Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

LUCERNE FESTIVAL: Die Fasnacht schreckt das Paradies auf

Tod Machovers «Sinfonie für Luzern» wird als Mitmachprojekt in die Festival-Geschichte eingehen. Aber bei der Uraufführung stahl die Guugge dem Academy-Orchester die Show.
Kunst- und Alltagswelt begegneten sich: Musiker des Academy- Orchesters applaudieren der Barfuessfäger-Gugge auf der KKL-Galerie. (Bild: LF/Stefan Deuber)

Kunst- und Alltagswelt begegneten sich: Musiker des Academy- Orchesters applaudieren der Barfuessfäger-Gugge auf der KKL-Galerie. (Bild: LF/Stefan Deuber)

Urs Mattenberger

Was wäre Luzern ohne seine Fasnacht! Diese war gestern bei der Uraufführung von Tod Machovers «Sinfonie für Luzern» als fünfter Satz angekündigt. Und man wartete umso gespannter darauf, als die Uraufführung durch das Lucerne Festival Academy Orchestra unter der Leitung von Matthias anfangs etwas unentschieden dahindriftete.

Starke Kinderkompositionen

Dann aber geriet es früher als erwartet in den Sog der Fasnacht – im vierten Satz, der auf Kompositionen von Luzerner Kindern und Jugendlichen basierte. Diese hatten für das breit angelegte Mitmachprojekt Stücke mit dem Hyperscore-Programm ausgetüftelt, das Machover am MIT in Boston entwickelt hat. Der amerikanische Composer in residence hat sie für diese Luzern-Sinfonie so raffiniert orchestriert und verwoben, dass man neben magischen Klangspielereien und handfest-komischen Szenen den Drive der Bläser bereits als Vorbote der Fasnacht hörte.

Der «Fasnacht» überschriebene Satz wurde auch dank dieser Dramaturgie zum Herzstück und Angelpunkt der ganzen Sinfonie. Der Auftritt der Bar­fuessfäger-Guugge durch den Saal hindurch an die Rampe war mit ihren Grenden und Kostümen nicht nur ein szenischer Coup. Der anarchisch kochende Fasnachtssound brachte auch musikalisch handfest mit ein, was man bis dahin vermisst hatte: Schräg, fetzig und laut – so klingt tatsächlich nur Luzern! Der tosende Applaus des Publikums zeigte, dass es den Auftritt wie einen Befreiungsschlag empfand.

Zauber nach der Anarchie

Angelpunkt des Werks war das auch deshalb, weil der anschliessende sechste Teil das wirkungsvoll ins Gegenteil verkehrte. War der Auftritt der Guugge der theatrale Höhepunkt, so war der mit «Watery» überschriebene sechste Satz der musikalische: Das Orchester, das man hinter der Guugge kaum noch gehört hatte, beschwor hier mit impressionistischem Zauber die Wasserwelten, die Machover als eine Grundschicht des Luzerner Klangs entdeckt hatte.

Bildeten die Hyperscore-Einsprengsel, der Guuggenaufmarsch und das Wassermysterium ein starkes, kontrastreich aufeinander bezogenes Mittelstück, erreichten die umrahmenden Teile nicht dieselbe Wirkung. Der Anfang blieb nicht nur im Verlauf unentschieden. Beliebig wirkten auch die Stadtgeräusche auf der Tonspur, die Machover mit dem Live-Spiel des Orchesters verschmolz – nur die Naturlaute glaubte man mit dem Vögeligärtli und so mit Luzern verbinden zu können. Verzettelte sich die Komposition hier allzu sehr in Details, fand der Schluss zur grossen, aber etwas konventionellen Geste. Der Chor und der Kinderchor des Schulhauses Grenzhof steuerten zwar nochmals Lokalkolorit bei, wurden aber vom hier süffig behandelten Orchester (Orgel: Wolfgang Sieber) an den Rand gedrängt.

Barrieren für Volksnähe

Dass es da nicht gelungen war, mehr Kräfte einzubinden, zeigte, dass dieses Mitmachprojekt nicht so breit abgestützt war, wie man nach einjähriger Vorbereitungszeit vermuten würde. Kam hinzu, dass die Dauer von 25 Minuten es erforderte, den Anlass mit einer ebenso langen Einführung anzureichern.

Diese erwies sich aber als wesentlicher Bestandteil des ganzen Anlasses. Nicht nur gaben Machover und – mit Klangbeispielen – das Orchester unter Pintscher interessante Einblicke etwa in die Entstehung der Hyperscore-Stücke. Der grosse Platz, den die Einführung einnahm, stand auch dafür, dass das Entscheidende an diesem Projekt nicht nur die Aufführung, sondern der Mitmach-Prozess selber war, der ihr voranging. Als Signal der Öffnung begeisterte dieser auch das enthusiastisch applaudierende Publikum. «Fantastisch, dass das Festival ein solches Projekt lanciert hat», brachte eine Besucherin die aufgeräumte Grundstimmung auf den Punkt.

Dass es im Vorfeld und jetzt im Konzert – mit rund 1000 Besuchern – dennoch nicht mehr Resonanz fand, dürfte kaum am fehlenden Marketing liegen. Es war wohl einmal mehr schlicht die englische Sprache, die – auch in der Einführung – der Volksnähe im Weg stand, die das Projekt suchte. Und vielleicht ist Luzern doch schlicht zu «paradiesisch», wie Machover selber fand und von vielen Luzernern hörte. Stoff für einen grossen, gar dramatischen Wurf jedenfalls gab die Stadt nicht her.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.