LUCERNE FESTIVAL: Die Stradivari miaut wie eine Katze

Die Geigerin Isabelle Faust ist Artiste Etoile des Festivals. Am Wochenende liess sie mit Marsch- und Tierklängen aufhorchen.

Drucken
Teilen
Brachte das Herzflattern in Strawinskys Geschichte vom Soldaten ein: Artiste Etoile Isabelle Faust mit Musikern des Festival-Orchesters. (Bild: LF/Priska Ketterer)

Brachte das Herzflattern in Strawinskys Geschichte vom Soldaten ein: Artiste Etoile Isabelle Faust mit Musikern des Festival-Orchesters. (Bild: LF/Priska Ketterer)

Simon Bordier

Ob es zwischen einer Stradivari und anderen Geigen entscheidende klangliche Unterschiede gibt, ist umstritten. Die deutsche Geigerin Isabelle Faust (Jahrgang 1972), die dieses Jahr als Artiste Etoile am Lucerne Festival zu Gast ist, spielt ein solches Instrument. Doch eitle Vergleiche sind mit ihr nicht vorstellbar: Sie ist vielmehr bekannt dafür, dass sie sich an widerborstige Stücke wie Schumanns Violinkonzert heranwagt und starke Dissonanzen liebt.

Geige an Teufel verkauft

Am Festival steht ihr mit Violinkonzerten von Mozart, Mendelssohn und Szymanowski ein Konzertmarathon bevor. Den Auftakt bildete am Samstag die Late-Night-Vorstellung im Konzertsaal des KKL mit Igor Strawinskys «L’Histoire du Soldat» ausgerechnet. In dieser Märchenvertonung aus der Zeit des Ersten Weltkriegs geht es um einen Soldaten, der seine Geige an den Teufel verkauft. Das bereut er, als er mit seinem Geigenspiel die von ihm geliebte, aber krank im Bett darbende Prinzessin heilen könnte. Er verhandelt mit dem Teufel neu, erhält die Geige zurück, doch den Teufel wird er nicht mehr los.

Auch die Musik ist tückisch: Die Märsche holpern, die Klänge sind verzerrt und die sieben Instrumentalstimmen manchmal teuflisch verwickelt. Isabelle Faust stürzte sich mit sechs Kollegen des Lucerne Festival Orchestra in dieses Abenteuer, wobei die Ecken und Kanten des Werks wie auch bezaubernde Momente zu hören waren: Der Fagottist Matthias Racz und der Klarinettist Martin Spangenberg verschmolzen mit wehmütigen Klängen, Reinhold Friedrich am Cornet und Frederic Belli an der Posaune sorgten für Glanz im «Königsmarsch», und Isabelle Faust holte die Prinzessin mit herzflatternden Klängen aus dem Tiefschlaf. Für Ecken und Kanten sorgten der Schlagzeuger Raymond Curfs und der Kontrabassist Slawomir Grenda.

Der Sprecher wird zum Rapper

Den grössten Eindruck hinterliess aber der Schauspieler Dominique Horwitz in dreifacher Rolle: Als Sprecher, tölpelhafter Soldat und listenreicher Teufel. Erstaunlich war, wie schnell er zwischen den Rollen wechselte und dabei mit Stimme, Mimik und wenigen Gesten die Rollen klar voneinander zu trennen wusste. Die seitlich aufgestellten Musiker wirkten dabei teils wie seine Marionetten, mit denen er den rhythmisch gesprochenen Text zusätzlich betonen konnte; das «Couplet des Teufels» hörte sich fast wie ein Rap an.

Energie verpufft im grossen Saal

Horwitz bildete die ideale Brücke zwischen dem ungehobelten Text von Charles Ferdinand Ramuz (in der deutschen Bearbeitung von Hans Reinhart) und den unberechenbaren Rhythmen Strawinskys. Leider verpuffte die Energie in der Weite des Konzertsaals etwas.

Die Luzerner Lukaskirche eignet sich für Kammermusik schon eher. Dort gab Isabelle Faust gestern Nachmittag mit dem in Südafrika geborenen Cembalisten Kristian Bezuidenhout (Jahrgang 1979) ein Alte-Musik-Konzert. Auf dem Programm standen unter anderem drei Sonaten für Cembalo und Solovioline von Johann Sebastian Bach (BWV 1014, 1016, 1019). Das hohe technische Niveau beeindruckte, abgesehen von kleinen Intonationsschwierigkeiten der Geige. Während die schnellen Sätze mit spürbarem Puls und Verve vorangingen, liessen die langsamen Sätze aber Wünsche offen: Das Zusammenspiel wirkte zu wenig inspiriert.

Dafür wurde man von Bezuidenhout in der C-Dur-Partita für Cembalo FbWV 612 von Johann Jakob Froberger entschädigt: Im Lamento spielte er so gekonnt mit dem Tempo, dass die Zeit plötzlich stillzustehen und der nächste Ton wie ein Herbstblatt vom Baum zu fallen schien.

Mit Spieltrieb und technischer Brillanz war Isabelle Faust in der «Sonata representativa» für Solovioline und Cembalo von Heinrich Biber zu hören. Der Komponist hat darin eine Reihe von Tierlauten vertont: von der Nachtigall über den Kuckuck, den Frosch, bis hin zur miauenden Katze. Zwar war der Wiedererkennungseffekt im Fall des Froschs nicht gerade gross. Aber sonst: Zu verfolgen, wie Isabelle Faust mit ihrer fein abgestuften Dynamik, Doppelgriffen, Trillern und allerart barocker Verzierungskunst den Tieren auf den Leib rückte, war ein einmaliges Hörerlebnis und eine wahre Stradivari-Härteprobe.

Hinweis

Das nächste Konzert mit Isabelle Faust findet am Dienstag, 25. August, im Konzertsaal des KKL statt. Sie spielt Mozarts A-Dur-Violinkonzert, begleitet vom Chamber Orchestra of Europe. Info und VV: www.lucernefestival.ch, Tel.: 041 226 44 80.