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LUCERNE FESTIVAL: Ein Publikumsplädoyer für die Moderne

Stabwechsel bei den festivaleigenen Orchestern: Das Lucerne Festival Orchestra war am Samstag mit Strawinsky ebenso nah am Thema Identität wie gestern das Academy-Orchester unter Heinz Holliger.
Academy-Orchester mit Heinz Holliger und Patricia Kopatchinskaja. (Bild: Priska Ketterer/LF (20. August 2017))

Academy-Orchester mit Heinz Holliger und Patricia Kopatchinskaja. (Bild: Priska Ketterer/LF (20. August 2017))

Was für Gegensätze – und doch auch: welche Gemeinsamkeit! Am Samstag beendete das Lu­cerne Festival Orchestra unter Riccardo Chailly seine Auftritte am Festival mit einem raffinierten Strawinsky-Programm: In vier Frühwerken mischten sich in impressionistische Stimmungsbilder von Stück zu Stück mehr rhythmische Sprengsätze, bis diese in einem kraftstrotzenden Sacre du Printemps (komponiert 1913) zur Explosion kamen.

Gestern Morgen dagegen zog sich im ersten Konzert des Orchesters der Festival-Academy die Musik unter der Leitung von Heinz Holliger in ein fahles Wimmern und gänzliche Stille zurück. Heinz Holligers Violinkonzert «Hommage à Louis Soutter» war da ein gewichtiger Beitrag zum Thema Identität, weil es von zwei Grenzgängern handelt: dem früh ins Heim abgeschobenen Schweizer Geiger und Maler Louis Soutter sowie seinem Freund und Lehrer, dem Geigenvirtuosen Eugène Ysaÿe.

An dessen Virtuosität entzünden sich die ersten Sätze von Holligers Konzert, bevor ein Zersetzungsprozess einsetzt, der im Reflex auf Soutters Schreckensbilder zu Beginn des Zweiten Weltkriegs am Schluss gespenstisch verlöscht. Es war ein glanzvoller Einstand für die diesjährige Artiste étoile: Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja reizte ihren mal bedrängten, mal solistisch umschwirrten Solopart mit bedingungsloser Intensität und feinnervigem Spürsinn nach allen Seiten aus. Und zeigte im engelsweissen Gewand, was ein Geheimnis ihrer Kunst ist: Bei aller Artifizialität wurde diese Musik zutiefst menschlich.

Das Festival- als Projektorchester

Gemeinsam war beiden Konzerten ein enger Bezug zum Thema Identität. Denn das Lucerne Festival Orchestra machte am Beispiel von Strawinskys Frühwerk bis hin zum Sacre handfest hörbar, wie ein Komponist seine Sprache spektakulär weiterentwickelt und doch der Gleiche bleibt. Das Orchester hat zwar in diesem Jahr mit gänzlich neuem Repertoire seinen Sonderstatus etwas eingebüsst (vgl. Ausgabe von gestern). Gleichzeitig aber hat es einen Schritt hin zu einer Art Projektorchester gemacht, das sich programmatisch ins Festival einbindet. Zudem zeigten sich im Sacre wieder stärker als im zweiten Programm seine enormen Qualitäten: mit wuchtigem, aber gebündeltem Klang, einer geradezu schmerzhaften Detailschärfe und einer eben auch impressionistischen Klangkultur, die auf die Frühwerke zurückwies. Eine Entdeckung war die vor zwei Jahren wieder aufgefundene Trauermusik auf den Tod von Rimsky-Korsakow, die in der klanglich expressiven Wiedergabe indirekt auf das archaische Meisterwerk vorauswies.

Gefeiertes Academy-Orchester

Auch damit war dies ein einzigartiges Programm, das so von einem Tourneeorchester kaum zu haben wäre. Der Akzent auf der frühen Moderne rückte das Festivalorchester zudem näher ans Orchester der Academy heran. Sein Klang mochte grobkörniger sein als jener des Eliteklangkörpers. Aber unter der Leitung von Heinz Holliger zeigte auch es eine eigene, andere Handschrift.

Nach Debussys eher analytisch-trocken dargebotenen Ballettmusik «Khamma» bot Charles Koechlins «Dschungelbuch»-Vertonung «Les Bandar-log» auch hier eine Entdeckung. Mit wie Magnetfelder ausgespannten Klängen, turbulentem Affentheater und einem ehrfürchtig-verklärten Schluss verhalf sie dem Academy-Orchester zu einer Spannweite, die – wie bei Debussy – vom Dämmerpiano bis zum prachtvollen, massvoll ausgereizten Breitwandsound reichte. Ein Plädoyer für die Musik des 20. Jahrhunderts war der demonstrativ lange und heftige Schlussapplaus im gut besuchten Konzertsaal.

Vernetzung bis zu den «Alpentönen»

Weg vom Tourneebetrieb, hin zu eigenen Projekten – dazu gehört auch die Vernetzung der Angebote. So war das erste Konzert in der Reihe «Identitäten» am Samstagmorgen mit Musik von Holliger eine Art Vorkonzert zum Academy-Orchester. Und weil das Ensemble «sCHpillit» und das Vokalensemble Zürich mit Holligers «Albchehr» ein Urgestein neuer Schweizer Volksmusik aufführten, wurde die Co-Produktion mit den «Alpentönen» gestern in Altdorf wiederholt.

Der Rahmen der Luzerner Lukaskirche liess freilich nicht erahnen, wie direkt sich hier zeitgenössische Musik unters Volk mischt. Das galt gleich zu Beginn für Helena Winkelmans «Ronde des Lutins», das lustvoll, anspielungsreich und klischeefrei mit Volksmusikidiomen spielt und ländlert. Aber es galt auch für Holligers sprachnahe «Kinderlieder» wie für seine musikalischen Aphorismen auf Texte von Bernadette Lerjen-Sarbach («Gränzä»). Die fanden freilich «Nach eru längu Nacht» aus verfremdeten Natur- und Volkstönen heraus auch zur Todesleere, die der Schluss von Holligers Violinkonzert beschwört.

Urs Mattenberger
<span style="font-size: 1em;">urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch</span>

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