LUCERNE FESTIVAL: Ein Applaus wie zu Zeiten Abbados

Stabwechsel im Zeichen von Tod und Auferstehung? Andris Nelsons begeisterte mit dem Festivalorchester im Gedenk­konzert für Claudio Abbado.

Urs Mattenberger
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Verbeugung vor Abbado: Festivalorchester mit Geigerin Isabelle Faust und Dirigent Andris Nelsons. (Bild: Lucerne Festival/ Georg Anderhub)

Verbeugung vor Abbado: Festivalorchester mit Geigerin Isabelle Faust und Dirigent Andris Nelsons. (Bild: Lucerne Festival/ Georg Anderhub)

Es hätte eine Gratwanderung sein können, das Gedenkkonzert für den im Januar verstorbenen Dirigenten Claudio Abbado. Das von ihm gegründete Lucerne Festival Orchestra kam gestern zusammen, um sich gemeinsam von ihm zu verabschieden. Und es tat es mit einem Programm, das etwas vom österlichen Drama von Tod und Auferstehung an sich hatte. Zu Beginn nämlich blieb Abbados Platz vorne am Pult demonstrativ leer: Das Orchester spielte ohne Dirigent den ersten Satz aus Schuberts Unvollendeter, die Abbado in seinem letzten Konzert (in Luzern) dirigiert hatte. Erst nach einer Rezitation von Bruno Ganz präsentierte es sich unter der Leitung von Abbados Nachfolger für die Konzerte in diesem Sommer, dem lettischen Jungstar Andris Nelsons (35).

Worte eines Freundes

Vom Tod des Dirigenten zur Auferstehung seines Orchesters unter neuer Leitung: Bedenken, dass das aufgesetzt wirken könnte, wischte im voll besetzten Konzertsaal gleich der Auftakt zur Seite. Denn die Aufführung der Unvollendeten ohne Dirigent setzte nur in letzter Konsequenz Abbados Idee einer orchestralen Kammermusik unter Freunden um. Es war wie ein erstes Wunder, wie hier der ganz leise heraufdämmernde Satz sich machtvoll entfaltete und bis in den Pizzicato-Puls der Bässe hinein alle Schattierungen zeigte, die ein Markenzeichen des Orchesters sind.

Gegen vordergründiges Pathos sperrte sich zudem die Rezitation von Bruno Ganz. Schon der lapidare Tonfall hatte die Authentizität des Freundes, der Abbado kurz vor dessen Tod Auszüge aus Hölderlins «Brot und Wein» vorgelesen hatte. Und die Texte, die den «Titan» in «Armen der Erde schlafen und träumen» lassen, vermieden allein durch ihre mythologische Verschlüsselung plumpes Pathos.

Mahler als Herzstück

Selbst die Inauguration des neuen Dirigenten erfolgte nicht mit Pauken und Trompeten. Alban Bergs Violinkonzert, ein instrumentales Requiem, wurde derart zur feinnervigen Kammermusik aufgefächert, dass Andris Nelsons quasi eine kollegiale Rolle einnahm – neben Isabelle Faust, die das Werk vor zwei Jahren mit Abbado eingespielt hat. Wie die Geigerin aus dem tastend-zarten Beginn zu betörender Süsse fand und das Orchester die Choralzitate in vollendeter Ruhe polierte, machte diesen Moderne-Klassiker zu einem hoch emotionalen Repertoire-Stück.

Dann schlug die grosse Stunde des neuen Dirigenten. Mit dem Finale aus Mahlers dritter Sinfonie wagte sich Nelsons an das Herzstück des LFO-Repertoires unter Abbado. Und zeigte sich als magischer Sachwalter auch dieses Vermächtnisses. Vielleicht lag darin eine Spur weniger Geheimnis und dafür mehr kristalline Klarheit. Jedenfalls schritt Nelsons im weltumarmenden Liebeshymnus die ganze Palette von der Pianissimo-Magie bis zur nochmals und nochmals gesteigerten, grossorchestralen Wucht aus – gerade so, als würde er seine Erfahrungen als Wagner-Dirigent auf dieses Orchester übertragen. Sie könnte heulen, meinte eine Konzertbesucherin stellvertretend für viele im Saal.

Publikum wie Musiker begeistert

Vom leidenschaftlichen Streicherklang bis zum Trompetengold Reinhold Friedrichs (vgl. Kasten) zeigten sich uneingeschränkt die Qualitäten, die dieses mit namhaften Solisten bestückte Orchester legendär machen. Dass das mit Nelsons funktioniert, obwohl er als Dirigent impulsiver und ganz anders wirkt als Abbado, scheint wie ein weiteres Wunder.

Aber der Schein trügt, wie Nelsons’ bescheidenes Auftreten und Statements von Musikern bestätigten. «Er verkörpert beispielhaft Abbados Idee des Orchesters als vervielfachtes Kammermusikensemble», sagt Konzertmeister Sebastian Breuninger. «Er gibt uns Musikern die Freiheit und das Vertrauen, das man braucht, um gut zu spielen», meint der Oboist Lucas Macias Navarro. Und der Luzerner Hornist Ivo Gass schwärmt von Nelsons’ unglaublicher «Energie, die ansteckend ist». Dass das auch für das Publikum gilt, bewies der Applaus im Saal: Nachdem Nelsons lange auf der von Mahler gewünschten Stille beharrte, harrte das Publikum aus, bis das Orchester das Podium verlassen hatte – auch das wie zu Zeiten Abbados.

Wunderbares Weinen

REZITAL kü. Was für ein reicher Konzertmorgen an diesem Osterfestival! Fern jeder Leistungsshow offerieren der Trompeter Reinhold Friedrich und der Organist Martin Lücker ein packendes Programm. Dieser Sonntag im KKL nimmt quasi die österlichen Leidenstage vorweg.

Natürlich spannt der sich selbst als Atheisten bezeichnende Friedrich den Bogen über den christlichen Glauben hinaus. Im Zentrum steht «Gilgul» des Italieners Luca Lombardi, eine bildhafte Erinnerung an ein Massaker, bei dem 1944 560 Italiener ermordet wurden. Und treffender könnte man diese Szenen wohl weder komponieren noch bespielen. Symbiotisch intensiv ist das Zusammenspiel der Musiker. Schmerzhaft schneiden Friedrichs Töne in den ruhigen Orgelpuls. Schwindelnde Höhen jagen die Opfer. Gespenstisch ruhig sind die Phasen des kurzen Innehaltens, aufflackernder Spiegel menschlichen Grauens.

Die anderen Stücke kreisen um diesen Pfeiler – von Bachs letzter Fuge bis zu Hindemiths Grablegung aus der Sinfonie «Mathis der Maler».

Theater der trauernden Gefühle

Reinhold Friedrich überzeugt mit seiner sprechenden Artikulation, seinem dichten Ton, der strahlend ist und doch sanft. Das Pianissimo in den obersten Lagen ist von höchster Präsenz und Intimität. Der vorzügliche Organist Martin Lücker wählt geschickt die Register, nimmt dem Instrument seine Behäbigkeit. Im Gegensatz zu anderen Organisten überspannt er nie die klanglichen Möglichkeiten im KKL-Konzertsaal. Wunderbar ist sein «Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen» (Franz Liszt), ein grosses Theater der trauernden Gefühle, eine sinnliche Reizung für Ohren, Gemüt und Intellekt. Fast erleichtert nimmt man das finale Stück entgegen. Die «Variationen über Aria della Follia di Spagna» und die Zugabe «Nun komm, der Heiden Heiland» (Bach) schaffen mit virtuoser Leichtigkeit einen sanften Übergang in den Alltag.