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LUCERNE FESTIVAL: Für junge Wilde gibt es keine Rezepte

Prominentes Seminar mit Wolfgang Rihm: Der Komponist und sein jüngster Schüler geben über zwei Generationen hinweg ­Einblicke in die Werkstatt von Komponisten.
Urs Mattenberger
Nicht Schüler und Meister, sondern Austausch über Generationen hinweg: Franz Rieks (18) und Wolfgang Rihm (64) in einer Probe des Komponisten-Seminars. (Bild: Stefan Deuber)

Nicht Schüler und Meister, sondern Austausch über Generationen hinweg: Franz Rieks (18) und Wolfgang Rihm (64) in einer Probe des Komponisten-Seminars. (Bild: Stefan Deuber)

Urs Mattenberger

Sein Name ist so Ehrfurcht gebietend lang wie ein Adelstitel: Franz Ferdinand August Rieks. Noch länger und höher gegriffen sind die Titel seiner Werke. «Die hängenden Menschen über dem Horizont kehren zurück» heisst etwa das Ensemblestück, das Rieks am ersten Composer-Seminar des Festivals dem Komponisten Wolfgang Rihm vorgelegt hat. Morgen wird es im Abschlusskonzert des Seminars mit den Werken der übrigen Seminar-Teilnehmer von Academisten aufgeführt.

Einblick in Komponistenwerkstatt

Aber der Eindruck täuscht. Der Deutsche ist mit 18 Jahren nicht nur der jüngste Komponist im Composer-Seminar. Mit seinem quirligen Wuschelhaar und seiner aufgeweckten Art wirkt er im T-Shirt so normal wie ein Junge von nebenan. Und das galt auch für den Auftritt, mit dem er sich und einzelne seiner Werke den Seminarkollegen vorstellte. Am Beispiel seines Klavierstücks «Rhythmen entlang des Endes der Räume» etwa veranschaulichte er, wie er in stundenlangen Improvisationen am Klavier Material und Stimmungen sucht für eine neue Komposition. Er setzte sich im Seminarraum im KKL ans Klavier und hämmerte eine wild aufgesplitterte und doch klare musikalische Geste in die Tasten: Das, so meinte er, sei der Abschnitt aus seiner damaligen Improvisation, die zur Keimzelle wurde des auskomponierten Stücks, das aggressive Tonrepetitionen mit geheimnisvollen Resonanzklängen kontrastiert. Wie er das abgewandelt, weiterentwickelt und kontrastiert hat: Auch das veranschaulichte Rieks mit einer Souveränität, die den Konzertpianisten verrät, der in Rezitals auch mal «Hammerstücke» wie Beethovens «Waldstein»-Sonate oder Prokofjews siebte Klaviersonate mit eigenen Werken und Improvisationen kombiniert.

«Unbedingt wild bleiben!»

Mit dem Composer-Seminar macht der Komponist Wolfgang Rihm als neuer künstlerischer Leiter der Lucerne Festival Academy das Komponieren verstärkt zum Thema. Welche Inputs gibt er da zu einem solchen Werk? «Ich gebe keine Rezepte, wie man komponieren soll», sagt er und lächelt: «Hätte ich solche Rezepte, müsste ich ja gar nicht mehr komponieren, weil alles klar wäre. Ich stelle Fragen und versuche damit herauszufinden, welche Idee hinter einem Stück steht. Und helfe den jungen Komponisten, ihre eigenen Ideen zu verdeutlichen und nicht zu verdecken.»

Im Fall von Rieks Klavierstück weist Rihm an konkreten Details auf grundlegende Aspekte hin. Er attestiert seinem Kompositionsschüler etwa einen «Wildwuchs» mit einer Vielzahl von Farben, Gesten und Ausdruck «hart an der Grenze zu Klischees». Das freilich ist nicht (ab)wertend gemeint: «Versuche unbedingt, wild zu bleiben, aber das mit mehr Selbstkontrolle zu verbinden.»

Wie weit können die Komponisten im Rahmen des Seminars solche Anregungen aufgreifen – beispielsweise in den Stücken, die in dieser Woche von Academisten geprobt wurden? «Die Werke sind schon länger fertig, da gibt es kaum noch Änderungen», meint Rihm: «Es geht auch nicht darum, Werke zu verändern, sondern die Menschen. Wer etwa kompliziert schreibt, kann erkennen, dass das Resultat dennoch simpel sein kann. Und wer simpel schreibt, erkennt vielleicht, dass sich die Muster manchmal im Weg stehen und nur dröge wirken.»

Keine Angst vor «Klischees»

Auch Rieks hat an seinem Ensemblestück nichts mehr verändert. Dennoch hat er wichtige Anregungen dazu bekommen, etwa die, dass in einem solch dicht verwobenen Werk auch «Lücken» Sinn machen können und die stehenden Klangflächen solistische Aktionen auch mal zudecken. «Das sind die Dinge, die ich beim weiteren Komponieren sicher berücksichtigen werde», lacht er. Aber die Idee, an einem bestehenden Stück herumzufeilen, bis daraus vielleicht ein Meisterwerk entsteht, ist ihm fremd: Vielleicht ist das eine Generationen- oder Altersfrage: «Ich habe noch keinen Personalstil, den ich in jedem Werk anders umzusetzen versuche. Mit jedem Stück versuche ich im Gegenteil, eine neue und eigene Klangwelt zu schaffen.»

Das Stück «Von den hängenden Menschen» beginnt mit einer signalartigen Figur der Oboe, verwebt sie mit geradezu barock ausgekosteten Seufzergeweben und löst solch klare Gesten in einem sogartig gesteigerten, auch virtuos dramatisierten Verlauf auf. Auch da gibt es also bekannte Muster – bis hin zu Drei­klangsmelodik und repetitiv romantisierenden Klangteppichen. Können solche «Klischees» helfen, die Musik dem Publikum verständlich zu machen? «Die Muster ergeben sich einfach aus den Improvisationen, in denen ich Material für neue Kompositionen erkunde», meint er dazu: «Aber ich verstehe mich tatsächlich nicht als Komponist, der gefangen ist im Käfig der zeitgenössischen Musik. Ich selber bin auch als Hörer völlig offen für alle Arten von Musik», sagt er und nennt Hip-Hop-Stücke, aus denen man zum Beispiel problemlos ein zeitgenössisches Perkussionsstück machen könnte. «Und natürlich will ich Musik machen, die fassbar ist, nicht nur verständlich für das Publikum, sondern ebenso attraktiv zum Spielen für die Musiker.»

Klarheit für andere und sich selber

Damit ist für Rieks auch die Vermittlung von Neuer Musik ein wichtiges Thema. Gerade dafür erhielt er am Composer-Seminar wichtige Anregungen: «Wenn man vor Kollegen sich und seine Arbeit erklären muss, gewinnt man nicht nur mehr Klarheit über sich selber. Man erhält auch mehr Sicherheit, über seine eigene Musik zu sprechen. Und ein Vokabular, sich anderen verständlich zu machen.» Und das gilt im besten Fall nicht nur für das Sprechen über Musik, sondern auch für die Musik selber.

Dirigieren von Kopf bis Fuss

Sinfoniekonzerte mat.Bringen Frauen am Pult eine weibliche Ästhetik ein? Wer solche Fragen zum Thema Primadonna als blosse Klischees abtut, wurde jetzt auf überraschende Weise eines Besseren belehrt. Denn in zwei Sinfoniekonzerten verkörperten Barbara Hannigan und Franz Welser-Möst ganz unterschiedliche Dirigententypen.

Typisch Frau!

Gewiss, Hannigan, die am Dienstag mit dem Mahler Chamber Orchestra auftrat, ist ein Sonderfall auch unter Dirigentinnen. Denn als Sängerin setzt sie theatrale Effekte auch beim Dirigieren ohne Scheuklappen ein. So sang sie süffig orchestrierte Gershwin-Songs im knöchellangen, hoch geschlitzten Kleid. Und der Jubel im Saal bewies: Frauen können mit den Rollen, die ihnen offenstehen, in der Performance neue Akzente setzen, wie sie der Klassikbetrieb durchaus braucht.
Allerdings galt das weniger für die Interpretationen. Die stärksten Eindrücke hinterliessen Hannigans Auftritte als fabelhafte Sängerin (ein Höhepunkt: Sibelius’ «Luonnotar»). Alban Bergs Lulu-Suite war interessant durch die frappante Nähe zu Gershwins Klangwelt, fand aber erst allmählich zu einem spannungsvoll fokussierten Klang. Und eine Haydn-Sinfonie bot bestenfalls heute marktüblichen Klassiker-Standard.

Typisch Mann?

Franz Welser-Möst verkörperte am Mittwoch am Pult des Cleveland Orchestra den Gegentypus eines Dirigenten, der auf jede Show verzichtet. Wo Hannigan ihre nackten Arme durch die Luft schwang, beschränkte der Österreicher sich auf knappe Körpersignale und dirigierte mehr mit dem Ausdruck seines Gesichts. Das genügte, um Bartóks Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta vom geisterhaft-beklemmenden Pianissimo bis zum Aufruhr mit Spannung und Magie zu füllen – mit einem Streicherklang, der auch in der Düsternis ein hohes Mass an Umrissschärfe bewahrte.


Beethovens «Eroica» dagegen litt unter dem Kompromiss, den die Grossbesetzung bei raschen Tempi mit sich brachte. Das Resultat war ein allzu gepresstes Klangbild, aus dem vor allem die Trompetenspitzen mühelos herausragten. Der sportliche Drang, von dem sich die Marcia funebre wie eine Reminiszenz an Bartók abhob, war freilich vom revolutionären Elan erfüllt, zu dem Beethoven – typisch Mann? – Napoleon inspirierte.

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