LUCERNE FESTIVAL: Ein Hauch von Klassik-Club im Kirchenraum

Das Osterfestival geht neben geistlicher Musik in Kirchen und im KKL neue Wege mit Jugendprojekten. Beides zusammen bringt eine «Liturgia» in der Hofkirche.

Drucken
Teilen
Das Zentralschweizer Jugendsinfonieorchester. (Bild: PD / Andrea Pfäffli)

Das Zentralschweizer Jugendsinfonieorchester. (Bild: PD / Andrea Pfäffli)

Unter dem Titel «Young» baut Lucerne Festival sein Angebot für Kinder und Jugendliche im Sommer kontinuierlich aus. Jetzt greift der Trend mit zwei prominenten Jugendprojekten auf das Osterfestival über.

So wird als «Young-Musiktheater» erstmals eine Oper für Kinder und Erwachsene gezeigt («Die Brüder Löwenherz» nach Astrid Lindgren, siehe Kastentext). Anderseits gibt es, als Nachfolgeprojekt für frühere Menschenrechts-Workshops, in der Hofkirche ein ganz besonderes Konzert mit dem Zentralschweizer Jugendsinfonieorchester, das seit seiner Gründung vor drei Jahren mit eigenwilligen Projekten ein junges Publikum anspricht.

Nicht nur Kirchengänger

Der Titel «Liturgia» rückt dieses Jugendprojekt nah ans österliche Thema heran. Laut Lucerne-Festival-Intendant Michael Haefliger steht es für die Suche nach neuen Formen spiritueller Auseinandersetzung, die auch Menschen ansprechen kann, die nicht traditionelle Kirchengänger sind.

Ein solcher ist auch der Komponist Dave Jegerlehner nicht, der für «Liturgia» ein Werk für Sinfonieorchester, Orgel und Live-Elektronik schrieb. Er nämlich beantwortet die Frage, ob er selber gläubig sei, unumwunden mit Nein. Und schwärmt doch für die «sakrale Wirkung» von Kirchenräumen und namentlich des Instruments Orgel: «Die riesigen Räume und der Klang der Orgel strahlen eine Mächtigkeit aus, die einen durchaus in eine andere Welt versetzt.»

Eine neue Form von Spiritualität also, die mehr ästhetisch als religiös definiert ist? Dafür muss Jegerlehner weiter ausholen. Und schildert, wie er die traditionellen Stücke – eine Vorgabe des Kompositionsauftrags – in seine Suche nach «Neuland» mit einbezog. Zwei Sätze aus Camille Saint-Saëns’ Orgelsinfonie und Gustav Holsts fröhliches Planetenporträt «Jupiter» geben dieser «Liturgia» nämlich eine glanzvolle «Schauseite» und ein machtvolles Finale.

Aber obwohl Jegerlehner die Harmonien etwa von Saint-Saëns in seiner Komposition «durchschimmern» lässt, setzt er sich auch deutlich davon ab. «In meiner Musik gibt es kaum ‹klassische› Orchesterklänge. Die Streicher werden eher perkussiv eingesetzt. Geräuschhafte Klänge sind wichtiger als herkömmliche Harmonien und Rhythmen.» Das war Neuland selbst für das Orchester, das mit DJs, einem Singer-Songwriter oder mit Tänzern aufgetreten ist und neu von Felix Schüeli geleitet wird: «In der ersten Probe waren viele amüsiert, fanden aber nach einem längeren Gespräch in die Klangwelt des Stücks hinein», lacht Jegerlehner.

Komponist, DJ und Produzent

Wie wird das Publikum dazu den Zugang finden? Da verweist der 25-Jährige auf Erfahrungen aus seiner Tätigkeit als Komponist, DJ und Produzent. Seit seiner Zeit an der Kantonsschule in Wettingen produziert er seine eigene Musik, tritt seit seinem Studium in Zürich (Klavier, Komposition, Elektro-Akustik) mit dem Laptop als Theatermusiker oder als DJ in Clubs auf. Und macht da die Erfahrung, wie selbstverständlich experimentell-neue Klänge wirken können, wenn sie nicht in einem klassischen Rahmen als «Neue Musik» aufgeführt werden.

Elektronische Orgelwanderung

Das unterstreicht bei «Liturgia» der Einbezug der Live-Elektronik. Gesteuert von Jegerlehner am Laptop, lässt sie nämlich die Klänge der von Wolfgang Sieber gespielten Orgel über acht Lautsprecher im Raum wandern. Die Farbenvielfalt, wie eben die Mächtigkeit der berühmten Hoforgel, wird dabei auch durch klangliche Verzerrungen noch potenziert.

So wird auch die Kirche mit ihrer Akustik selbst zum Neuland. Und es ist dieser Aspekt, in dem der junge Komponist einen spirituellen Aspekt erkennt: «Mit dem Einbezug der Stille, die in dem Werk sehr wichtig ist, sollen diese Klänge neue Erfahrungen und damit vielleicht eine Art von neuem Bewusstsein ermöglichen. Ich möchte dafür nicht grosse Begriffe verwenden. Aber das hat für mich durchaus mit Spiritualität zu tun.»

Urs Mattenberger

«Liturgia»

Mo, 23. März, 20 Uhr
Hofkirche Luzern; Zentralschweizer Jugendsinfonieorchester,
Leitung: Felix Schüeli, Orgel: Wolfgang Sieber

Geistliche Grenzgänge zwischen Kirchen und KKL, Oper und Konzert


Anders als der Sommer führt Lucerne Festival zu Ostern sein Thema im Titel. Denn Kreuztod und Auferstehung, Karfreitag und Ostern stehen für existenzielle Fragen, die das Festival mit 10 Konzerten von der Alten Musik bis zu Sinfoniekonzerten im KKL (mit dem Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks) thematisiert.

Kinderoper für Grenzgänger
Überraschend passt da die zweite Jugendproduktion hinein, die von Tod und Hoffnung, Mut und Vertrauen handelt. Darum geht es in der Kinderoper «Die Brüder Löwenherz» nach Astrid Lindgren, die die Junge Szene der Semperoper Dresden zeigt. Da erzählt Jonathan seinem todkranken Bruder vom fernen Land, in dem er weiterleben werde und in dem nach dem Tod beide als Helden vereint sind.
Vielleicht interessierte sich der Komponist Helmut Oehring für diese Geschichte vom Kindsein und Erwachsenwerden, weil auch er ein Grenzgänger ist: als Kind gehörloser Eltern, dessen Muttersprache (bis vier) die Gebärdensprache war. Als Instrumentalisten wirken ehemalige Mitglieder der Festival Academy mit und machen aus dieser Oper eine Art «Young Performance» (Sonntag, 29. März, 11.00 und 15.00, Luzerner Saal, KKL).

Mozarts Opernerstling
Ganz klassisch dagegen startet das Festival am kommenden Wochenende mit zwei geistlichen Konzerten in der Hofkirche. Da spielt beim Eröffnungskonzert ebenfalls ein Jugendlicher eine Hauptrolle – nämlich der elfjährige Wolfgang Amadeus Mozart. Denn die Lucerne Festival Strings und Gesangssolisten unter der Leitung von Alois Koch führen Mozarts Opernerstling «Die Schuldigkeit des ersten Gebots» auf. Wer hier in der Schwebe bleibt, welche der allegorischen Figuren den «lauen Christen» schliesslich zum Genuss verführt oder zum Glauben bekehrt, verweist bereits auf Mozarts spätere Meisteropern (Samstag, 21. März, 19.30, Hofkirche Luzern).

Eine weltweit «ziemlich konkurrenzlose Vokalformation» («Süddeutsche Zeitung») tritt am Sonntag wiederum in der Hofkirche auf: Das Ensemble Vox Luminis singt ein Gipfelwerk des frühen Barock, Heinrich Schütz’ «Musikalische Exequien»: eine Meditation über Vergänglichkeit, Leben und Tod, deren Texte das Ensemble auch in Vertonungen von Mitgliedern der Familie Bach singt (22. März, 20.00, Hofkirche Luzern).

mat

Lucerne Festival zu Ostern

21. bis 29. März
Programm/VV: www.lucernefestival.ch, Tel. 041 226 44 80

Lindgren-Oper für Kinder ab acht: Szene aus «Die Brüder Löwenherz». (Bild: PD)

Lindgren-Oper für Kinder ab acht: Szene aus «Die Brüder Löwenherz». (Bild: PD)

Eröffnet das Festival mit den Festival Strings: Alois Koch. (Bild: PD)

Eröffnet das Festival mit den Festival Strings: Alois Koch. (Bild: PD)