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LUCERNE FESTIVAL: Elizabeth Wexler: «Wir haben doch alle gewisse Rollen»

Projektorchester als Türöffner für Frauen: Die Geigerin Elizabeth Wexler erzählt, wie beim Chamber Orchestra of Europe Hierarchien aufgehoben werden – nicht nur zwischen den Geschlechtern.
Interview Katharina Thalmann
Das Chamber Orchestra of Europe – hier mit Cellistin Alisa Weilerstein – eröffnet den Dvorák-Zyklus mit Bernard Haitink. (Bild: Lucerne Festival/ Peter Fischli)

Das Chamber Orchestra of Europe – hier mit Cellistin Alisa Weilerstein – eröffnet den Dvorák-Zyklus mit Bernard Haitink. (Bild: Lucerne Festival/ Peter Fischli)

Interview Katharina Thalmann

Das Chamber Orchestra of Europe (COE) wurde 1981 von ehemaligen Musikern aus Abbados European Community Youth Orchestra (ECYU) gegründet. Das COE, bei dem die Geigerin Elizabeth Wexler als Gründungsmitglied mitspielt, gibt an diesem Sommerfestival fünf Konzerte – mehr als jedes andere Orchester.

Elizabeth Wexler, das Chamber Orchestra of Europe ist ein Projekt­orchester: Die Musiker reisen aus ganz Europa zu den Konzerten. Auch stilistisch ist das COE enorm vielseitig. Wie modern ist das Orchester in Bezug auf Geschlechterfragen?

Elizabeth Wexler: Ich muss gestehen: Als wir uns gründeten, dachten wir überhaupt nicht daran, ein modernes Orchester sein zu wollen. Wir sagten: So machen wir es, auf diese Weise wollen wir Musik spielen. Erst Jahre später merkten wir, dass wir wohl mit gewissen Traditionen gebrochen hatten. Dabei habe ich nie eine Erfahrung gemacht, von der ich dachte: Das ist jetzt passiert, weil ich eine Frau bin. Ich erlebte immer totale Gleichberechtigung.

Was unterscheidet das COE von fest institutionalisierten Berufsorchestern in Städten und Gemeinden?

Wexler: Erstens sind alle Musiker freischaffend und selbstständig. Wenn also die Spieler heimgehen, dann sehen sich alle mit verschiedenen Umständen konfrontiert. Die Schweden sind zum Beispiel sehr gut umsorgt, wir Briten überhaupt nicht, aber wir sind es uns gewohnt. Mit diesem Aspekt gilt es im Orchester umzugehen. Zweitens verdienen bei uns alle Musiker genau gleich viel.

Einheitliche Löhne sind nicht üblich?

Wexler: Nein, die meisten Orchester haben ein hierarchisch organisiertes Lohnsystem; der Stimmführer verdient mehr als ein Tutti-Musiker. Und wieder: Wir dachten nicht, dass das bemerkenswert wäre, sondern empfanden das einfach als gute Idee. Wir hatten eine junge, kindliche Perspektive auf solche Sachen. Drittens wechseln wir immer die Plätze in den ersten und zweiten Violinen. Das ist für die Spieler sehr aussergewöhnlich. Mal spiele ich zweite Violine, diesmal sitze ich hinter dem Stimmführer. Das ist eine Herausforderung, die sehr viel Abwechslung bringt.

Wer organisiert Ihre Reisen, wer stellt Ihre Programme zusammen?

Wexler: Wir wählen untereinander im jährlichen Turnus ein Komitee. Dieses trifft sich mit unserem Management. Wir bringen unsere Ideen bezüglich Repertoire, Solisten und Dirigenten, und das Management verlinkt uns – wenn es gut läuft – mit diesen Akteuren.

Haben Sie selbst in den 80ern die Gender-Thematik nie als benachteiligend empfunden?

Wexler: Im Orchester? Nie. Bei einer einzigen Entscheidung meines Lebens spielten solche Fragen mit: Mein Mann ist Deutscher, wir haben uns im European Community Youth Orchestra kennen gelernt. Er studierte dann in Wien und ich in Israel. Wir überlegten uns, wo wir leben könnten. Und ich dachte damals: Ich kann nicht in eine Stadt gehen, in der Frauen nicht willkommen sind im Orchester. Vielleicht hätte in Wien mein Leben eine andere Wendung genommen.

Sie haben zwei erwachsene Töchter und einen 17-jährigen Sohn. Wie hat das Leben mit zwei viel reisenden Eltern funktioniert?

Wexler: Es war eine Herausforderung. Aber es hat den Kindern viel gebracht, weil sie sahen, dass Musik etwas ist, was ihre Eltern lieben. Die Kinder wuchsen in London auf. In England war es möglich, sie ab und zu aus der Schule zu nehmen, das half.

Sie haben also einen Weg gefunden, mit der familiären Situation umzugehen, ohne sich in eine Rolle drängen zu lassen?

Wexler: Wir haben doch alle gewisse Rollen, nicht wahr? Mein Mann kommt aus einem patriarchisch geprägten Umfeld. Und sagte sich: So will ich nie sein. Er hat mich unglaublich unterstützt – selbst wenn ich manchmal glaubte, dieses oder jenes Unterfangen sei verrückt. Ich habe grosses Glück.

Am Sonntag tritt das COE innert eines Tages mit zwei Dirigentinnen auf. Ist das für Sie etwas Besonderes oder einfach ein Tag harter Arbeit?

Wexler: Das ist natürlich harte Arbeit. Wir haben zuvor noch nicht mit den beiden Dirigentinnen Mirga Gražinyte-Tyla und Anu Tali gespielt, ich habe aber gute Dinge gehört. Sie bringen zudem Stücke, die das COE noch nie gespielt hat, das mag ich sehr. Aber wieder: Ob das Frauen oder Männer sind, ist irrelevant. Mit Dirigentinnen zu spielen ist dennoch rar. Ich weiss nicht warum.

Das COE hat eine grosse Beethoven-Tradition, ich denke insbesondere an die Einspielungen mit Harnoncourt. Wie ist es, innert einer Woche zwei Beethoven-Sinfonien zu spielen?

Wexler: Wir haben in der Tat eine starke Beethoven-Kultur, aber sind gleichzeitig offen für neue Impulse. Mit Leonidas Kavakos als Dirigent haben wir bereits Beethoven gespielt, und ich mochte es sehr. Die vierte wird fabelhaft! Und auch die sechste Sinfonie mit Mirga Gražinyte-Tyla wird toll, sie hat einen guten Ruf.

Bereits das European Jugendorchester war ein modernes Orchesterkonzept. Das COE trägt seit 35 Jahren nun schon diesen Pioniergeist weiter. Wie schafft man es, diesen so lange zu erhalten?

Wexler: Nicht ganz irrelevant ist, dass wir, anders als städtische Residenzorchester, nicht darauf achten müssen, was das lokale Publikum will. Wir haben keinerlei politische Aufgaben, es ist nur Musik. So werden möglicherweise diese Fragen, ob wir weibliche Komponistinnen oder Dirigentinnen repräsentieren, gar nicht erst gestellt.

Mit Haitink in neue Welten

KONZERT mat.Als Geschenk in den späten Jahren seiner Karriere bezeichnete der Dirigent Bernard Haitink (87) das Chamber Orchestra of Europe. Das Gespann wurde zu einem wichtigen Pfeiler des Festivals: In Beethoven-, Brahms- und Schumann-Zyklen ging die historisch sensibilisierte und geschärfte Tradition des Orchesters mit Altmeister Haitink eine ebenso magische wie aufrührerische Synthese ein.

Ihr Auftritt am Montag bewies, dass das Grossprojekt in diesem Sommer solche Qualitäten in die späte Romantik Antonin Dvoráks hineinträgt. Selbst in der Tondichtung «Mittagshexe» zeigte sich die unglaubliche Ausdrucks- und Farbenpalette, die der transparente Orchesterklang unter Haitink erreicht. Vom schlanken Schmelz der Geigen über das frei schwebende Atmen der Holzbläser bis zum fauchend aufgekratzten Posaunen-Chor hatte jeder Klang individuelle Farbe, Sämigkeit und Körnigkeit. Die hauchzarte Pianissimo-Kultur führte im Cellokonzert vorab zu intimen Höhepunkten in den Dialogen zwischen Solo (Alisa Weilerstein) und Orchesterstimmen.

Die Fortesteigerungen, die hier zum Teil doch massiert klangen, fächerte Haitink in der Sinfonie aus der Neuen Welt so auf, dass dazwischen bei aller beissenden Schärfe immer Luft zum Atmen blieb: ein Wiedergabe, die alle Qualitäten mysteriös vereinigte und so versonnen wie stürmisch unter einen Bogen spannte. Auch für die Zuhörer: ein Geschenk.

Die Geigerin Elizabeth Wexler. (Bild: Lucerne Festival/ Peter Fischli)

Die Geigerin Elizabeth Wexler. (Bild: Lucerne Festival/ Peter Fischli)

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