble intercontemporain ist nicht nur ein ebenbürtiger Ersatz, er erweist sich in seiner agilen Kommunikation mit Susanne Mälkki und seinen Kollegen in der Schlagzeuggruppe als idealer Partner für das Werk. Dass er seinen komplexen Part nach nur acht Tagen so überzeugend interpretiert, ist eine beeindruckende Leistung – der finale Hammerschlag auf ein gelbes Ölfass muss eine Erleichterung sein. Im Stück blitzen immer wieder wohlbekannte Anekdoten auf, mal eine Episode im Stil eines grotesken Wiener Walzers, mal ein Filmmusikzitat aus Chaplins «Modern Times». Turntables tragen zum temporeichen, unerbittlichen Sound bei, und Spielzeuge und das Summen von Handventilatoren sorgen für willkommene poetische Ruheinseln.

Atemlos leise

Hör- und verstehbar macht diese Anspielungen Mälkkis differenziertes, präzises Dirigat. Zu welch bewegenden Resultaten ihr Streben nach Klarheit und Transparenz im Klang führt, zeigt sich in Anton Weberns «Sechs Stücken für grosses Orchester» op. 6. Dieses dichte musikalische Konzentrat erklingt in einer grossartigen Manier von Ernsthaftigkeit und Hingabe. Das Schlagwerk-Ostinato des vierten Satzes, der mit «Marcia funebre» überschrieben ist, bleibt in ausgezeichneter Erinnerung: Es ist zuweilen so leise, dass man den Atem anhalten musste, um es nicht zu überhören, und entsprechend explosive Wirkung entfaltet der darauffolgende Tutti-Ausbruch.

Helmut Lachenmanns «Schreiben» erweist sich als spielerischer, sinnlicher Abschluss. Der Komponist versteht den Titel als eine Zusammensetzung aus «Schrei» und «reiben». Das Ohr folgt den vielfältigen Auslegungen dieser Begrifflichkeiten mit Vergnügen. Einmal mehr muss unterstrichen werden, mit welcher Begeisterung die Academy solche Stücke interpretiert. Die sogenannten «extended techniques», die erweiterten Spieltechniken, muten in keinem Moment exotisch an, sondern gehören in der Auffassung dieser jungen Musiker schlicht zum instrumentaltechnischen Repertoire des 21. Jahrhunderts – das im Übrigen schon längst begonnen hat.

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