LUCERNE FESTIVAL: Drachenfantasie auf eine Zwölftonreihe

Ein Erlebnistag mit Neuer Musik? Der «Tag für Pierre Boulez» bot dazu mit Sitzkissen, Kindern und toller Musik viele und überraschende Zugänge.

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Entspannte Einstimmung auf den Boulez-Tag: Sitzkissen rund um den Dirigenten Matthias Pintscher für die Raummusik im Luzerner Saal. (Bild: LF/Priska Ketterer)

Entspannte Einstimmung auf den Boulez-Tag: Sitzkissen rund um den Dirigenten Matthias Pintscher für die Raummusik im Luzerner Saal. (Bild: LF/Priska Ketterer)

Urs Mattenberger

Am Freitag liessen sich an der Festival-Lounge im Bourbaki Besucher zum Tanzen animieren (Ausgabe von gestern). Und gestern Sonntag hörten sie sich Musik im Luzerner Saal nicht nur auf Sitzkissen an, sondern streckten sich wie in Meditationsstellung am Boden aus. Kein Zweifel: Lucerne Festival zeigte an diesem Wochenende, wie Klassik-Veranstalter neue Wege gehen können.

Alles zu dicht gedrängt

Denn nach dem Vorbild des Jubiläumstags vor zwei Jahren wurde gestern ein Erlebnistag angeboten – diesmal mit einem «Tag für Pierre Boulez» und damit ausschliesslich Neuer Musik. Wie gut das funktionierte, zeigte schon, dass alle sieben Veranstaltungen mit Musikern der Lucerne Festival Academy und des Ensembles Intercontemporain ausverkauft waren. Möglich macht es die Ausstrahlung des – krankheitshalber abwesenden – 90-jährigen Komponisten und Gründers der Academy. Besucher gaben an, dass sie ihn in den letzten Jahren auch als Dirigenten oder bei seinen gewinnenden Einführungen an der Academy bewundern lernten.

Trotzdem war einiges anders als am Jubiläumstag. Weil der Morgen nicht zur Verfügung stand, war das Programm am Nachmittag so gedrängt, dass kaum Gelegenheit für Gespräche blieb und die Bar im KKL-Foyer kaum genutzt wurde. Gespielt wurde zudem auch in – angesichts des Andrangs – zu kleinen Sälen. Der Terrassensaal war für die Streichquartett-Auftritte akustisch so heikel wie der Luzerner Saal für die hier spröde klingende Raummusik «Rituel in memoriam Bruno Maderna».

Programm hebelt Vorurteile aus

Mit dieser aber begann eine Programmierung, die sich als suggestive Einführung in Boulez’ vermeintlich nur schwierig-intellektuelle Musik entpuppte: indem sie vom unmittelbar Verständlichen hin zum abstrakten Frühwerk («Livre pour Quatuor») und zurück zu geradezu populären Formen führte.

Den Einstieg erleichterten im Luzerner Saal nicht nur die Sitzkissen, die Entspannung vor allem jenen brachten, die es wagten, sich eben der ganzen Länge nach auszustrecken. Musikalische Köder waren ein Klavierstück von Matthias Pintscher und ein Werk von Christian Mason, die beide zeitgenössische Klangsprachen mit romantischen Ausdrucksmitteln verbanden. So war der Weg bereitet, auch in Boulez’ «Rituel» traditionelle Anknüpfungspunkte zu hören – die rituellen Gongschläge, die durch die rund um den Raum platzierten Instrumentgruppen wandernden Appellmotive oder das expressive Aufbäumen der starken Blechbläsergruppe.

Da waren allfällige Vorurteile so weit abgebaut, dass man – im Kunstmuseum – in der für Paul Sacher geschriebenen «Messagesquisse» noch ganz andere Bezüge hörte. Erst recht, weil man dem Werk zweimal begegnete: in der Fassung für sechs Bratschen und – überzeugender – im Original für sechs Celli. Wenn das führende Instrument mit den Tönen, die Sachers Name symbolisieren, die übrigen der Reihe nach zum Erklingen bringt, erinnerte diese Echowirkung an das eben gehörte «Rituel». Und in den raschen Abschnitten entfaltete das Werk einen motorischen Drive, der einen wie überdrehter Klassizismus ansprang.

Neue Musik zum Anfassen nah

Wirkte schon da «Mémorial (... explosante-fixe ... originel)» für Flöte und Ensemble wie eine raffiniert gemachte, aber unterkühlte Klangspielerei, entsprach im Terrassensaal das «Livre pour Quatuor» am ehesten dem Klischee einer unnahbar aufgesplitterten Moderne. Selbst eine Boulez-Bewunderin hatte danach das Gefühl, sie habe «davon die Nase voll» – und war doch nach dem Konzert des Ensembles Intercontemporain schlicht «hingerissen» von Boulez’ «sur incises»: einem Werk, das eine formale Idee (die Verwandtschaften zwischen Klavier und Harfe sowie Schlagzeug) wieder nutzt für jene «Wärme und Leidenschaft», die Tod Machover «unter der Oberfläche von Boulez’ Musik spürt». Der Composer in Residence, eine weitere Pointe, kehrte sie in diesem Konzert mit seinem Werk «Re-Structures» (nach Boulez’ seriellem Frühwerk «Structures») geradezu süffig nach aussen.

Einen nochmals anderen Weg ging die Einführung mit Kindern zum Sinfoniekonzert am Abend (Besprechung in der Ausgabe vom Dienstag). Wie Viertklässler des Primarschulhauses Burg in Büron die Zwölftonreihe und rhythmische Muster von Boulez’ «Notations» für pantomimische Drachenfantasien (auf Leinwand) und Rhythmusspiele (live auf der Konzertsaalbühne) nutzten, war zusammen mit den lebendigen Erläuterungen von Tobias Bleek ein Höhepunkt eigener Art. Boulez’ Musik berühre sie emotional allein schon durch die produktiven Irritationen, die sie wecke, meinte eine begeisterte Konzerthörerin. Hier aber kam sie einem geradezu zum Anfassen nahe.