LUCERNE FESTIVAL: Ein menschlicher Cyborg lädt zur Party

Gastkomponist Tod Machover verbindet Hightech und Alltag: Eine Probe zeigt, wie Musiker die Elektronik über Sensoren steuern – und umgekehrt.

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Checkt die Steuerung von Klängen über die Sensoren an den Unterarmen: Tod Machover am Cello in der «Fensadense»-Probe im Südpol. (Bild Roger Grütter)

Checkt die Steuerung von Klängen über die Sensoren an den Unterarmen: Tod Machover am Cello in der «Fensadense»-Probe im Südpol. (Bild Roger Grütter)

Urs Mattenberger

Niemand würde in der Halle im Südpol im Mann am Keyboard den Composer in residence des Lucerne Festivals vermuten. Das liegt nicht nur am Strubelhaar und dem schwarzen T-Shirt. Tod Machover strahlt wie ein Kind beim Auspacken der Geburtstagsgeschenke über die Klänge, die er auf Tastendruck im Raum umherschwirren lässt.

Da blubbert es über hüpfenden Bässen. Eine Harfe knäuelt mit repetitiven Mustern eine geheimnisvolle Gesangslinie ein. Eine Klangwolke schwebt über einem dumpf stampfenden Bass. «Crazy», freut sich der 61-jährige Amerikaner und wiehert einmal gar übermütig mit, wenn ein Klang wie von unzähligen kleinen Messern flirrend die Halle gigantisch ausfüllt und -weitet.

Hyperinstrumente

Eingerichtet wird bei dieser Probe die Elektronik für die Young Performance «Fensadense». Sie zeigt, dass Tod Mach­over ein fürs Festival neuer Komponistentypus ist: einer, der anders und ganz andere Musik macht, als sie bisher an der von Pierre Boulez geprägten Lucerne Festival Academy vorherrschte, die jetzt Machovers Werke aufführt. Und das, obwohl Machover einst an dem von Boulez gegründeten Elektronikstudio IRCAM in Paris arbeitete und forschte.

Frühe Resultate dieser Arbeit erklingen mit der «Hyperstring Trilogy» im heutigen Late Night. Hyperinstrumente sind klassische Instrumente, die durch den Zusatz von Elektronik erweitert werden. Im Fall der Trilogie ist das ein einst von Yo Yo Ma uraufgeführtes Solostück für Cello oder ein Ensemble-Werk, dem der solistische Geiger elektronische Klänge beimischt: Nicht als durchgehende Tonspur, sondern bruchstückhaft, damit den Musikern Freiheiten bei der zeitlichen Gestaltung bewahrt bleiben.

Sinfonie für Luzern «all inclusive»

Aber der Unterschied zu der von Boulez mitgeprägten Ästhetik ist grundsätzlicher. Wo (post-)serielle Komponisten durch strenge Organisation des Ausgangsmaterials Einheitlichkeit anstreben, ist Machovers Musik offen angelegt. Ihr Motto ist quasi «all inclusive».

Das Paradebeispiel dafür ist seine «Sinfonie für Luzern», die das Lucerne Festival Academy Orchestra zur Uraufführung bringt. Dahinein integrierte Machover auf der elektronischen Tonspur nicht nur allerlei Alltagsgeräusche und von Luzernern zugespielte Klänge. Bei der Aufführung im Konzertsaal wirken lokale Chöre und die Guuggenmusig Barfüesserfäger mit. Die Alltagswelt wird auch live in die Kunstwelt integriert und bricht diese auf, wenn in einzelnen Abschnitten die Orchestermusiker «wild improvisieren» (Partituranweisung).

Verkabelt mit dem System

In «Fensadense» erreicht dieses Zusammenspiel eine neue Komplexität, wenn im letzten Teil die Musiker – Alumni der Academy – verkabelt werden. Das Spiel der Musiker wird hier einerseits akustisch von Mikrofonen am Instrument aufgenommen und elektronisch transformiert. Anderseits übersetzen Sensoren an den Unterarmen ihre Bewegungen in Klänge. Die Sensoren reagieren nicht nur auf die Geschwindigkeit der Bewegungen und deren Tempo, sondern auch auf die Position der Arme und die Muskelspannung im Unterarm, die sich bei jedem Griff ändern kann. Eingespiesen wird all das ins elektronische System, das Machovers Team vom renommierten MIT in Boston steuert, wo der Komponist neue Technologien für musikalische Aufführung Komposition entwickelt.

Die auf Tischen aufgereihten Laptops und das technische Equipment, das sich darum herum türmt, verwandeln die Südpol-Halle in eine Art Hightech-Labor. Dieses spielt auch in der Aufführung eine zentrale Rolle, wenn die nach verschiedenen Modi verarbeiteten Klänge live abgemischt werden.

Eine Grundidee der letztjährigen Young Performance war es, mit theatralem Spiel auf den Instrumenten einen direkten Zugang zur Musik zu verschaffen. Wie verändert sich das durch den Einbezug der interaktiven Elektronik?

Young Performance wird erwachsen

Für Shila Anaraki, bei «Fensadense» verantwortlich für die Regie, ist es ein «Stück über das Erwachsenwerden in 50 Minuten». Das beginnt mit einem «kindlichen Spieltrieb», wenn die Musiker – akustisch – in einem Brandenburgischen Konzert von Bach zusammenfinden – und auseinanderfallen. Als Zeichen jugendlicher Aufbruchstimmung kann man im zweiten Abschnitt Samples aus Hits der 50er- und 60er-Jahre verstehen, die mit «Hey Jude» von den Beatles in eine zunächst versöhnliche, aber brüchige Hymne münden.

Mit der Elektronik im letzten Abschnitt verändert sich zu Machovers «Fensadense»-Komposition die Kommunikation unter den Musikern: «Schon das akustische Spiel am Instrument übersetzt ja Bewegungen in Klänge, und da schmeissen sich die Musiker diese auch mal ganz direkt zu», sagt Anaraki und unterstützt das mit grossen Bewegungen im Raum. Im letzten Teil geschieht diese Vernetzung musikalisch durch die elektronischen Klänge. Anderseits schränkt hier die Verkabelung den Bewegungsradius der zehn Musiker ein. Sie sitzen auf Plattformen, eingespannt ins elektronische «System», so Anaraki.

«Man kann darin natürlich die Gefahr des Cyborg wittern, der alles bestimmt», lacht sie. Das aber sei nicht die Botschaft von «Fensadense»: «Wir versuchen, das System menschlich zu halten. Das Ganze wird eher wirken wie eine spektakuläre Party im Club.» Das unterstützt das ebenfalls von den Sensoren mitgesteuerte Licht. Und an dieser Party werden die Musiker, wie anfangs beim Spiel mit Bach, auf neue Art zum Kollektiv. Vermittelt durch das System, das alle miteinander verkabelt, finden sie zu einem neuen Zusammengehörigkeitsgefühl, sagt die Regisseurin: «Das ist am Schluss wie ein Ankommen.»

Hinweis

«Hyperstring Trilogy»: Late Night, heute, 22 Uhr, Luzerner Saal, KKL Luzern.

«Sinfonie für Luzern»: Sa, 5. September, 11 Uhr, Konzertsaal, KKL Luzern.

Young Performance «Fensadense»: Sa, 12. Sep­tember, 11, 15 und 22 Uhr, Luzerner Saal.